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Der Von-A-nach-B-Bringer

Von Ruth Reichstein und Axel Granzow
Peter Bakker geht zuversichtlich ins neue Jahr: Als Chef des niederländischen Paketdienstes TNT ist er auf Expansionskurs.
BRÜSSEL/DÜSSELDORF. Von theorielastigen Vorträgen hält Peter Bakker nichts. Mitten im Interview springt der Chef der niederländischen Post TNT auf, rennt aus dem Raum und kommt freudestrahlend mit einem Foto aus China zurück. ?Wenn Mama und Papa einen Kühlschrank kaufen, nehmen sie das Fahrrad. Da können wir helfen?, sagt er und lacht. So einfach kann man das Expressgeschäft beschreiben. Zurzeit hat der jugendlich wirkende 45-Jährige auch allen Grund zur Freude: Dem Unternehmen, das er seit rund fünf Jahren leitet, geht es gut. Sehr gut sogar.Der Umsatz des niederländischen Deutsche-Post-Konkurrenten stieg im ersten Halbjahr 2006 um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der operative Gewinn legte sogar um elf Prozent zu. Durch den Verkauf der gesamten Logistiksparte hatte Bakker unglaublich viel Geld in der Tasche: zwei Milliarden Euro. Er investiert in Europa und Asien. Gerade hat er in Indien und China Express-Unternehmen übernommen. Und TNT kauft eigene Aktien zurück. Kürzlich hat der Konzern auch die Anteile erworben, die noch der niederländische Staat hielt. Wert: 600 Millionen Euro. Ausgaben für Rückkäufe und Investitionen hielten sich so in etwa die Waage, sagt Bakker.

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Sein Unternehmen kennt er in- und auswendig, schließlich arbeitet er hier schon seit 1991, als TNT noch TPG Post hieß. Bakker erlebte die Privatisierung mit und kletterte immer höher auf der Karriereleiter. 1996 wurde ihm die Verantwortung für die Finanzkontrolle im Unternehmen übertragen, neun Jahre später stieg er zum Finanzvorstand des neuen, an der Börse notierten Unternehmens auf.Befreit vom Einfluss des Staates sehen viele Experten TNT jedoch als perfekten Übernahmekandidaten für andere große Paketdienste wie Fedex oder UPS. Bakker bleibt gelassen: Er weiß, dass sein Unternehmen eher ein kleines ist im Postgeschäft, aber er kennt auch den Wert. ?Wir sind seit 1998 zu haben. Aber bisher hat uns noch niemand gekauft, und unsere Aktie stand nie höher als heute. Ich mache mir da gar keine Sorgen.? Und der Aktienrückkauf? Der sei schon lange geplant gewesen. Das Unternehmen habe nicht genügend Schulden gehabt, die Bilanz war unausgeglichen. ?Es ist nicht weise, so viel Geld rumliegen zu lassen. Dann finden andere Wege, es zu verwenden?, scherzt Bakker.Ein bisschen Angst vor den Großen scheint er also doch zu haben. Aber er zeigt sie nicht. Beim Logistik-Kongress kürzlich in Berlin hatte er keine Scheu, der Branche zu erklären, warum er sein Logistikgeschäft gerade verkauft hat ? mit ziemlich provokanten Worten. Dabei wollte Bakker vor ein paar Jahren selbst noch das Logistikgeschäft stark ausbauen. Doch der Aufbau floppte. Nun macht der Holländer daraus eine Erfolgsgeschichte und gibt sie ausgerechnet auf dem größten Treffen der Branche in Berlin zum besten: Die Rendite in der Logistik sei einfach zu gering und die Abhängigkeit von den Kunden schlicht zu groß.