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Der Wind hat ihm den Raps gebracht

Von Gerd Braune, Handelsblatt
Mit dem US-Agrokonzern Monsanto liefert sich Perce Schmeiser seit Jahren einen erbitterten Streit um die Nutzung von gentechnisch verändertem Raps, der bis zum Obersten Gerichtshof Kanadas geführt hat.
BRUNO/KANADA. "Es gibt keine Koexistenz von herkömmlichem und gentechnisch verändertem Getreide?, sagt Percy Schmeiser und blickt über die leicht hügelige Prärie der kanadischen Provinz Saskatchewan. ?Wenn man einmal genetisch veränderte Organismen eingeführt hat, sind sie da. Farmer wie ich können dann keinen normalen Raps mehr anbauen.?Niemals, meint der 73-Jährige aus der Gemeinde Bruno in Westkanada, sollten Bauern das Recht verlieren, Saat aus ihrer eigenen Ernte bei der Wiederaussaat zu verwenden. Aber genau dieses Recht werde ihm streitig gemacht. ?Sie wollen uns total beherrschen. Sie unterdrücken unsere Rechte als Farmer?, schimpft der streitbare Mann.

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?Sie?, das ist Schmeisers mächtiger Gegner, der US-Agrokonzern Monsanto, Hersteller gentechnisch veränderter Pflanzen und von Unkrautvernichtungsmitteln. Mit Monsanto liefert sich Schmeiser seit Jahren einen erbitterten Streit um die Nutzung von gentechnisch verändertem Raps, der bis zum Obersten Gerichtshof Kanadas geführt hat. An diesem Freitag entscheidet der Supreme Court in Ottawa über eine Klage Monsantos gegen Schmeiser.Vom Kampf Davids gegen Goliath ist oft die Rede. Aber ein David ist Schmeiser, der eine 650 Hektar große Farm ? etwa zehnmal so groß wie ein deutscher Bauernhof ? östlich der Stadt Saskatoon bewirtschaftet, schon lange nicht mehr. Er weiß die Anti-Gentechnologie- und Anti-Globalisierungsbewegung hinter sich. Er reist nach Europa, Asien, Indien, spricht auf Kongressen. Eloquent vertritt er seinen Fall, geübt nicht nur durch zahllose Interviews. 26 Jahre war er Bürgermeister des 600-Einwohner-Örtchens Saskatoon und auch mal Mitglied des Provinzparlaments von Saskatchewan.Der drahtige alte Herr mit dem gewellten braunen Haar blinzelt in die Sonne. Es fällt nicht leicht, sich diesen Mann, der Traktoren repariert, den Mähdrescher steuert und über kilometerlange, staubige Schotterstraßen durch Raps- und Weizenfelder fährt, im Anzug vorzustellen, wenn er den Repräsentanten eines internationalen Agrarkonzerns in Gerichtssälen gegenübersitzt.?Dies war alles Buschland, als mein Großvater hierher kam?, sagt Schmeiser. Seine Vorfahren stammen aus Österreich. ?A bisserl?, antwortet er auf die Frage, ob er Deutsch spreche. ?Die ganze Region war eine Deutsch sprechende Gemeinde.? Der Beweis: ?Fulda 21 Kilometer? steht auf dem Schild an einer Kreuzung. Gemeint ist nicht die hessische Stadt, sondern ein kanadischer Ort gleichen Namens.Schmeiser hält am Rand eines Feldes. ?Hier begann alles.? Er meint den Konflikt mit Monsanto. Das Verfahren findet Beachtung über Kanada hinaus, es geht um den Umfang von Patentrechten und das Recht von Bauern, die sich gegen den Einsatz von gentechnisch manipulierten Organismen wehren. Die Industrie befürchtet eine Aushöhlung des Patentschutzes, Einbußen bei der Vermarktung ihrer Erfindung und die Bedrohung Kanadas als Biotech-Standort.Monsanto hat den Farmer auf Zahlung von fast 20 000 Dollar verklagt, weil er ohne Genehmigung den gentechnisch veränderten Raps ?Roundup Ready Canola? angebaut habe. Sollte Schmeiser verlieren, drohen ihm mehr als 100 000 Dollar Gerichtskosten. Für die Rapsart, die gegen das von Monsanto produzierte Unkrautvernichtungsmittel Roundup resistent ist, hat Monsanto bis 2010 das Patent. Schmeiser lehnt die Zahlung ab, da die Saat gegen seinen Willen von vorbeifahrenden Lastwagen oder von Wind oder Wasser von benachbarten Feldern auf sein Land gebracht worden sei.Im Sommer 1997 sprühte er als ?normale Unkrautkontrolle?, wie es später in Gerichtsakten heißen sollte, am Feldrand das Unkrautvernichtungsmittel Roundup. Einige Tage später war das Unkraut tot, aber Rapspflanzen inmitten des Unkrauts überlebten. Im nächsten Jahr ergaben Tests, dass ein größerer Teil der Ernte aus Roundup-Ready- Raps bestand. Monsanto forderte Schadensersatz.Anders als seine Nachbarn kaufte Schmeiser bei Monsanto weder Rapssaat, noch unterschrieb er einen Vertrag mit dem Konzern. Seit mehr als einem halben Jahrhundert baue er Raps an, sagt er. ?Meine Frau und ich haben Saatgut entwickelt, das gegen Krankheiten, die in West-Kanada auftreten, resistent ist. Es war eine natürliche Auswahl.?In zwei Vorinstanzen unterlag Schmeiser. Er habe mit dem Anbau von Roundup-Ready-Raps Patentrechte verletzt und müsse den errechneten Profit aus dem Verkauf Monsanto überlassen. Der Farmer, so Monsantos Anwalt Roger Hughes vor dem Obersten Gericht, habe wissentlich gentechnisch modifiziertes Getreide verkauft. Das Gericht wird nun klären müssen, ?wo Monsantos Patentrecht endet und wo das Recht der Farmer beginnt?, sagt Schmeisers Anwalt Terry Zakreski.Nach Überzeugung der Gentechnik-Gegner wäre eine Entscheidung des Obersten Gerichts zu Gunsten Schmeisers über Kanada hinaus ?ein entscheidender Schritt, die Patentierung von Leben zu stoppen und die Rechte der Farmer wiederherzustellen?, sagt Andrew Kimbrell vom in Washington ansässigen International Center for Technology Assessment. Schmeiser bleibt unbeugsam. Es sei das Recht eines Farmers, seine eigene Saat zu nutzen. ?Deshalb erhebe ich mich gegen Monsanto.?
Dieser Artikel ist erschienen am 21.05.2004