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Der verschwiegene Patriarch

Von Helmut Steuer, Handelsblatt
?Herr Moeller?, oder ?der Reeder?, wie ihn seine engsten Mitarbeiter nennen, erscheint fast täglich gegen halb neun in der Zentrale unweit des königlichen Schlosses in Kopenhagen.
STOCKHOLM. Dem hageren Mann mit tiefen Furchen im Gesicht sieht man das Alter nicht an. Wenn er, wie so oft, statt des Fahrstuhl die Treppe in den sechsten Stock bevorzugt, schaut so manch einer der jungdynamischen Manager ganz schön alt aus, wenn sie hinter ihrem 90-jährigen Boss hinterherschnaufen.Herr Møller ist Steuermann und Haupteigentümer von Nordeuropas größtem Konzern, der A.P. Møller-Maersk AS. Der Welt größte Container-Reederei Maersk Sealand gehört zum unübersichtlichen Konglomerat aus mehr als 450 Tochtergesellschaften ebenso wie Öl-und Gas-Konzerne, eine Fluggesellschaft, Lebensmittelketten, Werften und Reedereien.

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Soviel weiß man. Auch, dass er am kommenen Montag sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender an den deutlich jüngeren, bisherigen Chef der dänischen Bank Topdanmark, Michael Pram Rasmussen, 48, abgibt. Damit hat die Firmengruppe in ihrer 100-jährigen Geschichte nur zwei Aufsichtsratsvorsitzende gehabt. Dänemarks Politiker bezeichnen den kommenden Montag denn auch als einem ?historischen Tag?.Maersk Mc-Kinney Møller ist die graue Eminenz unter den Patriarchen in Nordeuropa. Nicht, dass man sonderlich viel über Ikeas Ingvar Kamprad oder den Industriellen Peter Wallenberg wüsste, doch im Vergleich zu Maersk Mc Kinney Møller gehören die beiden schon eher zur Kategorie Plaudertaschen.Interviews hat Herr Møller in seinem langen Leben nur wenige gegeben. Und in denen war er auch nicht sonderlich auskunftsfreudig. Vermutlich hat er's vom Vater Arnold Peter Møller, denn schon der Unternehmensgründer war eher ein Freund der Verschwiegenheit. Der Junior führte die Tradition weiter, als er 1965 die Macht übernahm. Als eine der größten Zeitungen Dänemarks, ?Berlingske Tidende?, vor ein paar Jahren über die Verbindungen einer teilweise zum A.P.-Møller-Konzern gehörenden Waffenschmiede zu den Nazis in Deutschland während des Zweiten Weltkriegs schrieb, war Mc-Kinney Møller dermaßen außer sich, dass er seinen nicht unerheblichen Anteil an der Zeitung kurzerhand verkaufte.Der überzeugte Royalist versucht regelmäßig, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Dabei stehen ihm die wertkonservativen Kräfte im kleinen Dänemark eindeutig am nächsten. Selbst die rechtspopulistische dänische Volkspartei hat sich schon mehrfach über Schecks aus dem Hause Møller freuen können.Der große Amerika-Fan schämte sich auch nicht, als einer der ersten dem Pentagon Schiffe für Transporte von Kriegsmaterial in die Golfregion zur Verfügung zu stellen. Boykott-Aufrufe von Kriegsgegnern in Dänemark zum Trotz. Jetzt zahlt sich die USA-Treue des Herrn Møller aus: Sein Konzern gehört zu den Gewinnern bei der Auftragsvergabe für den Wiederaufbau im Irak.Trotz seiner oftmals verschrobenen Ansichten wird der Reeder von seinen Landsleuten geliebt. In einer Umfrage nach der dänischen Persönlichkeit des Jahrtausends landete er auf dem zweiten Platz, knapp geschlagen von Märchenerzähler Hans Chrstian Andersen. Es ist der Humor, den seine Landsleute an dem vierfachen Familienvater lieben, oft auch sein schroffer Zynismus, wenn er auf Hauptversammlungen des Konzerns die Regierungspolitik bewertet.Keinen Spaß versteht er bei geschäftlichen Dingen, und größere Einblicke in seine Befindlichkeiten oder gar sein Imperium gewährt er auch nicht. Das war schon immer so bei den Møllers in Kopenhagen. Man hat es und zeigt es nicht. Die Scheiben der Hauptzentrale aus dunklem, getöntem Glas lassen nähere Einblicke nicht zu.So ist in 100 Jahren ein Konzern unter Ausschluss der Öffentlichkeit entstanden, der in Europa fast seinesgleichen sucht. Heute wird der Börsenwert der Gruppe auf etwa 185 Milliarden Kronen (24,8 Milliarden Euro) geschätzt und liegt damit deutlich höher als die 16,5 Milliarden Euro des norwegischen Ölmultis Statoil. Knapp 60 Prozent des Konzerns gehören der Familie des Reeders. Und das ist nicht alles: Kenner schätzen deren privates Gesamtvermögen auf über 18 Milliarden Euro.Zwar ist der arbeitsbesessene Reeder selbst äußerst sparsam, doch wenn es gilt, Zeichen zu setzen, lässt er sich nicht lumpen. So schenkte er dem Königreich Dänemark ein Opernhaus, dass 2005 eingeweiht werden soll. Kosten der guten Gabe, die 1 400 Musikliebhabern höchsten Hörgenuss garantieren soll: Rund 190 Millionen Euro. Geschenke sind vom Umtausch ausgeschlossen, erklärte Herr Møller und setzte sich mit seinen architektonischen Vorstellungen durch.So wie in seinem Unternehmen: Die Firmengruppe hat im Sommer dieses Jahres ihre beiden Holdinggesellschaften, die Reedereien D/S 1912 und D/S Svendborg fusioniert und damit den Grundstein für eine Entflechtung der Gruppe gelegt, die mehr Einblicke ermöglicht. Gleichzeitig wurde eine stärkere Konzentration auf die Kerngeschäfte beschlossen. Das Haus übergibt er also in exzellentem Zustand.Herr Møller geht. Doch vermutlich wird er weiterhin um halb neun jeden Morgen in sein sparsam eingerichtetes Büro kommen und im Hintergrund die Fäden ziehen. Er bleibt Vorsitzender seiner Stiftung und Aufsichtsratsmitglied in einigen Unternehmen der Gruppe. ?Der arbeitet, bis er stirbt?, sagen seine engsten Mitarbeiter, schränken aber schnell ein: ?Wenn er denn stirbt.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.12.2003