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Der Vielseitige mit der süßen Seite

Von Oliver Stock
Für Patrick De Maeseneire, Konzernchef von Barry Callebaut, ist Schokolade ein ganz alltägliches Produkt. Sein Unternehmen ist der weltgrößter Produzent von Industrieschokolade ? und nur in Fachkreisen bekannt. De Maeseneire ist ausdauernd und nicht übermütig. So mag ihn auch die Börse.
Schokoladenproduktion bei Barry Callebaut: Der Konzern beschäftigt 8000 Mitarbeiter in 24 Ländern. Foto: HB
ZÜRICH. Leicht hat er?s nicht, aber wer hat das schon? Patrick De Maeseneire steht für eine Marke, deren Name nur in Fachkreisen einen Klang hat: Barry Callebaut, weltgrößter Produzent von Industrieschokolade. Das klingt irgendwie unappetitlich, aber meint nur, dass die Schokolade, die Barry Callebaut liefert, meistens weiterverarbeitet, garantiert aber unter einem anderen Markennamen verkauft wird.De Maeseneire steht außerdem für ein Unternehmen, über dem wie Gottvater ein anderer, ungleich populärerer Manager schwebt: Klaus Jacobs, Unternehmer mit hanseatischen Wurzeln, hatte aus seinem Jacobs-Suchard-Imperium den Schokoladenproduzenten Callebaut behalten, als er 1990 den Großteil seines Unternehmens an Philip Morris verkaufte. Familienangehörige, die Bares sehen wollten, hatten ihn zum Verkauf gezwungen. Sechs Jahre später erwarb er Barry aus Frankreich, dann Stollwerck aus Deutschland und schließlich Brach?s aus den USA ? fertig war das neue Schokoladenreich. De Maeseneire fing zu dieser Zeit gerade erst an, sich auch beruflich um die Schokoladen-Seiten des Lebens zu kümmern. Aus dem Schatten des Jacobs-Clans, der bis heute als Großaktionär die Geschicke des Unternehmens bestimmt, ist er nie herausgetreten.

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Das bekümmert ihn nicht. Routiniert trägt der Belgier, den es in die Schweiz verschlagen hat und der damit die beiden wichtigsten Schokoladenländer der Welt in seiner Person vereinigt, sein Zahlenwerk vor. Hier gibt es mal ein Problem: etwa bei Brach?s in Amerika, einer Marke, von der er sich eher trennen will. Dort gibt es Erfolge, etwa bei Stollwerck in Deutschland, wo nach einigen Fabrikschließungen jetzt wieder schwarze Zahlen geschrieben werden. Alles schön ausgeglichen, alles schön unaufgeregt. Die Börse mag ihn dafür.Dass es mit dem Umbau von Brach?s aus einer Zucker- in eine Schokoladenfabrik nichts wurde, belastet den Kurs kaum. ?Kontinuität? bescheinigt ihm ein Analyst, der im schmucklosen Raum eines umgebauten Züricher Industrieareals, wo Barry Callebaut seinen Sitz hat, den Zahlenkolonnen lauscht, die De Maeseneire anlässlich von Quartalsberichten wie aufgezogen abspulen kann. Kein Wunder, dass der Belgier erfolgreich Marathon trainiert. Ausdauer zählt zu seinen Stärken.Sarotti ist eine Marke, die aus den deutschen Fabriken stammt. Viel Zeit und Geld hat Barry Callebaut investiert, um die Marke mit dem Mohren wieder glänzen zu lassen. Inzwischen hat De Maeseneire jedoch erkannt: ?Wir haben weniger Kompetenzen im Endverbrauchergeschäft. Für Sarotti suchen wir zwar nicht aktiv nach einem Partner. Aber wenn sich einer findet, der mehr vom Markengeschäft versteht, sind wir einem Gespräch nicht abgeneigt.?Wie die Zusammenarbeit mit dem Jacobs-Clan funktioniert? ?Dass ich seit fünf Jahren das Unternehmen leite, ist ein Zeichen, dass sie funktioniert?, sagt De Maeseneire, lächelt äußerst verbindlich und zwinkert dabei nicht einmal. Ein bisschen mehr könnte er schon erzählen. Also gut: Jacobs senior und Sohn Andreas, der inzwischen als Verwaltungsratspräsident bei Barry Callebaut mitmischt, seien ?