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Der wilde ?Doogie?

Von Matthias Eberle
Doug Parker ist jung und risikofreudig. Doch der Plan des US-Airways-Chefs, den Rivalen Delta Air Lines zu übernehmen, stößt auf Widerstand - bei Delta genauso wie bei der eigenen Belegschaft, der alles viel zu schnell geht. Wer ist dieser Mann, der Revolutionen im Morgengrauen ankündigt? Ein Hasardeur, weil er im Urlaub schon mal Bungee springt und in Spanien Bullen reitet?
NEW YORK. Der Angriff kommt aus dem Tal der Sonne in Arizona und erreicht Atlanta zunächst über das Radio. Als sich Luftfahrt-Veteran Gerald Grinstein am Morgen des 8. November gerade die Krawatte bindet, traut er seinen Ohren nicht. Die von ihm geführte Fluglinie Delta Air Lines soll aus der Insolvenz heraus feindlich übernommen werden.Grinstein, der das wissen sollte, eilt zu seinem Blackberry und findet tatsächlich eine E-Mail des Vorstandschefs von US Airways: ?Dear Jerry?, schreibt Doug Parker (45) an seinen fast 30 Jahre älteren Rivalen bei Delta. ?Ich bin enttäuscht, dass Sie ein gemeinsames Treffen verweigern und nicht einmal in Diskussionen einsteigen wollen.? Deshalb werde er diesen Brief, nachdem Grinstein das erste Angebot Ende September ablehnte, jetzt an die Öffentlichkeit geben.

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Wenige Stunden später schießen die Aktien der im Vorjahr mit America West fusionierten US Airways um fast 20 Prozent nach oben. Investoren fordern euphorisch den nächsten Zusammenschluss, obwohl die nach ihrer zweiten Insolvenz gerade erst neu sortierte US Airways ein fast neun Milliarden Dollar teures Risiko eingeht, nur um einen zahlungsunfähigen Airline-Riesen zu schlucken.Die US-Luftfahrtbranche, frisch erholt nach den Problemen seit dem Flugzeug-Terror des 11. September 2001, ist in Aufruhr: Parkers Ziel, aus Delta und US Airways die weltgrößte Fluggesellschaft zu schmieden, setzt Schwergewichte wie American, United oder Continental unter Handlungsdruck.Wer ist dieser Mann, der Revolutionen im Morgengrauen ankündigt? Ein Hasardeur, weil er im Urlaub schon mal Bungee springt und in Spanien Bullen reitet? Ein Provokateur wie Ryanair-Chef Michael O?Leary, weil er regelmäßig Krawatten meidet und auf alte Traditionen der Glamour-Branche pfeift?Wer Parker bei Branchentreffen wie dem jährlichen Phoenix Aviation Symposium erlebt, will weder das eine noch das andere glauben: Anders als Lautsprecher O?Leary gibt Parker den freundlichen, sportlich-lässigen Typ ?Nice Guy?, der offensichtlich Sympathiepunkte sammeln will. Selbst die jüngsten Interviews, in denen Parker seine Ambitionen verdeutlicht, bald eine Flotte von mehr als 800 Flugzeugen führen zu wollen, zeigen ihn leger im offenen Hemd. William Franke, sein Vorgänger bei America West, erklärt das so: Parker, der intern ?Doogie? genannt wird, wolle auch auf dem Chefposten ?einer aus der Bande? bleiben ? ein ?nice guy? eben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Giftpfeile fliegen Richtung ArizonaWenn etwas aus dem Rahmen fällt bei ?Doogie?, dann allenfalls sein Wohnsitz Paradise Valley und die stets heiser wirkende Stimme, die seinen dahingenuschelten Midwest-Dialekt zusätzlich verunstaltet. Die Branche hat Parker und seine Regional-Fluglinie aus dem Wüstenstaat Arizona deshalb lange unterschätzt. Dort, wo vor gut 120 Jahren noch Apachen und Navajos das Terrain beherrschten, sorgt jetzt ein Bleichgesicht für Furore: ?CEO Parker lässt die Zyniker verstummen?, titelt die Zeitung ?Arizona Republic? stolz.Von Anfang an habe er in großen Dimensionen gedacht, erzählen Wegbegleiter. Nach der Universität geht Parker 1986 zu American Airlines und arbeitet sich als scharfsinniger Finanzexperte nach oben, wechselt zu Northwest Airlines und wird 1995 Finanzchef von America West. Die Fluglinie aus Tempe, Arizona, kommt damals aus der Insolvenz und überlebt später auch das Terrorjahr 2001 nur dank einer 380-Millionen-Kapitalspritze von der US-Regierung. Parker soll das Unternehmen neu aufbauen und wird mit kaum 40 Jahren jüngster Chef seiner Branche. Er boxt Finanzierungsrunden durch, feiert erste Erfolge mit Champagner und bastelt America West zum Billigflieger um.Dabei helfen ihm junge Kollegen: Parkers verlängerter Arm Scott Kirby, ein Air-Force-Absolvent und Blackjack-Spieler, ist heute gerade mal 39; Finanzchef Derek Kerr kaum drei Jahre älter. Das Trio holt zu seinem ersten großen Schlag aus, als mit US Airways, United, Delta und Northwest die halbe US-Flugindustrie in Konkursverfahren steckt. Die von der Liquidation bedrohte US Airways wird übernommen, allein die Marke und Teile des Streckennetzes bleiben erhalten. Nach Parkers herben Kosteneinschnitten überrascht die neue US Airways bald mit der schlankesten Struktur aller großen US-Fluglinien. Jetzt wagt Parker noch mehr. Sein Angriff auf Delta läuft nach dem gleichen Muster: Er will sich die bekanntere Marke schnappen, den Konzern in der Insolvenz auf Maß zurechtstutzen und dann über Kosten- und Größenvorteile dem Wettbewerb davonfliegen.Auffällig ist, dass er so wiederholt Investoren überzeugt, die sonst von der chronisch kranken Airline-Industrie die Finger lassen. Die Citigroup habe für die geplante Delta-Übernahme eine Finanzierung über 7,2 Milliarden Dollar zugesichert, beruhigt Parker die Wall-Street-Analysten. Seiner eigenen Mannschaft und der von Delta ruft er zu: ?Wir werden eine Menge Leute überraschen ? und viel Spaß dabei haben.?Von wegen: Die Delta-Chefetage wehrt sich, das Personal aus Atlanta schießt Giftpfeile Richtung Arizona, und selbst der eigenen Belegschaft, die kaum ihre America-West-Flieger in die Farben von US Airways umlackiert hat, geht jetzt alles viel zu schnell. Aber Parker ist entschlossen, das große Ding durchzuziehen. ?Wir sind es unseren jeweiligen Teilhabern schuldig, dieser Möglichkeit energisch nachzugehen?, schreibt er an Delta-Chef Grinstein. ?Ich hoffe, bald von Ihnen zu hören. Hochachtungsvoll, Ihr W. Douglas Parker.?
Dieser Artikel ist erschienen am 28.11.2006