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wo sich TNT Chancen ausrechnetEr ist genauso selbstbewusst, wie es seine Ambitionen für das Unternehmen sind: Marktführer in China, flächendeckender Service in Deutschland und anderen EU-Staaten. ?In ein paar Jahren werden in Europa zwei oder drei große Unternehmen im Expressgeschäft übrig bleiben. DHL und UPS haben eine Überlebenschance. Und ich will, dass das dritte TNT heißt.? In China will Bakker ein dichtes Transportnetz über die Straße aufbauen; Fliegen sei dort zu teuer. Schon jetzt hat TNT über 1 000 Depots in den wichtigsten chinesischen Städten. Die Wettbewerber kommen höchstens auf 100. Bakker ist überzeugt, dass seine Konkurrenten bald nachziehen werden: ?Wir machen immer alles zwei Jahre früher, bevor uns die anderen kopieren.?In Asien, Osteuropa und in der Türkei will er weiter investieren. Die USA interessieren ihn nicht ? ?niemals!? TNT habe dort gegen die großen Konkurrenten keine Chance. Immer wieder streut Bakker in sein perfektes Englisch ein paar deutsche Vokabeln ein ? wenn ihm seine Botschaft besonders wichtig ist. ?Falsch?, ?Nein?, ?Das stimmt nicht?, bricht es aus ihm heraus. Nebenbei löffelt er eine dünne Suppe und isst ein Sandwich. Die Zeit ist knapp, eine zusätzliche Mittagspause ist nicht drin.?Bakker verlangt unglaublich viel von sich selbst und von seinen Mitarbeitern. Er diskutiert nicht, er macht einfach?, sagt einer seiner engen Mitarbeiter. Der Chef selbst gibt zu, dass er zu viel arbeitet und seine Kinder zu selten sieht. Eigentlich will er sie jede Woche mindestens einmal selbst zur Schule bringen. ?Letztendlich schaffe ich das vielleicht zwei Mal im Jahr?, hat er kürzlich in einem Fernsehinterview gesagt.Aber nie vergeht ihm sein Humor. Auch nicht, wenn er über einen seiner größten Konkurrenten, die Deutsche Post, spricht. Beim Namen nennt er das Unternehmen nie. Es ist nur ?Mister Zumwinkels Firma?. In Sachen Liberalisierung beobachtet Bakker ganz genau, was in Deutschland passiert. ?Herr Zumwinkel hat darüber kürzlich mit der deutschen Regierung gesprochen. Und man weiß nie, was dabei herauskommt, wenn Herr Zumwinkel mit der Regierung spricht.? Bakker redet gerne über seine Arbeit ? und am liebsten benutzt er dazu eben Anschauungsmaterial: Fotos oder Papierservietten. Weil echtes Papier fehlt, zeichnet er die Gewinnkurve im Expressgeschäft kurzerhand auf die hellgelbe Serviette, die neben seinem Suppenteller liegt.Kompliziert ist der TNT-Chef nicht ? und irgendwie auch bescheiden: ?Wir sind sehr einfache Leute. Wir bringen Sachen von A nach B.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wer ist Peter BakkerPeter BakkerChef des niederländischen Paketdienstes TNT1961 wird er geboren.1984 beginnt er nach dem Studium an der Erasmus-Universität in Rotterdam seine Karriere bei TS Seeds.1991 wechselt er zu TPG Post, damals noch ein niederländischer Staatsbetrieb. Zwei Jahre später schon wird er zum Finanzverantwortlichen des Paketdiensts ernannt.1995 beginnt er die Karriereleiter bei TPG hinaufzuklettern. Er wird zunächst Marketing- und Verkaufsdirektor in der Logistikabteilung. Ein gutes Jahr später übernimmt er die Finanzkontrolle des Unternehmens. Im gleichen Jahr führt er die Gespräche für die Übernahme von TNT und GD Express Worldwide. Ein Jahr später wird er Vorstandsmitglied.1998 wird TNT privatisiert und geht an die Börse. Bakker übernimmt den Posten des CFO. Drei Jahre später wird er zum CEO ernannt.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.01.2007