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Der Werber und die Offenheit

Von Maike Telgheder, Handelsblatt
Der ?Agenturmann des Jahres? ist kein werbebranchenüblicher Strahlemann. Zugeknöpft, beinahe schroff wirkt Detmar Karpinski, wenn man ihm das erste Mal begegnet.
FRANKFURT/M. Der hoch gewachsene, dunkelhaarige 44-Jährige mit dem ernsten, manchmal fast grimmigen Gesichtsausdruck lächelt erst, wenn er auftaut. Doch in diesen harten Zeiten ist eben auch in der Agenturszene der Charme eine verzichtbare Sekundärtugend. Und so erhält der Kreativchef der Hamburger Agentur KSNK heute Abend von der Fachzeitung ?Horizont? den begehrten Titel ?Agenturmann des Jahres?.Aktueller Grund dürfte seine beachtliche Neugeschäftsbilanz sein: E-Plus lief über zu KNSK, Campina, HDI, WMF und BAT Prince. ?Wenn jetzt nichts anbrennt?, sagt Karpinski, will KNSK zweistellig wachsen. Mit Honorareinnahmen von 11,4 Millionen Euro und rund 90 Millionen Euro betreuten Werbegeldern im vergangenen Jahr gehören die Hamburger zu den 30 größten Agenturen des Landes.

Die besten Jobs von allen

Ein Erfolg, der zum großen Teil dem Ehrgeiz und Einsatz Karpinskis zu verdanken ist. Er ist ein Arbeitstier, das sein ganzes Engagement der Agentur widmet. Auf Veranstaltungen gehen? Dafür nimmt er sich keine Zeit. Hobbys hat Karpinski ebenfalls keine: Mit drei Kindern gehört seine Freizeit der Familie.Dabei ist er alles andere als ein unbekannter Newcomer: Karpinski, seit 1992 Gesellschafter bei KNSK, zählt seit Jahren zu den Top-Kreativen des Landes. So setzte er im Wahlkampf 1998 Gerhard Schröder arbeitend ins Flugzeug und schuf damit eine neue Ästhetik in der Polit-Werbung. Auch die oft gelobte Lucky-Strike-Kampagne ist sein Kind.Doch wer immer sich entschließt, mit ihm zusammenzuarbeiten, muss sich darauf einstellen, dass Karpinski sagt, was er denkt. ?Ich komme aus dem Ruhrgebiet. Da ist man sehr ehrlich?, erklärt der gebürtige Bochumer. Und Johannes Röhr, Ex-Beratungschef bei KNSK, meint: ?In seiner Gradlinigkeit ist Karpinski beispiellos.?Als ihm der Art Directors Club 1999 seine Medaille für das SPD-Motiv ?Gangschaltung? aberkennen wollte, weil es einen Plagiatsvorwurf gab, zog Karpinski gleich alle seine Arbeiten zurück. ?Karpinski ist nicht käuflich ? im besten Sinne?, sagt Uwe Bergheim, Vorstandschef des KNSK-Kunden E-Plus.Von seiner klaren Linie für die kreative Vermarktung von Produkten lasse sich Karpinski ?durch Kundenwünsche nur unbedeutend abbringen?, weiß Bergheim. Karpinski begann seine Laufbahn als Texter bei der Aldi-Hausagentur MK in Essen. Nach Stationen bei Scholz & Friends und Baader, Lang, Behnken wechselte er zu BBDO Düsseldorf, wo sein erster Werbespot ?Walking? für Aral ein Kultfilm wurde. ?Ein hohes Maß an ästhetischem Gespür? ist eine der Fähigkeiten, die der ehemalige SPD-Geschäftsführer Matthias Machnig an Karpinski schätzt. Und seine Fähigkeit, komplexe Sachverhalte auf das Wesentliche zu reduzieren, um daraus eine Idee zu entwickeln.Das hat Karpinski von Jürgen Scholz gelernt, Gründer von Scholz & Friends. An dessen überdimensionalem Schreibtisch im Eckbüro mit Blick auf die Außenalster sitzt Karpinski heute wieder ? ein Relikt aus den Zeiten, als Scholz noch mit Team BBDO in den Räumen residierte und die Hamburger BBDO-Tochter noch nicht mit der inhabergeführten KNSK fusioniert war. Das geschah 1995.Sechs Jahre später kauften sich die beiden noch amtierenden Initialen in KNSK, Werner Knopf und Detmar Karpinski, die Mehrheit zurück. ?Die Erwartung, dass man mit einem großen Agenturnetzwerk im Rücken in schwierigen Zeiten etwas ruhiger segeln kann, hat sich nicht erfüllt?, resümiert Karpinski.Heute scheint die KNSK so stabil, dass er sich Bemerkungen erlauben kann, für die in Großagenturen Kündigungen geschrieben würden. So erinnert sich Ulrich Klenke, Marketingleiter des KNSK-Kunden Chrysler Jeep, mit Schmunzeln an eines der ersten Treffen: ?Karpinski sah meine orange Krawatte und fragte mich, ob ich die einem toten Clown geklaut hätte.?
Dieser Artikel ist erschienen am 22.01.2004