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Der unterschätzte Faktor Mensch

Von Lars Reppesgaard, Handelsblatt
Junge Führungskräfte hassen Großraumbüros. Auch Experten beurteilen die einst bejubelten Räume als Sanierungsfall. Die Flächenvorteile werden im Großraumbüro oft um ein Vielfaches aufgehoben.
Eigentlich haben die Planer bei Siemens bei der Neuorganisation der Großraumbüros am Standort Stuttgart an alles gedacht: Weil viele Vertriebsmitarbeiter nur einen Bruchteil ihrer Arbeitszeit tatsächlich am Schreibtisch verbringen, haben sie im neuen ?flexible office? keinen festen Arbeitsplatz mehr, sondern schieben ihren Rollcontainer zu einem Tisch, den sie zugewiesen bekommen, wenn sie ins Haus kommen. Das spart Kosten, weil weniger Fläche vorgehalten werden muss, und fördert die Kommunikation. Keine verschlossenen Türen, hinter denen sich Vorgesetzte verschanzen, kein Abteilungsdünkel ? sogar einen Meeting Point für den gemeinsamen Kaffee nebst Büroklatsch gibt es.Doch die schöne neue Bürowelt hatte zunächst so ihre Tücken. Die Lüftung machte Probleme, erzählt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende des Siemens-Standorts Stuttgart Egon Thoma, und der lebendige Meetingpoint sorgte für mehr Leben in der Bude, als denen, die gerade arbeiten wollten, lieb war. Als Abluft und Schallschutz nachgebessert worden waren und die ersten wichtigen Besucher ins Haus kamen, wurde ein weiteres Problem deutlich: Lieferanten reagierten verstimmt, wenn sie den Konkurrenten ein paar Meter weiter verhandeln sahen. Und in der Belegschaft bekam jeder haarklein mit, wann wer zum Chef zitiert wurde.

Die besten Jobs von allen

?Lautstärke und der Mangel an Privatsphäre sind die wesentlichsten Probleme bei allen Großraumbüros?, erklärt Jens Hofmann vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. Wer weiter im Inneren des Raumes sitzt, dem bleibt oft die Luft weg, während die Kolleginnen und Kollegen nah der Klimaanlage der kalte Wind im Rücken zwickt. ?Eine Kollegin von uns war wegen der Position ihres Schreibtisches laufend erkältet?, erklärt die Mitarbeiterin eines niedersächsischen Medienunternehmens. ?Erst als sich umgesetzt wurde, ging es ihr besser. Dann war die neue Kollegin dran, die dort sitzen musste.?Derartige Probleme entstehen bei anderen Bürolösungen gar nicht erst. Wegen der ungleichen Qualität der Arbeitsplätze sorgt oft schon die Frage, wer näher am Fenster sitzen darf und wenigstens ab und zu ohne Kunstlicht ist, für Streit.Dazu der Lärmpegel und die fehlen Privatsphäre ? kein Wunder also, dass man mit der Aussicht auf einen Großraumbüroplatz bei der Mitarbeitersuche nicht punkten kann. Die Unternehmensberatung Kienbaum befragte 430 Jungmanager über ihre Vorstellung vom optimalen Arbeitsplatz: Kein einziger wollte ein Großraumbüro. Ohnehin ist zweifelhaft, ob die Kostenrechungen der Großraumplaner aufgehen. 80 000 Stunden seines Lebens verbringt der durchschnittliche Büromensch an seinem Schreibtisch. Durch die Entscheidung für oder gegen ein bestimmtes Bürokonzept werden Arbeitsprozesse, Verhaltensweisen, Effizienz und Wohlbefinden der Mitarbeiter entscheidend geprägt. Ein Büro kann also entscheidender Produktivitätsfaktor im Unternehmen werden ? oder genau zum Gegenteil.Die Flächenvorteile, die fünf bis zehn Prozent der Gesamtkosten eines Büros ausmachen, werden im Großraumbüro oft um ein Vielfaches aufgehoben ? durch Leistungsminderung. Die ständigen Störgeräusche spielen dabei eine Rolle, aber auch Frust und andere psychologische Faktoren. ?Insbesondere bei der Belastbarkeit sind psychologische Aspekte wie das Territorialverhalten noch nicht abschließend untersucht?, warnt Albert Stagl, Betriebsrat bei IBM Deutschland.?Das Großraumbüro wird heute von Ergonomie-Experten nur noch als Sanierungsfall betrachtet?, urteilt Hofmann. Dies besagt auch eine Studie der Technische Universität München. ?Tot ist das Großraumbüro vielleicht noch nicht ganz, aber die Nachfrage bei Neubauprojekten hat deutlich abgenommen?, beobachtet der Fraunhofer-Wissenschaftler.Dort, wo die Würfel bereits gefallen sind, sind häufig Korrekturen nötig, damit die Mitarbeiter nicht von der Fahne gehen. Bei Siemens haben die Verantwortlichen ihre Hausaufgaben gemacht. Neben Rollcontainern ergänzen heute Vorhänge und Stellwände die flexible Bürowelt bei Siemens in München und Stuttgart Jetzt fühlen sich die Leute wohler.Restlos zufrieden sind dagegen die IBM-Angestellten in der Stuttgarter Hauptverwaltung bis heute nicht. Vor drei Jahren wurde ein flexibles Büroplatzsystem eingeführt, das der Siemens-Lösung ähnelt. Das ?E-Place?-System sieht für die 3 500 Beschäftigten 2 500 Schreibtische im Großraumbüro vor. So genannte Quietrooms sollen als Rückzugsbereich dienen. Doch das Konzept scheint nicht den Faktor Mensch berücksichtigt zu haben: ?Die häufigen Telefonkonferenzen werden als sehr störend empfunden sowie auch das manchmal etwas laute Telefonieren einzelner Kolleginnen?, so Stagl. ?Aber auch das Management hat so seine Schwierigkeiten mit der offenen Bürofläche, denn vertrauliche Gespräche können nur in den Quietrooms geführt werden. Leider ist in sehr vielen Quietrooms in den Nebenräumen fast jedes Wort zu verstehen.? Persönlichkeitsschutz? Fehlanzeige.Dabei geht es auch anders: Die Stärken eines Großraumkonzepts - Flexibilität, kommunikative Atmosphäre und geringe Kosten ? lassen sich durchaus mit Mitarbeiterinteressen unter einen Hut bringen. Fraunhofer-Experte Hofmann schreibt seine Studien über Büroorganisation an einem so genannten non-territorialen Arbeitsplatz. ?Wir leben das selbst, was wir heraus finden, tagtäglich in unserem Demozentrum.? Er sitzt in einer kleinen Denkerzelle im Großraumbüro, auch hier beherrscht Glas die Bürolandschaft. Dazu gibt es Rückzugsräume. Hofmann kann sich in Teambüros zur Zusammenarbeit verabreden oder in ein eigenes Büro zurückziehen. ?Der Ersatz für das, was Menschen an persönlichen Bereichen verlieren, muss eine ansprechende Umgebung sein. Die weichen Faktoren sind sehr, sehr wichtig? erklärt er. ?Schließlich verlieren die Menschen ihre Privatsphäre.?
Dieser Artikel ist erschienen am 02.12.2003