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Der Weg des Seeräubers

Von Thomas Knüwer, Handelsblatt
US-Milliardär Glazer hat es geschafft: Er hat jetzt das Sagen beim börsennotierten englischen Fußball-Klub Manchester United. In seiner Vita: wilde Geschäfte und wenig Skrupel.
Malcolm Glazer Foto: dpa
MANCHESTER. Anzugträger neben Bomberjackenjünglingen, Familienväter neben Mittzwanzigerinnen, denen das Herausschreien der Parole das Gesicht verzerrt. ?United ? not for sale!? brüllen sie, während die berittene Polizei in neonfarbenen Schutzwesten die Demonstranten langsam heranführt an das Glasportal des Old-Trafford-Stadions in Manchester.Sie alle sind Fans von Manchester United. Und der, gegen den sie da schreien und dessen Bild öffentlich verbrannt wird, ist klein, untersetzt, trägt eine starke Brille gegen seine Kurzsichtigkeit und einen rot-blonden, kurzen Bart. Sein Name: Malcolm Glazer.

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Der US-Milliardär hat 75,8 Prozent des börsennotierten Fußballclubs übernommen und wird in dieser Woche ein Übernahmeangebot für die restlichen Anteile machen. 75 Prozent der Aktien braucht er, um die völlige Kontrolle zu erlangen ? und wohl den Club von der Börse zu nehmen. ?Erfolg der Schlange im Schafsfell?, giftet die sonst so honorige ?Times?.Denn niemand erwartet, dass Glazer zum gutmütigen Fußball-Fan mutiert. ?Das ist kein Hobby für ihn?, sagt Marc Ganis, der US-Sportclubs berät und Glazer gut kennt: ?Das ist kein zweiter Roman Abramowitsch, der Chelsea kauft und Hunderte von Millionen reinsteckt, allein wegen des Prestiges. Das hat Glazer schon mit den Tampa Bay Buccaneers.?Diesen American-Football-Club kaufte Glazer 1995 ? nicht weil sein Herz an den ?Seeräubern? hing, sondern weil sie zu haben waren.Leprechaun, also Heinzelmännchen oder Kobold, nennen ihn die Fans der ?Seeräuber?: Wegen seines Aussehens und weil er aus den chronischen Verlierern den Meister 2003 machte. Das Team, das er einst für 192 Millionen Dollar kaufte, soll heute 700 Millionen wert sein.Es ist Glazers Geschäftsgebaren, das den ManU-Fans Angst einjagt. So versprach der nach Schätzungen von ?Forbes? 1,1 Milliarden Dollar schwere Unternehmer beim Kauf der Buccaneers, sich zur Hälfte am Kauf eines neuen Stadions zu beteiligen, wenn die Stadt die andere Hälfte dazugäbe. Kaum war der Vertrag unterschrieben, drohte er, das Team nach Baltimore zu verlagern ? und bekam die neue Arena geschenkt.Glazer sei bei Verhandlungen stoisch ruhig, aber hartnäckig, sagt Dick Greco, der als Bürgermeister von Tampa den Stadion-Deal aushandelte. ?Ich hatte den Eindruck, wir hätten noch 40 Jahre da sitzen können, er wäre dageblieben, bis ihm die Konditionen passten.?Mit 15 Jahren übernahm Glazer die Uhrmacherwerkstatt seines verstorbenen Vaters, eines orthodoxen Juden aus Litauen, der angeblich aus der russischen Armee desertiert war. Sein Tod ?war vielleicht das Traurigste, was in meinem Leben passiert ist?, sagte Glazer in einem seiner raren Interviews. Zehn Jahre später investierte er in Trailer Parks, in denen die Ärmeren der US-Gesellschaft in großen Campingwagen leben. Es folgte eine Einkaufstour durch die Welt der Wirtschaft. Er sammelt die Anteile in der Familienholding First Allied: Altenheime, Einkaufszentren und vor allem die Ölfirma Zapata, einst gegründet von George Bush senior.Zapatas Kursschwankungen und die ihrer 60-Prozent-Beteiligung, des Fischprotein-Herstellers Omega, zwischen 2002 und 2004 sind Gegenstand einer Untersuchung der US-Börsenaufsicht SEC. Denn erstaunlicherweise erhielten die Firmen Übernahmeofferten gerade zu Zeitpunkten, als Glazer Geld brauchte. Das Muster war beide Male gleich: Ein wenig bekannter Investor mit Briefkastenadresse macht ein Angebot, die Firma veröffentlicht es, der Kurs geht hoch, das Management lehnt das Angebot ab.Und auch bei Manchester United geht die Angst um, vor einer Jonglage mit Finanzen: Zunächst werde Glazer die Übernahmekosten der Anteile als Schulden auf den Club abschieben, prophezeien Fans. Dann müsse er neue Erlösquellen finden, zum Beispiel aus der gemeinsamen TV-Vermarktung der englischen Liga ausscheiden, um die internationalen Rechte selbst zu verkaufen ? da droht böses Blut.Bei den Fans ohnehin. Die hatten mit der Initiative Shareholders United selbst versucht, die Mehrheit an ihrem geliebten Club zu übernehmen. Sie glauben, Glazer vergleiche sie mit US-Sportfans, für die Unterhaltung wichtiger ist als das Leiden mit der Mannschaft.Auch mit Gewalt drohen einige. Am 8. Februar warnte eine Gruppe namens Manchester Education Committee, United ?ist unser Club, und wir werden ihn rücksichtslos beschützen. Unsere symbolischen Aktionen wurden ignoriert. Wir haben keine andere Chance, als jetzt mit unseren vollen Möglichkeiten zu agieren.?Andere erinnern sich dagegen an die Zeit, als schon einmal US-Sport-Manager in England scheiterten. Die Football-Liga NFL gründete 1991 ihre World-League (heute die NFL Europe) mit einem Team in London, das anfangs gigantisch viele Zuschauer ins Stadion lockte. Nach zwei Jahren wurde die Liga komplett umgemodelt und zwei Jahre ausgesetzt.Als sie wieder startete, wollte in London niemand mehr sein Herz hängen an die London Monarchs. Da versetzte die Liga das Team 1998 nach Berlin.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.05.2005