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Der weiße Riese aus Ettlingen

Von Martin Buchenau
Mit den Hemden von Offiziersanwärtern fing es an, heute reinigt Carl Bardusch Bettzeug für Hotels in ganz Deutschland, wäscht die Blaumänner der Arbeiter von Opel und versorgt BASF mit Reinraumkleidung.
ETTLINGEN. Wie von Geisterhand bahnen sich Blaumänner und Krankenhauskittel ihren Weg durch die Großwäscherei in Ettlingen. Es wirkt wie ein überdimensioniertes Marionettentheater, nur dass in den Kostümen keine Puppen stecken. Wenn Carl F. Bardusch sich geschmeidig an den Kleidungsstücken vorbeidrückt, dann atmet er das ein, was er seit frühester Kindheit kennt: von der Mangel aufgewärmte Luft mit Seifenduft ? ein Geruch, von dem sich der Mann auch im Alter von 70 Jahren noch nicht trennen mag.Bis heute kann er sich wie ein Kind darüber freuen, was sein Unternehmen, die Bardusch-Gruppe, leistet ? dass beispielsweise jeder Opel-Mitarbeiter nach 48 Stunden wieder seinen Overall bekommt, der zwischenzeitlich mit Kleidern von Zimmermädchen oder Krankenschwestern in einer Wanne gelegen hat.

