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Der weiße Rabe von Zürich

Von Oliver Stock
Hans Julius Bär, lange Chef der gleichnamigen Zürcher Privatbank, meint, in der Schweiz seien ?Bankiers von internationalem Format (...) nicht erkennbar". Außerdem sei das Bankgeheimnis ?ein defensives Instrument, das die Schweiz vom allgemeinen Wettbewerb verschont, und das uns, um ein Churchill-Wort aufzunehmen, fett, aber impotent macht.?
ZÜRICH. Das sitzt: ?Bankiers von internationalem Format (...) sind nicht erkennbar. Diese personellen Schwächen stellen auf längere Sicht betrachtet wohl die größeren Herausforderungen an die Schweiz?, poltert im Frühjahr einer, der es wissen sollte: Hans Julius Bär, lange Chef der gleichnamigen Zürcher Privatbank und bis dahin die graue Eminenz der ansonsten so zurückhaltenden Branche.Eine Seite weiter schreibt Bär in seiner Biografie jene Worte, die seither ungezählte Male wiederholt wurden: Das Bankgeheimnis ?ist ein defensives Instrument, das die Schweiz vom allgemeinen Wettbewerb verschont, und das uns, um ein Churchill-Wort aufzunehmen, fett, aber impotent macht.? Fett, aber impotent ? diese Worte sind den Eidgenossen im Ohr geblieben, auch wenn sie vom britischen Kriegspremier entlehnt waren.

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Heute schreiben wir den Monat fünf nach Bärs Enthüllung.Walter Knabenhans ist keiner von jenen smarten Schweizer Privatbankiers, die stets leicht gebräunt und gern im taillierten Nadelstreifenanzug geschliffen ihre Erfolge aufzählen. Er ist auch kein Vertreter jener Großbanken, die wissen und es einen auch spüren lassen, dass ohne sie in diesem Lande wenig läuft.Fragt man etwa Credit-Suisse- Chef Oswald Grübel nach den Erwartungen für das Geschäftsjahr, so stanzt er leicht Sätze wie: ?Wenn das Umfeld stimmt, halten wir an unserer Prognose fest.? Knabenhans dagegen nimmt sich selbst auf die Schippe, wenn er sagt: ?Ich will ein bisschen differenzieren und in der Semantik subtil bleiben.?Dazu knöpft er den dunkelblauen Anzug zu und setzt sein gewinnendes Lächeln auf, das bei seinem schmalen, ein wenig blassen Gesicht beinahe von einem Ohr zum anderen reicht. Seine dunklen Augen leuchten dann sehr ehrlich hinter der runden Brille.Knabenhans ist Chef der Julius- Bär-Gruppe. Der ein Vierteljahrhundert ältere Hans Julius Bär ist sein Ehrenpräsident. Man begegnet sich regelmäßig bei familiären Anlässen und gönnt sich einen Cocktail miteinander.Mit dem Gleichmut der Gerechten erträgt es Knabenhans, dass seine Kollegen seit fünf Monaten mal mitleidig und mal ärgerlich zu ihm herüberblicken. Pierre Mirabaud zum Beispiel, der stets ein bisschen exaltierte Genfer Privatbankier und selten um Kommentare verlegene Präsident der Schweizerischen Bankiervereinigung schoss scharf: ?Herr Bär darf seine Meinung haben. Und ich bin mit ihm nicht einverstanden.?Lesen Sie weiter auf Seite 2So direkt wird Knabenhans seinen Ehrenpräsidenten beim Cocktail nicht angegangen sein. Das liegt ihm nicht. Stattdessen beschränkte er sich auf eine offizielle Mitteilung: ?Hans J. Bär, Ehrenpräsident der Julius Bär Holding, hat sich sehr pointiert zum Bankkundengeheimnis geäußert. Diese Äußerungen stellen die persönliche Meinung von Hans J. Bär als Privatperson dar und reflektieren nicht die Meinung der Julius-Bär-Gruppe.?So ist er: ?Klar, aber niemals persönlich?, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter. Vielleicht ist es die Aufrichtigkeit des Technikers, die er ausstrahlt, des Mannes, der sich auf Inhalte versteht, das Verkaufen aber scheut. Der 54-Jährige ist unter anderem diplomierter Bauingenieur und damit ein Paradiesvogel seiner Branche. Wenn er Zeit hat, treibt er sich gerne auf Veranstaltungen herum, auf denen der Kommerz die Kunst trifft, der Art Basel zum Beispiel. Am liebsten würde er dann den Kommerz ganz vergessen.Doch dagegen haben Analysten etwas, die den Chef von 1 800 Mitarbeitern an seinen Leistungen messen. Sie haben am vergangenen Freitag dazulernen können. Knabenhans präsentierte die Halbjahresergebnisse seiner Gruppe, zurückhaltend wie stets und manchmal ein bisschen umständlich. Er stellt dabei nicht einfach fest: Wir expandieren nach Deutschland und Osteuropa ? was Julius Bär de facto vorhat. Nein. Knabenhans sagt: ?Auch Kunden in anderen Ländern wollen auf einer traditionellen Plattform, wie wir sie in der Schweiz darstellen, arbeiten.?Dass die Verhandlungen mit dem Bundesamt für Finanzdienstleistungsaufsicht um eine weit reichende Banklizenz für Deutschland bereits fortgeschritten sind, räumt er erst auf Nachfragen ein. Und dass er aus den Auflagen, die ihm die Deutschen machen, einen ?protektionistischen Unterton? heraushört ? das bestätigt er nur im persönlichen Gespräch.Immerhin. In Sachen Bankgeheimnis bleibt er auch unter vier Augen zurückhaltend. Natürlich habe er zu den ersten Lesern der Biografie seines Ehrenpräsidenten gehört. Das Buch, findet er, sei verzerrt wiedergegeben worden. Mehr kommt nicht von ihm. Knabenhans achtet auf Unternehmenskultur und wechselt das Thema. Freundlich, aber unerbittlich.Heute spricht er lieber über das Halbjahresergebnis. Das betreute Kundenvermögen stieg um zwölf Prozent. Beim Neugeld, das private Kunden einzahlten, erreicht die Gruppe allerdings nur einen bescheidenen Zuwachs von 300 Millionen Franken: ?Ich bitte Sie, dieses Ergebnis in den Kontext zu stellen und nicht als enttäuschend abzuqualifizieren.?Er redet nicht schön und trifft damit in einem wegen Ölpreisen und Anschlägen nervösen Markt den richtigen Ton. ?Der Bär ist der weiße Rabe heute, der sich über alle anderen hinausschwingt?, sagt ein Börsenhändler später.Knabenhans als weißer Rabe? Das Bild hat Charme. Weiße Tauben sind in der Branche, die ihre Ellbogen benutzt, nicht gefragt. Falken allerdings auch nicht. Zumal dann nicht, wenn ? wie derzeit ? ein kriegerisches, politisches Klima dafür sorgt, dass Gewinne nicht mehr so schön sprudeln, wie noch vor einem halben Jahr erhofft. Ein weißer Rabe ? der kommt da gerade recht.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.08.2004