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Der verschwiegene Clan-Chef

Von Jens Koenen, Handelsblatt
Smart wirkt er, sympathisch lächelt der vom Vollbart umgebene Mund. Schnell ist klar: Klaus Greinert ist ein moderner Manager. Er hat die zerstrittene Stahl-Dynastie Röchling dabei auf eine Linie gebracht: Sie stimmt dem Rheinmetall-Verkauf nun zu.
HB FRANKFURT. Der gelernte Groß- und Außenhandelskaufmann ist Chef des verschwiegenen Röchling-Clans. Die Industriellen-Familie, mit 309 Beteiligungen eine der wichtigsten Familienholdings in Deutschland, hat ihre Schaltzentrale unweit des Wasserturms, jener eindrucksvollen Jugendstil-Anlage und Wahrzeichens von Mannheim. Wären nicht die großen Glastüren mit dem Familienwappen, Besucher würden glatt vorbeifahren. Zu unscheinbar ist das Gebäude in der Richard-Wagner-Straße, in einem Wohngebiet.Innen empfängt einen der leicht angejahrte Charme der siebziger Jahre. Große Gemälde künden von der traditionsreichen Geschichte der Röchlings. Und mitten drin Greinert. Seit Ende 2001 ist er der Kopf der Familie, offizieller Titel ?Vorsitzender des Familienrates?. Seitdem hat der 64-Jährige das immer wieder schlingernde Imperium auf Kurs gebracht. Sein jüngster Coup: der Verkauf des Aktienpakets am Rüstungskonzern Rheinmetall.

Die besten Jobs von allen

So paradox es klingen mag: Ausgerechnet der Abschied von der schwergewichtigsten Beteiligung ? im vergangenen Jahr steuerte sie 4,2 Milliarden Euro zum Gesamtumsatz der Röchling-Gruppe von 5,7 Milliarden Euro bei ? lässt zum ersten Mal seit Jahren wieder eine klare Strategie erkennen. Nach Jahren mit einem undurchschaubaren Geflecht an Beteiligungen und der ständigen Sorge, die Familie könne sich verzetteln, ist eine Linie erkennbar. Sie heißt Kunststoff. Beteiligungen wie etwa der Automobilzulieferer Seeber, Sustaplast und Röchling Engineering Plastics werden künftig die Keimzelle des Wachstums sein.Lesen Sie weiter auf Seite 2 :Karriere begann bei Telefunken Für Greinert, der seine Karriere bei Telefunken begann und Erfahrungen bei Olympia, Schering, Gillette und Ponds Internationale sammelte, war es bis hierher ein harter Job. Der über Jahre zerstrittene Röchling-Clan ? ihm gehören fast 200 Familienmitglieder an ? hatte eine klare Ausrichtung blockiert. Das Problem: Es gab keine Regeln im Clan. Zwar trifft man sich regelmäßig im passenden Ambiente angesehener Hotels. Doch die Röchlings haben im Gegensatz etwa zur ebenfalls großen Freudenberg-Familie im wenige Kilometer entfernten Weinheim kein Familienstatut, das die Zuständigkeiten und Rechte festzurrt.Das öffnete Querschüssen Tür und Tor: Vor allem das Desinteresse der jüngeren Generation an der Geschäftswelt sät immer wieder Zwist. ?Die Jungen kommen nur, um mit der Plastiktüte ihre Dividende abzuholen?, wird geklagt. Auch die regelmäßigen ?Jugendtagungen? schaffen keine Abhilfe. Die ?alte Garde? litt, hatten die Gründerväter den Grundstein des Imperiums doch mit viel Herzblut und Unternehmergeist gelegt.Die Wurzeln der Röchlings reichen bis zum Kurfürsten Friedrich IV. (1583 bis 1610) zurück. Ihre unternehmerische Karriere beginnt 1882, als Friedrich Röchling mit seinen Brüdern in Saarbrücken einen Kohlehandel gründet. 1881 kauft die Familie das stillgelegte Eisenwerk Völklingen. Es folgen die Holzverarbeitung GmbH, der Kauf des Kaltwalzwerkes in Oberkochen und 1956 schließlich der Einstieg bei der damaligen Rheinmetall-Borsig AG, Berlin.Jahrzehntelang werfen die Engagements gute Renditen ab. Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre werden erste Krisensignale erkennbar. Die Schwerindustrie schwächelt. Nachdem immer neue Geldspritzen die Familie fast an die Grenze der eigenen Finanzkraft manövriert haben, folgt 1978 der Verkauf des Stahlwerks Völklingen an die luxemburgische Arbed.Markiert dieser Schritt den ersten gravierenden Einschnitt in der Industriegeschichte der Röchlings, ist der Abschied von Rheinmetall sicherlich der zweite.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Trennung nicht überraschendDennoch kommt die Trennung nicht überraschend. Immer wieder gab es in der Vergangenheit Verkaufsgerüchte. Es rumorte in der Familie. Während einige in Rheinmetall eine Perle sahen, klagten andere Gesellschafter über die mageren Renditen. Auch ethisch-moralische Bedenken seien vorgebracht worden, ist zu hören.Greinert dürfte das Hin und Her nicht gerade in guter Erinnerung sein. Nachdem der damalige Rheinmetall-Chef Hans Brauner das Gerücht gestreut hat, Greinert verhandele ohne Berechtigung über den Verkauf der Beteiligung, muss dieser seinen Posten als Aufsichtsratschef aufgeben. Doch das Gerücht wird als falsch entlarvt, Greinert rehabilitiert und Chef der Familie.Er schafft, was vorher keinem gelang: Nach außen tritt die Familie wieder geschlossen auf. Zwar trägt die Trennung von Rheinmetall Greinerts Handschrift, aber es gibt eine klare Rückendeckung von der Familie.Doch zurücklehnen kann er sich nicht. Noch gehören das Sorgenkind DeTeWe (Telekom-Ausrüster) und Beteiligungen wie Francotyp-Postalia (Frankiermaschinen) zum Portfolio. Aber nach dem eindeutigen Bekenntnis zu Kunststoff ist allen klar: Auch hier wird der Clan-Chef eine Lösung finden.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.11.2004