Die besten Jobs von allen

Bardusch ist der Wäschekönig von Ettlingen, einem Vorort von Karlsruhe am Fuße des Nordschwarzwaldes. Er ist der größte Arbeitgeber am Ort. Seine Urgroßmutter Karoline hatte den Betrieb an den Ufern der Alb gegründet. 1871 fing sie an, für die Offiziersanwärter der Ettlinger Militärschule Hemden zu waschen. Die Geschäftsfrau trotzte den Stadtoberen die Genehmigung ab, kostenlos Wasser für die Wäsche der Militärs aus der Alb zu entnehmen.?Und das ist noch heute so?, freut sich Bardusch über die Wirtschaftsförderung mit einem verschmitzten Lächeln. Dabei öffnet er eine Stahltür mitten in der Fabrikhalle und deutet hinunter. ?Da können sie den Fluss rauschen hören.? Die Wäscherei ist sein Leben, und gerne kokettiert er mit dem Image, das seine Familiengeschichte prägte. ?Ich bin nur Wäscher, ein typischer Frauenberuf.? Tatsächlich sind auch heute acht von zehn Bardusch-Mitarbeitern weiblich.Für das Geschäft mit der weißen Ware hat er dennoch ein besonderes Gespür. Früh merkte er , dass mit Firmenkunden mehr Geld zu verdienen war als mit der Wäscherei um die Ecke. Daimler, BASF, Opel und Oetker ? alle lassen bei Bardusch waschen. Das Unternehmen versorgt weltweit eine Million Menschen mit Berufs- und Schutzkleidung. Täglich werden 350 Tonnen Wäsche gewaschen, das entspricht 83 000 Waschmaschinenladungen oder dem Startgewicht eines großen Airbus. Der Umsatz der Gruppe mit ihren 3 500 Beschäftigten stieg vergangenes Jahr auf 260 Millionen Euro.Mit dem neuesten Geschäftsfeld, Reinraumkleidung für Raumfahrt, Mikroelektronik und Pharmaindustrie zu liefern, erobert sich Bardusch gerade die Königsdisziplin der Branche. Als einer der Ersten entwickelte er das Textilleasing. Die Kleidung gehört Bardusch, er holt sie ab, wäscht, flickt und bringt sie mit seinen 400 Fahrzeugen wieder zu den Unternehmen. ?Bardusch ist ein begnadeter Netzwerker. Er pflegt Kontakt zu Kollegen, Wettbewerbern und Experten und interessiert sich immer für Details?, sagt der Maschinenbauunternehmer und Arbeitgeberpräsident Martin Kannegiesser.Als sich Daimler von Chrysler trennte, sollte möglichst schnell der neue Namenszug auf die Arbeitskleidung gestickt werden. Bardusch rechnete den Herren aus Untertürkheim vor, was das Ändern der Daimler-Stickerei kosten würde. Die Summe will Bardusch nicht nennen, die Konsequenz schon: Daimler verzichtete auf die teure Namensänderung auf den Blaumännern. Die Kleidung wird erst nach und nach ersetzt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein badisches Schlitzohr, das schnell unterschätzt wirdBardusch ist ein badisches Schlitzohr, das schnell unterschätzt wird. Nur weil er gerne isst und im Feinschmeckerrestaurant gegenüber der Fabrik das Essen mit einem Champagner beginnt, ist er doch im Kern ein knallharter Arbeiter. Er expandierte sein Leben lang. Nur in den USA musste er am Ende kapitulieren. ?Wir waren zu klein, um auf Dauer in den Staaten eine Nummer zu werden?, sagt Bardusch. Er verkaufte die US-Tochter im Jahr 2000 an einen Konkurrenten, machte dabei einen guten Schnitt und steckte das Geld in den Ausbau des Europa- Geschäfts.Bardusch ist so etwas wie ein Frühindikator der Wirtschaft. Wenn es bei Unternehmen nicht läuft, wird zuerst an der Wäsche gespart?, erzählt er. Beispiele will er aber nicht nennen. Er wäscht zwar schmutzige Wäsche, bleibt aber diskret.Lieber spricht er über andere Themen, dass er beispielsweise in der Schweiz unter den Großwäschereien Marktführer geworden ist. Er selbst hat das Geschäft vor 40 Jahren aufgebaut. Seine Augen leuchten, wenn er mit Besuchern im Treppenhaus der Firmenzentrale die Fotos seiner Wäschereien in aller Welt durchgeht.Ernst wird er dagegen, wenn es um die Suche nach einem Nachfolger geht. Zwanzig Jahre führte er das Unternehmen mit seinem Bruder, bis sie merkten, dass es nicht mehr so weiterging. Bardusch zahlte den Bruder aus. Nun war klar, der Betrieb würde in seiner Familie bleiben ? bei Sohn und Tochter. Doch er will keinen bevorteilen und entscheidet sich für eine salomonische Lösung.Solange er lebt, hält er die Mehrheit. Fünf familienfremde Beiratsmitglieder halten je ein Prozent am Unternehmen. Wenn er stirbt, bekommen seine Kinder je die Hälfte seiner Anteile. Verstehen sich beide, sind die Entscheidungen klar. Sind sie uneins, wird der Beirat das Zünglein an der Waage.Das operative Geschäft hat Bardusch einem familienfremden Manager übertragen. Nach einigen Fehlschlägen scheint er mit Mathias Krahnert jetzt den richtigen für den Chefposten gefunden zu haben. Und bleibt das so, dann wird Bardusch, ein leidenschaftlicher Skifahrer, künftig im Winter noch häufiger im Tiefschnee zu sehen sein. Er ist eben glücklich, wenn alles um ihn herum blendend weiß ist.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita Carl F. Bardusch Carl F. Bardusch1937
Carl F. Bardusch wird in Ettlingen geboren. Später studiert er Volks- und Betriebswirtschaft in St.Gallen. Nach dem Studium arbeitet er ein Jahr lang bei Dienstleistern in den USA.
1970
Nach dem Tod ihres Vaters Fritz Bardusch übernehmen Carl F. und Helmut Bardusch gemeinsam die Führung der Bardusch-Gruppe. 15 Jahre geht das gut. Dann nehmen die Meinungsverschiedenheiten über die Geschäftsführung zu. Es kommt schließlich zum Bruch. Carl F. Bardusch zahlt seinen Bruder aus.
2000
Bardusch entschließt sich zum Verkauf des US-Geschäfts und investiert den Erlös in die Expansion ? vor allem in Osteuropa.
2006
Er holt den familienfremden Manager Mathias Krahnert an die Spitze der Firma.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.02.2008