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Der verrückte Mister Gates

Von Robert A. Guth, New York
Bill Gates, Gründer und Chairman von Microsoft, zieht sich seit Jahren zum Nachdenken in den Wald zurück. Diese Denkwochen sind streng geheim. Erstmals gewährte er nun einen Einblick in seine Rückzugshütte. Eine Reportage über die Gewohnheiten des reichsten Mannes der Welt.
HB NEW YORK. In einem Umkreis von mehreren Meilen gibt es hier keine Stadt. Die Sonne scheint. Es ist Donnerstagmorgen, und plötzlich steht vor einer einsamen Blockhütte der reichste Mann der Welt. ?Hi, schön, dass Sie gekommen sind?, sagt Bill Gates, der Gründer und Chairman von Microsoft. Er sagt es so, als habe er geradezu sehnlichst auf Gäste gewartet, nach vier Tagen in fast völliger Einsamkeit.Hierhin, in seine Hütte am Wasser, zieht sich Gates regelmäßig zu einer Denkwoche zurück. Und das bedeutet: Sieben Tage völlige Abgeschiedenheit, in denen Gates über die Zukunft der Welt im Allgemeinen und die Zukunft der Technik im Speziellen sinniert.

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Es ist ein Ritual, das der Multimilliardär zweimal im Jahr vollzieht und das die Zukunft nicht nur von Microsoft, sondern von einer ganzen Branche beeinflusst. Es kann der Impuls zur Entwicklung einer neuen Technologie sein, die später Millionen Menschen nutzen werden. Oder der Start für Microsoft zur Eroberung neuer Märkte.Wie vor genau zehn Jahren: Da folgt auf Gates? 95er-Denkwoche das Thesenpapier ?Flutwelle Internet?. Es bringt Microsoft dazu, seinen eigenen Internetbrowser Explorer zu entwickeln und die Vorherrschaft von Netscape zu brechen. Auch die Pläne zum Aufbau sicherer Softwareprogramme und zum Einstieg ins Videospiel-Geschäft sind Ergebnisse der Denkwochen.Die einsamen Abstecher des Reichsten der Reichen sind in der Branche schon legendär. Aber was wirklich geschieht in dem kleinen Haus, das blieb bis jetzt ein sorgsam gehütetes Geheimnis. Nun aber willigte Gates ein, sein Versteck einem Reporter zu zeigen, zum ersten Mal seit Jahren. Einzige Bedingung: Der genaue Ort bleibt geheim.Lesen Sie auf der nächsten Seite: 100 Papiere will er lesen, zur Stärkung dafür gibt es Muschelsuppe.Typischerweise beginnt die Woche damit, dass Gates, 49, einen Hubschrauber oder ein Wasserflugzeug nimmt, um in der Nähe seiner zweigeschossigen, mit Holzbrettern verkleideten Hütte zu landen. Im Erdgeschoss hat er dort nur ein kleines Schlafzimmer. Seine Arbeitsräume befinden sich im ersten Stock. Unter der Woche wehrt er jeden Besuch ab, selbst Familienmitglieder oder hochrangige Microsoft-Kollegen dringen nicht zu ihm durch. Nur der Caterer darf hinein. Er liefert zwei einfache Mahlzeiten am Tag.Gates Denkermorgen beginnt im Bett mit dem Studium von Papieren aus der Feder von Microsoft-Technikern oder Produkt-Managern. Dazu kritzelt er seine Notizen auf die Deckblätter. Das Frühstück lässt er meistens aus, stattdessen geht er auf Socken hoch in die erste Etage, um weitere Papiere zu studieren. Zum Mittag- und Abendessen ist er wieder unten, doch selbst während der Mahlzeiten geht die Lektüre weiter. Manchmal schaut er vom Küchentisch auf, um einen Blick auf die grandiosen Gipfel der Olympic Mountains zu werfen. Das Mittagsmenü an diesem Donnerstag: gegrillte Käse-Sandwiches, anschließend Muschelsuppe. Bevorzugtes Getränk: kalorienarme Orangenlimonade.Zu dieser Stunde hat Gates nach vier Tagen Denkwoche schon 56 Papiere durchgelesen. Von seinem Rekord, 112 Thesenpapiere in einer Woche, ist er noch ein gutes Stück entfernt. ?Ob ich das wieder schaffe, weiß ich nicht, aber 100 will ich dieses Mal wenigstens durcharbeiten?, sagt er. Eine der noch liegen gebliebenen Arbeiten heißt: ?Zehn verrückte Ideen, die Microsoft aufrütteln werden.?Vor dem Fenster im ersten Stock steht der Schreibtisch, darauf zwei Monitore. An der Seite ein Regal mit Literatur-Klassikern, an der Wand ein Porträt von Victor Hugo. Erst vor einiger Zeit wurde eine Toilette eingebaut und ein Kühlschrank aufgestellt, randgefüllt mit Limo und Diät-Cola, erzählt der Hausherr. ?Dadurch habe ich meine Lesezeiten ausweiten können.? Auf dem Boden liegen orange Akten mit der Aufschrift ?Microsoft, vertraulich?.Gates steht jetzt an seinem Schreibtisch und überfliegt mit seinen tintenbeschmierten Fingern ein 62-Seiten-Papier, das den Titel ?Virtuelle Erde? trägt. Auf dem Deckblatt hat er schon jede Menge Notizen hinterlassen. Die Akte beschreibt künftige Navigationsdienste mit Live-Bildern von Reisezielen und Verkehrsinformationen. Einige Ideen wird Gates später ablehnen. Dennoch ist er den Autoren dankbar: ?Ich liebe eure Visionen?, hat er notiert.Lesen Sie auf der nächsten Seite: ?Können wir