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Der wetterfeste Banker

Von Katharina Kort, Handelsblatt
Erst im Sommer 2002 ist Achim Kassow zum Online-Broker Comdirect gewechselt. Heute wird der Aufsichtsrat der Commerzbank den 38-Jährigen aller Voraussicht nach zum Vorstand für das Privatkundengeschäft der Bank ernennen.
Achim Kassow auf einer Bilanzpressekonferenz der Comdirekt Bank, Foto: dpa
HB FRANKFURT. Damit rückt ein recht ungewöhnlicher Banker bei der Commerzbank in eine Top-Position ? und einer, der fast die gesamte Karriere beim großen Konkurrenten Deutsche Bank gemacht hat. Ein Weggefährte aus den Zeiten bei der Deutschen Bank 24 sagt über Kassow: ?Er hat einen völlig anderen Managementstil als es in der Deutschen Bank üblich war.?Bei Konferenzen spricht der jungenhaft auftretende Comdirect- Chef frei und lebendig. So verglich er kürzlich die Zahlen des dritten Quartals mit dem lausigen Wetter im Norden Deutschlands, wo der Online-Broker in Quickborn angesiedelt ist: Während das Jahr sonnig begonnen habe, sei es im dritten Quartal in ein regelrechtes ?Schietwetter? umgeschlagen, erläuterte der Hobbysegler, der seinen Wohnsitz nach Hamburg verlegt hat.

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Auch sonst setzt Kassow nicht auf Gehabe. Er habe sich auch für das Gespräch mit einfachen Mitarbeitern nie zu fein gefühlt, erzählt der Ex-Kollege. Kassow sei kommunikativ und nicht hierarchiebestimmt, ?auf hohem theoretischen Niveau hands-on?. Er stehe für den neuen kundenorientierten Managertypus in Deutschland, der kooperativ, teamorientiert, aber trotzdem entscheidungsfreudig sei.Bevor Kassow zur Comdirect kam, sammelte der promovierte Betriebswirt zehn Jahre Erfahrung bei der Deutschen Bank. 1999 trat er der Geschäftsleitung der Deutschen Bank 24 bei und verantwortete dort den Discount Broker ?Brokerage 24?. 2001 rückte er in den Vorstand der Deutschen Bank 24 AG auf.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lob von allen SeitenBei der Deutschen-Bank-Tochter, die das Geschäft mit den Privatkunden bündeln sollte, war damals ein Mann Chef, der später ebenfalls zur Konkurrenz wechselte: Herbert Walter, der heutige Chef des Wettbewerbers Dresdner Bank.?Wir betrachten Herrn Kassow als exzellenten Chef für das Privatkundengeschäft?, urteilt auch Thomas Rothäusler, Analyst bei Oppenheim Research über die bevorstehende Ernennung. Auch sein Kollege Jörn Kissenkötter von M.M. Warburg sieht Kassow als guten Kandidaten für die Commerzbank, nennt aber die voraussichtliche Berufung ?sehr schade für Comdirect?.Als Kassow vor mehr als zwei Jahren zur Comdirect kam, waren zwar die größten Aufräumarbeiten schon erledigt. Noch unter seinem Vorgänger Bernt Weber ging der Online- Broker ein drastisches Kostensparprogramm an und fuhr auch das verlustträchtige Auslandsgeschäft zurück, das Weber selbst aufgebaut hatte. Offiziell wurde die Ernennung Kassows damals als Generationswechsel dargestellt. Vor allem der Privatkundenvorstand der Commerzbank, Martin Blessing, dessen Posten Kassow nun übernehmen soll, machte sich für ihn stark.Kassow brachte Comdirect wieder in die Gewinnzone. Das lag vor allem an den niedrigeren Fix-Kosten, die auch durch Stellenabbau realisiert wurden. Denn so freundlich Kassow auch daherkommt: Harte Schnitte scheut er nicht. Dank der schlankeren Kostenstruktur kommt Comdirect auch in schwierigen Zeiten mit niedrigen Börsenumsätzen besser zurecht als vorher. Selbst im extrem schwachen dritten Quartal dieses Jahres ? dem ?Schietwetter?- Quartal ? machte der Online-Broker noch sechs Millionen Euro Gewinn nach Steuern.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Keine Fehler gemacht?Er hat keine Fehler gemacht?, urteilt Analyst Kissenkötter über Kassow, der ihn als ?zielstrebigen Manager ohne Angst vor Entscheidungen? beschreibt. So hat Kassow nicht nur den Ausstieg aus den Auslandsmärkten zu Ende geführt ? in diesem Jahr zog er sich auch endgültig aus Großbritannien zurück. Er hat auch das Geschäft der Comdirect ausgeweitet, indem er auf die mobile Beratung der sonst eher Internet-affinen Kunden setzt. Seit dem Frühjahr beraten in verschiedenen deutschen Großstädten mobile Mitarbeiter nun im persönlichen Gespräch die Kunden rund um die Themen Altersvorsorge, Versicherung und Vermögensaufbau.Dass Kassow in den Vorstand der Commerzbank aufrückt, interpretieren einige Beobachter als Zeichen für die baldige Reintegration der Comdirect in die Muttergesellschaft. Die Reintegration von T-Online in die Deutsche Telekom könnte das Modell sein. Aus Bankkreisen heißt es jedoch, dass eine Integration nicht geplant sei.Im Commerzbank-Vorstand wird Kassow seinen Förderer Blessing an seiner Seite haben. Denn der soll in Zukunft als Vorstand für die mittelständischen Kunden zuständig sein. Beobachter loben die Verjüngung im Vorstand, weil sich die Bank damit für die Zukunft rüstet. Auch seinem ehemaligen Chef bei der Bank 24, Herbert Walter, rückt Kassow näher ? als Konkurrent. Denn Walter setzt als Dresdner-Bank-Chef massiv auf das Privatkundengeschäft.Kassow wird den Wettbewerb wohl sportlich nehmen. Kritik jedenfalls nimmt er mit Humor: Eine Meldung in der ?Off the Record?-Kolumne dieser Zeitung, die berichtete, dass eine Kundin ihre Willkommensprämie in Form einer Champagnerflasche erst nach mehrfachem Drängen mit UPS zugestellt bekommen hatte, kommentierte Kassow mit seinem lausbübischen Grinsen: ?Was mich wirklich stutzig gemacht hat, ist, dass wir UPS dafür nehmen. Das ist doch viel zu teuer!?
Dieser Artikel ist erschienen am 09.11.2004