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Der verzweifelte Kampf des Magyaren

Von Oliber Stock
Ein Ungar fordert einen der größten Zementkonzerne der Welt heraus. János Kálmán will von Holcim seine Fabrik zurück ? und kampiert dafür sogar in einem Wohnmobil. Eine Handelsblatt-Reportage.
ZÜRICH. Am späten Nachmittag dringt kaum noch Licht in die kleine Wohnung von János Kálmán in einem Budapester Vorort. Die düsteren Ölbilder mit all den Madonnen und Heiligen schlucken die spärlichen Sonnenstrahlen wie ein hungriges Kind seine Milch. Kálmán möchte später eine Kapelle bauen und sie mit diesen Bildern schmücken. Später ? das heißt für den Ungarn, wenn ihn sein Weg wieder aus der Schweiz herausführt zurück in sein Land.Später heißt auch, dass er zuvor einen Kampf gewinnen will, seinen Kampf gegen die Schweizer Holcim, einen der größten Zementkonzerne der Welt, weit mächtiger noch als die deutsche Heidelberg Cement, die in der Branche ebenfalls ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen muss. Später ? das ist deswegen für den 58-jährigen Chemieingenieur ein unberechenbarer Zeitraum geworden.

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Kálmán, ein Mann mit kurz geschorenem grauem Haar und durchdringenden blauen Augen, versucht seit zwölf Jahren, von Holcim wiederzubekommen, was er für sein Eigentum hält: eine Zementfabrik in Ungarn. Er ficht den Kampf Davids gegen Goliath. Die, die ihn kennen, vergleichen ihn mit Jan Palach, dem tschechischen Studenten, der sich verbrannte, als die Sowjets den Prager Frühling auslöschten. David gewinnt, Jan Palach verliert. Das Motiv beider ist der Kampf gegen eine Supermacht.Im Falle Kálmáns wird sich allerdings noch zeigen, ob er ein David oder ein Jan Palach ist. Sein Auftreten gleicht eher dem eines Königssohns als dem eines Studenten. Kálmán verfügt jedenfalls über das Geld, um sich Unterstützung durch Anwälte und PR-Berater zu sichern. Dennoch taugt sein Fall als Musterbeispiel dafür, wie im wilden Osteuropa der Nachwendezeit clevere Konzerne die Unsicherheiten in der Rechtslage nutzten. Und es ändert auch nichts daran, dass Kálmáns Kampf eine der seltenen Geschichten über jemanden ist, der das nicht hinnimmt. Über einen, den die Spielregeln nicht selbst zum Spieler gemacht haben.Kálmán hat Prozesse vor ungarischen Gerichten geführt und oft verloren. Er hat Verhandlungsangebote der Schweizer reihenweise abgelehnt, weil er sie für ?unwürdig? hielt. Stattdessen hat sich der Mann, der zum Volksstamm der Magyaren gehört und der zu Hause Chef einer mittelständischen Firmengruppe um Magyar Cement mit etwa 20 Millionen Dollar Umsatz ist, im vergangenen Jahr zum Ritt in die Schweiz aufgemacht. Er hat sein Büro in einem Wohnmobil vor der Holcim-Zentrale in Zürich aufgeschlagen. Darin stapeln sich die Akten neben dem Laptop. Im Gegensatz zur Wohnung bei Budapest muss er hier die Vorhänge vor den Autoscheiben schließen, wenn die Sonne mal wieder auf dem Bildschirm blendet. Wenn es draußen regnet wie jetzt, riecht es auch drinnen feucht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine schmutziger Geschichte in der schon staubigen Zementbranche?Ein verzweifelter Mann in einem verzweifelten Kampf?, beschreibt ein ungarischer Freund und Geschäftspartner Kálmáns das Schauspiel vor der Holcim-Zentrale. Als es Ärger mit der Schweizer Kantonspolizei gab, die ihn nicht dort auf der Straße wohnen lassen wollte, hat sich Kálmán ein Appartement in Zürich gemietet. Morgens arbeitet er jetzt im mobilen Büro und treibt seinen Prozess gegen den Zementriesen voran. Anschließend geht er schwimmen, richtig gut ist er auf der 50-Meter-Bahn geworden. Nachmittags erledigt er seine Aufgaben als Chef der ungarischen Firmengruppe, soweit das eben von der Schweiz aus geht. Freunde aus der Heimat schicken alle zwei Wochen gebügelte Hemden und gewickelte Rouladen. Die Tochter kommt jeden Monat zu Besuch.Sein Gegner ist ein Konzern mit 60 000 Mitarbeitern, rund zwölf Milliarden Euro Umsatz und einer erfreulichen Entwicklung beim Aktienkurs. In der Schweiz gibt es kaum eine größere Baustelle, an der nicht irgendwo das schwarzrote Holcim-Logo prangt. In 70 weiteren Ländern der Welt ist das nicht viel anders. Holcim gibt sich seit Jahren sichtlich Mühe, den französischen Weltmarktführer Lafarge alt aussehen zu lassen.Der Zementkonzern hat viele Gesichter. Eines davon ist das von Hansueli Heé. Er ist genauso alt wie Kálmán und kann auf eine lange Karriere für Holcim in Osteuropa zurückblicken. Zwischen 1994 und ?98, als der Streit zwischen den Magyaren und den Eidgenossen begann, spielte Heé eine Schlüsselrolle bei der Expansion des Zementkonzerns Richtung Osten.Heé hat außerdem in die Familie Schmidheiny eingeheiratet, eine der einflussreichsten Industriellenfamilien Europas. Thomas Schmidheiny hatte einst als Aktionär mit den meisten Stimmrechten, als Präsident und CEO bei dem Zementkonzern das unumschränkte Sagen. In der viel zitierten ?Forbes?