die Internetwürmer eindämmen?? Dann macht er es sich hinter den Monitoren bequem, auf denen die fast 300 Themenvorschläge für diese Denkwoche aufgelistet sind. Dazu zählen: Video per Internet, die Kapazität von Festplatten und die Verlangsamung des Innovationstempos bei Mikroprozessoren. Auch über Trends in der digitalen Fotografie will er grübeln und wie neue Software besser auf fremde Sprachen abgestimmt werden könnte ? beispielsweise auf Vietnamesisch.?Es gibt hier ein Papier zur Sicherheitsproblematik, das ist ein richtiger Durchbruch?, sagt der Chef, rückt in seinem Stuhl nach vorne und klickt auf das Papier ?Können wir die Internetwürmer eindämmen??Die Ergebnisse des Lese- und Denkmarathons haben die Microsoft-Angestellten schnell auf ihren Computern, jede Menge E-Mails mit Kommentaren und Anmerkungen von Mister Gates persönlich. Die Kollegen sind entsprechend gespannt. Viele erhoffen sich freie Fahrt für ihr Projekt. ?Das ist die coolste Vorschlagskiste der Welt?, sagt Stephen Lawler, General-Manager der Microsoft-Abteilung Map-Point.Gates arbeitet oft bis in den frühen Morgen, gerade verbreitet er seine Gedanken zum Wurmpapier rund um die Welt. In einer E-Mail an Führungskräfte schreibt er, dass der Ansatz so überzeugend klinge, dass eine Tücke dabei sein müsse. Sollte das aber nicht der Fall sein, ?dann müssen wir das zur Anwendung bringen.?Die Arbeiten zur ersten Denkerpause in diesem Jahr beginnen schon im Dezember. Gates? Assistent Alex Gounares sammelt seitdem Skizzen aus allen Ecken des Microsoft-Reichs und sortiert die schriftlichen Vorschläge vor. Jeder Angestellte, egal welchen Rangs, hat die Möglichkeit, sich so mit seinen Ideen direkt an die Unternehmensspitze zu wenden.Lesen Sie auf der nächsten Seite: Wenn er sich Pausen gönnt, dann fast nur für sein tägliches Bridge-Problem. Dienstagnacht, es ist inzwischen zwei Uhr, als Gates das Papier ?Sprach-Synthese? auf den Monitor lädt. Da habe er begonnen, laut zu lesen, Worte wie ?Angst?, ?Langeweile? und ?Mutwilligkeit?. Irgendwann sei ihm das Gefühl gekommen, ?blöd zu werden?.Wenn er sich Pausen gönnt in seiner Denkerzelle, dann fast nur für sein tägliches Bridge-Problem. Am Mittwoch schließlich gönnt er sich eine halbe Stunde wahrhaften Urlaub. Er zieht seine Schuhe an und geht raus an den Strand. ?Ich habe dort über Video per Internet nachgedacht?, erzählt er später.Während der Woche verfasst er Hunderte von E-Mails an Mitarbeiter und eine Zusammenfassung für die Führungskräfte. Die Wirkungen durchziehen so auf der Stelle den Alltag von Microsoft. Jusuf Mehdi, Vizepräsident der MSN-Online-Gruppe, erzählt, dass er einen 15 Zentimeter dicken Ausdruck mit Kommentaren von Gates auf seiner jüngsten Dienstreise mitgeschleppt hat. In der Abteilung Office-Software heißt es, man habe auf Grund der Kommentare des Chefs schon mal die gesamte Ausrichtung der Gruppe verändert. Jetzt diskutiere man unter anderem über einen Zukauf.Auch für Craig Bartholomew ist es ein aufregender Moment, als er eine E-Mail mit Gates? Anmerkungen zu seinem Strategiepapier öffnet. Bartholomew, General Manager der Abteilung für Fortbildungssoftware, hält sein Team sofort dazu an, die Einsichten des Chefs in konkrete Projektpläne umzusetzen. Und bittet dringend um weitere Anregungen seiner Truppe. ?Vor der Denkwoche haben wir gehofft, aber nicht geglaubt, dass unsere Pläne angenommen werden?, erzählt der Manager. ?Jetzt herrscht hier totale Aufbruchstimmung.?Lesen Sie auf der nächsten Seite: Gates' Bibliothek 2005. Gates' Bibliothek 2005Gates? Bibliothek 2005Mehr als 100 Strategiepapiere zu den unterschiedlichsten Themen hat Bill Gates zu seiner diesjährigen ersten Denkwoche mitgenommen. Die Skripte stammen aus den Köpfen der Microsoft-Angestellten. Jeder Mitarbeiter kann ein Papier beim Chef einreichen, dessen Büro dann eine Vorauswahl trifft.
  • Trends: Der Microsoft-Gründer hat 2005 besonders viele Skripte über die Zukunft des Internets gelesen, über Entwicklungen bei Mikroprozessoren, über neue Anwendungen bei Mobiltelefonen und den Einsatz von Grafik-Chips.
  • Sicherheit: Vor allem die Frage, wie Microsoft Internetwürmer schneller als bisher blocken kann, treibt Gates um.
  • Sprache: Wie kann Microsoft Anwender in Dänemark, Rumänien und Vietnam sprachlich besser erreichen und unterstützen?
  • Videospiele: Wie entwickelt sich der Markt? Die Firma ist auf der Suche nach einer Langfriststrategie für Konsolen, Online- und Computerspiele.
  • Ausbildung: Bill Gates sucht nach Wegen, seine Software für Aus- und Weiterbildung effizienter und schneller in den Markt zu drücken.Der Autor schreibt für das Wall Street Journal.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.04.2005