Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der wichtigste Energieboss der Welt

Von Thomas Wiede, Handelsblatt
Der saudische Ölminister Ali Ibrahim Naimi managt die Opec wie ein Dompteur.
WIEN. Der kleine, drahtige Mann geht mit schnellen Schritten entlang der kaiserlich-königlichen Prachtkulisse. Er kennt seinen Weg: einmal rund um die Wiener Ringstraße, den Nobelboulevard der österreichischen Hauptstadt. Es ist 7.30 Uhr, und ein feuchter kalter Nebel hängt über der Stadt.Ali Ibrahim Naimi genießt seinen morgendlichen ?Powerwalk? ? immer wenn er in Wien ist, dreht er seine Runde. Da kann der 69-Jährige entspannen, nachdenken über die Schönheit der Architektur, über Politik ? und über Öl. Eine Stunde gibt er sich, dann wird er seinen schwarz-gelben Jogginganzug ausziehen, und aus dem Frühsportler wird wieder der saudi-arabische Ölminister, der Mann, der mit einem Räuspern den Ölpreis bewegen kann, so wie Alan Greenspan die Finanzmärkte.

Die besten Jobs von allen

Mit seinen Amtskollegen diskutiert er schon beim Frühstück in einem Wiener Grandhotel darüber, welches Zeichen die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) an die Ölmärkte senden soll. Es ist nicht einfach mit diesem Kartell und seinen elf Mitgliedern, die eigentlich nur eines wollen: mehr Geld mit ihrem Öl verdienen ? das ist der einzige Konsens.Der Saudi Naimi spielt eine zentrale Rolle. Sein Land sitzt auf einem Viertel der weltweit nachgewiesenen Reserven. Das konservative Königreich schafft es auch als einziges Förderland, in Notfällen zusätzliches Öl auf den Markt zu werfen, um den Preis unter Kontrolle zu halten. Alle anderen produzieren bereits an ihrer Obergrenze.Dennoch wollen sie mehr: höhere Quoten, so wie Nigeria oder Algerien. Sie ziehen und zerren, verhandeln hinter geschlossenen Türen, meist betrügen sie, wenn es darum geht, die abgesprochenen Fördermengen einzuhalten. Und sie treiben Naimi. Vielleicht muss er deswegen so viel laufen, sagt der passionierte Jogger im Scherz.Dabei hat er die Organisation so gut im Griff wie kaum einer vor ihm: Mit der Opec ist es wie in einem seiner Lieblingsfilme: ?The Twelve Angry Men?, einem alten Hollywood-Streifen. Da sitzt eine Jury über einen Angeklagten zu Gericht, alle sind von seiner Schuld überzeugt, bis auf einen. Und der überzeugt sie nacheinander mit seiner Logik. Am Ende wird der Angeklagte freigesprochen.Naimi mag dieses Bild: Er spielt seine Macht im Kartell nicht offen aus, er will überzeugen ? ein stiller Dompteur: ?Es ist nicht nur wichtig, dass wir verlässlich sind?, sagt er, ?wir müssen auch die richtigen Entscheidungen treffen.? Richtig: das heißt, sie muss gut für die Förderländer sein, aber auch für die Abnehmer. Auf sein Betreiben hat sich die Opec vor drei Jahren einem Preisband verschrieben: Das Fass Öl soll nicht mehr als 28 Dollar und nicht weniger als 22 Dollar kosten. Bei allen weltpolitischen Turbulenzen war der Ölpreis tatsächlich schon lange nicht mehr so stabil. Beobachter und Freunde wie der ehemalige Aramco-Vertreter in Washington, Michael M. Ameen, würdigen sein Managementtalent: ?Er ist ein Teamspieler?, betont Ameen gerne. Naimi redet nicht gerne in der Öffentlichkeit. Wenn es nichts zu sagen gibt, schweigt er lieber. Selbst wenn ihn ein Journalistentross in der Drehtür des Hotels einklemmt, zeigt er nur ein Lächeln.Er ist im Ölgeschäft aufgewachsen. Der amerikanisch-saudische Ölkonzern Aramco hat dem Sohn einer Hirtenfamilie das Tor zur Welt und zur Karriere geöffnet. Sein Bruder hat ihm einen Job als Laufbursche verschafft. Der hat es dann nicht nur zum Studium in den USA, sondern bis in den Chefsessel der Aramco gebracht, bevor er 1995 auf den wohl wichtigsten Kabinettsposten im Ölkönigreich berufen wurde.Seinem alten Arbeitgeber, der langsam, aber sicher in staatliche saudische Hände gewandert ist, fühlt sich Naimi immer noch verbunden. Dieser ?Corporate Identity?, die da sagt: Wir schaffen das allein, wir brauchen keine Hilfe von außen. Und: Was gut ist für die Firma, ist auch gut für das Land. Dieser Linie bleibt der Traditionalist treu.Doch wie mächtig ist ein Minister, ein Technokrat in einem beinahe absolutistischen Königreich? ?Auch Naimi ist nichts weiter als der Diener seines Herrn?, sagt ein Londoner Analyst. Vor allem, da sich heute die königliche Familie wesentlich mehr für das Ölgeschäft interessiert als in den frühen Jahren. Als 1933 Aramco gegründet wurde, verlas König Ibn Saud das Dokument und schlief ein. Heute hat Naimi einen Vertreter der Dynastie in seinem Ministerium sitzen: Prinz Abdulaziz Bin Salman. Die beiden, heißt es, ziehen nicht immer am gleichen Strang.?Ali Naimi hat sich einen Job und eine Position geschaffen und füllt sie nun aus?, sagt eine Beobachterin. Der begeisterte Sportler, der nicht raucht, nicht trinkt, agiert vorsichtig. Er und seine Opec-Kollegen werden sich regelmäßig treffen in den großen Hotels dieser Welt. Damit die Ölmilliarden weiter ihre Haushalte stützen können.An diesem Wiener Morgen ist es sieben Grad warm. Die Brille des Ministers beschlägt kaum. Zu warm für die Jahreszeit ? schlecht für die Opec. Dann wird weniger geheizt.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.12.2003