-Liste der Superreichen finden sich Familienmitglieder der Schmidheinys unter den ersten 100 Plätzen. Thomas Schmidheiny zog sich vor dreieinhalb Jahren von den meisten Ämtern zurück, nachdem er wegen Insiderhandels zu einer Geldstrafe von rund einer Million Euro verurteilt worden war. Er sitzt heute zwar noch im Verwaltungsrat des Konzerns. Bei Holcim weht jedoch seither ein anderer Wind. Es könnte sein, so hofft jedenfalls Kálmán, dass die Familienbande nicht mehr so viel wert sind wie ehedem.Was Kálmán seinen einstigen Geschäftspartnern von Holcim vorwirft, ist selbst für die Verhältnisse in der staubigen Zementbranche, in der beispielsweise die EU-Kartellwächter immer wieder saftige Geldbußen verhängen, eine schmutzige Geschichte. 1994 kauften die Rechtsvorgänger der Magyar Cement 57 Prozent der Anteile an der damals größten ungarischen Zementfabrik in Hejöcsaba etwa 180 Kilometer nordöstlich von Budapest. Der Zuschlag, mit dem sich die Ungarn gegen eine Gruppe von Managern durchsetzten, die der Schweizer Holcim nahe standen und bereits eine Minderheit an der Fabrik besaßen, wurde im Land der Magyaren als gelungener Privatisierungserfolg bejubelt. Im Umfeld von Heé, dem Holcim-Verantwortlichen für Osteuropa, dürfte der Deal aber für lange Gesichter gesorgt haben: Holcims erklärte Firmenpolitik besteht darin, möglichst die Mehrheit bei den Firmen zu übernehmen, an denen die Eidgensossen beteiligt sind. Ungarn sollte da keine Ausnahme bilden.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Bei der Übernahme benutzen die Schweizer einen Trick.Also sannen die Schweizer auf Abhilfe. Sie verfielen auf einen Trick. Die Magyar-Cement-Vorgänger hatten ihre Anteile mit Hilfe eines zinsgünstigen Aufbaukredits der ungarischen Agrobank erworben. Als Sicherheit dienten der Bank ebenjene Anteile an der florierenden Zementfabrik. Eine ungarische Holcim-Tochter klopfte nun bei der Bank mit einer Bitte an: Sie wollte den Kredit kaufen. Die Bank willigte ein, nachdem sie sich offenbar aus schlechtem Gewissen zuvor die Erlaubnis aus dem Büro des damaligen Privatisierungsministers geholt hatte. Auf welch wackligen Füßen der Handel steht, erkannten auch die Juristen der österreichischen Ersten Bank, die die Agrobank später kaufte. Sie bauten nach Informationen des Handelsblatts eine Klausel in ihren Kaufvertrag ein, die die Erste Bank von möglichen Schadensersatzforderungen speziell aus diesem Deal freistellt. Nachdem die Holcim-Tochter den Kredit erworben hatte, kündigte sie ihn umgehend und stellte die Summe innerhalb von 15 Tagen fällig. Als Kálmán und seine Gruppe so schnell nicht umfinanzieren konnten, zog die Holcim-Tochter die hinterlegten Aktienanteile ein und verteilte sie auf Gesellschaften in Malaysia, Panama, auf Jersey und den Bahamas.Ein Gericht urteilte zwar später, dass der Kredit nicht hätte gekündigt werden dürfen, doch da hatten die Manager der Holcim-Tochtergesellschaft schon vollendete Tatsachen geschaffen. ?Recht oder Unrecht zu haben ist keine moralische Frage, sondern eine Frage des Geldes?, hat Kálmán heute erkannt. Aber der drahtige Mann ist nicht der Typ, der sich mit dieser Erkenntnis abfindet. Kálmán habe beim Grab seines Vaters geschworen, die Schweiz nicht zu verlassen, bevor er nicht die Fabrik wieder besitze, berichtet ein Freund der Familie.Doch weil der eigensinnige Ungar nicht nur ein Mann der Ehre, sondern auch ein Geschäftsmann ist, kann er seine Forderung natürlich beziffern. Er verlangt von Holcim inklusive Zinsen rund 200 Millionen Euro Schadensersatz sowie die Rückgabe der Fabrik. Er bereitet eine neue Klage vor, diesmal vor einem Schweizer Gericht. ?Die Forderungen des Herrn Kálmán sind für uns nicht nachvollziehbar?, sagt ein Sprecher des Schweizer Konzerns. Er räumt allerdings ein, dass Holcim für allgemeine Prozessrisiken Geld zurückgestellt hat.In Hejöcsaba, dort, wo zwei Autostunden von Budapest entfernt die Zementfabrik liegt, beobachten 450 Mitarbeiter Kálmáns Kampf in der fernen Schweiz. Bedingungslos folgen können sie ihrem Landsmann längst nicht mehr, denn Holcim ist ein guter Arbeitgeber, der hohe Löhne in einem Land zahlt, das zu den armen Neuankömmlingen in der EU zählt. Darüber hinaus wollen die Schweizer in Ungarn kräftig investieren. Sie planen den Bau eines neuen Werks in einer anderen Region des Landes. ?Ungarn braucht Zement?, sagt der Firmensprecher und unterstreicht damit die Rolle, die die Branche beim Aufbau des Landes spielt. Kálmán weiß, dass ihm angesichts der Perspektiven, die Holcim schafft, die Zeit wie Zementstaub zwischen den Fingern zerrinnt. Also aufgeben? ?Niemals?, sagt er.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.09.2006