äußerlich sehr ruhig und innerlich sehr ungeduldig?. ?Sie akzeptieren höchstens einmal einen Fehler.? Erfahren hat dies beispielsweise der ehemalige Chef des Zeitarbeit-Anbieters Adecco, eines Unternehmens, das ebenfalls zum Jacobs-Imperium gehört. Er musste gehen, als die Margen nicht besser wurden. Klaus Jacobs übernahm auf seine nicht mehr allerjüngsten Tage die Geschäfte bei Adecco.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Barry Callebaut darf sich nicht die kleinste Ineffizienz erlauben.De Maeseneire hat sie allerdings genau verfolgt. Der 49-Jährige war selbst einmal bei Adecco. Muss ein Manager eigentlich alles können? Heute Zeitarbeiter vermitteln und morgen Schokolade verkaufen? ?Einiges müssen wir immer können: einhalten, was wir versprechen, zum Beispiel?, sagt De Maeseneire, der Vielseitige. Als Kellner hat er angefangen und profitierte von seiner Größe: 1,93 Meter. Da hat ihn niemand übersehen. Später ging er zu Apple, eine Erfahrung, von der er noch heute zehrt. ?Bei Apple sagten wir uns oft: Wir werden niemals IBM schlagen. Und heute frage ich Sie: Ist IBM bei Hardware überhaupt noch eine Größe??So etwas stimmt optimistisch. Übermütig stimmt es nicht ? womit auch die Lage von Barry Callebaut ganz gut beschrieben wäre: Das Unternehmen kann sich nicht die kleinste Ineffizienz erlauben, weil es seine Produkte vor allem über den Preis verkauft. Aldi, Lidl und Co, wo die Tafel Schokolade noch immer unter 50 Cent zu haben ist, begrenzen den Spielraum der Schokoladenhersteller. Genießer mit verwöhnten Gaumen, für die es schon Jahrgangsschokolade mit Zitronengras sein muss, damit sie bei der Tafel bleiben, halten die Produzenten ebenfalls auf Trab. Bäume wachsen da nicht in den Himmel, und das Managerdasein klingt eher nach Knochenarbeit als nach Heldentum. ?Ich mache jeden Tag, was zu tun ist. Der Rest wird sich ergeben?, glaubt De Maeseneire.Nicht einmal ein Schokolädchen hat er während des Gesprächs angerührt. Sein Kollege Ernst Tanner, Chef vom Edel-Chocolatier Lindt & Sprüngli, würde das nie schaffen, schon aus Marketinggründen nicht. Der Belgier dagegen verzichtet. Er hat seine ganz eigene Philosophie: ?Schokolade?, sagt er, ?kann man essen, wenn man traurig ist, um sich zu trösten. Man kann sie auch essen, wenn man glücklich ist, um zu feiern.? Irgendwo dazwischen dürfte der Gemütszustand von Patrick De Maeseneire liegen. ?Das Leben ist zu kurz, um etwas zu tun, das keinen Spaß macht?, sagt er zwar noch, aber bei Wasser als einziger Gesprächsbeilage ist er dennoch geblieben.
Patrick De Maeseneire1957 wird Patrick De Maeseneire am 21. Oktober in Belgien geboren. Er studiert Ingenieurwissenschaften in Brüssel und später Marketing in Gent. De Maeseneire ist verheiratet und hat zwei Kinder.1980 Nach weiteren Ausbildungsphasen in London und Fontainebleau beginnt er seine berufliche Karriere beim Beratungsunternehmen Arthur Andersen und setzt sie später bei Apple und anderen Unternehmen fort.1998 wechselt er zum Zeitarbeits-Unternehmen Adecco. Er wird dort Chef für den belgischen Markt, später weltweiter Personalchef. Mit Adecco steigt De Maeseneire ins Reich von Klaus Jacobs ein, der Großaktionär bei Adecco ist.2002 holt ihn Jacobs zum schnell wachsenden Schokoladenproduzenten Barry Callebaut und macht ihn dort zum Chef. Der Konzern beschäftigt in 24 Ländern rund 8 000 Mitarbeiter.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.05.2007