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Der Unterschätzte

Von Martin Buchenau
Viele haben ihm den Job bei Voith nicht zugetraut. Doch Hermut Kormann hilft, den Streit unter den Familiengesellschaftern zu schlichten. Er führt den Heidenheimer Anlagenbauer mit ruhiger Hand, öffnet es für neue Märkte ? und beschert dem Unternehmen neue Rekorde.
Auch bei provozierenden Fragen bleibt er ruhig. Hermut Kormann spitzt allenfalls die schmalen Lippen, wenn ihm Behäbigkeit vorgeworfen wird. ?Andere bringen Windradgetriebe auf den Markt, bevor sie fertig entwickelt sind ? mit den entsprechenden Folgen. Wir nehmen uns die Zeit, bis die Technik ausgereift ist. So sind wir bei Voith, seit Generationen?, sagt der Vorstandschef, als er am gestrigen Mittwoch die Zahlen des Heidenheimer Familienunternehmens vorlegt.Und dabei spielt es keine Rolle, ob es um das Hauptgeschäftsfeld Papiermaschinen, Turboaggregate für Schiffe und Nutzfahrzeuge, verschleißfreies Bremsen oder Turbinen für Wasser- oder Gezeitenkraftwerke geht: ?Wir haben eine gute Idee noch nie aufgegeben.?

Die besten Jobs von allen

Angefangen hat alles vor genau 140 Jahren mit einer Schlosserwerkstatt am Rand der Schwäbischen Alb. Zunächst werden Mühlräder geflickt, 1881 baut Voith die erste Papiermaschine und bereits in den 20er-Jahren eine Turbine. Fast 40 Jahre dauert es, bis sie als Schiffsantrieb auf den Markt kommt.?Unser Erfolg basiert darauf, dass die Kunden sicher sein können, dass wir in 20 Jahren auch noch da sind?, sagt Kormann. Das erste Wasserkraftwerk nach China lieferte das schwäbische Unternehmen vor 98 Jahren. Heute erzielt Voith dort zehn Prozent seines Umsatzes.Der Erfolg scheint dem weltgrößten Papiermaschinenhersteller im 140. Jahr des Bestehens Recht zu geben. Umsatz und Gewinn erreichen einen neuen Rekordwert. Der um ein Viertel auf über vier Milliarden Euro gestiegene Auftragseingang signalisiert, dass es so weitergeht.Der 64-jährige Vorstandschef führt das Unternehmen mit ruhiger Hand und öffnet es für neue Märkte. So hat er die Sparte Industriedienstleistungen aufgebaut, die inzwischen 650 Millionen Euro umsetzt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kormann ? ein eher zurückhaltender OberpfälzerDer gebürtige Oberpfälzer ist bei öffentlichen Auftritten eher zurückhaltend. Und wenn er Gäste in die ehemalige Fabrikantenvilla Eisenhof auf dem Firmengelände in Heidenheim einlädt, erweist er sich nicht gerade als Plauderer. Doch dann erzählt er etwas über seine Tour auf den 5 895 Meter hohen Kilimandscharo, den höchsten Berg Afrikas. ?Es war sicher meine schwerste Bergtour?, sagt er ? vor allem wegen des langen, langen Aufstiegs.Ausdauer hat der Bergwanderer auch in seiner Karriere bewiesen. Abgeworben von ABB, stand er lange im Schatten von Michael Rogowski. ?Kormanns Einstieg war nicht einfach?, sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) einmal über seinen Nachfolger bei Voith. Rogowski nannte ihn anfangs sogar ?Egghead?. So werden abgehobene Intellektuelle in Amerika bezeichnet, denen das Verständnis für die Belange einfacher Leute fehlt. In der Firma galt Kormann als kühler Rechner. Wegen seiner in sich gekehrten, bisweilen knorrigen Art wurden seine strategischen Fähigkeiten lange unterschätzt.?Wir waren wohl ein ideales Gespann?, erinnert sich Kormann. Und nicht ohne Stolz sagt er, dass er noch vor Rogowski wusste, mit welchen Finanzoperationen die Firma zu retten gewesen sei. Damals bekriegten sich zwei Familienstämme. Und Kormann musste eine halbe Milliarde Euro aufbringen, um den Familienstamm Voith-Schuler auszubezahlen. Die diplomatische Regie führte allerdings Rogowski, der heutige Chef des Aufsichtsrates. Kormann löste Rogowski im Jahr 2000 als Vorstandschef ab. Inzwischen war der Egghead auch für die Belegschaft vermittelbar geworden.Der Freund klassischer Musik und Literatur arbeitet nach eigenen Angaben sehr akribisch. ?Wenn ich mich mit einer Sache gründlich beschäftige, dann finde ich danach kaum jemand, der dann davon mehr versteht als ich.? Die besten Einfälle kommen dem Brecht-Liebhaber beim Wandern oder Lesen. Sie schreibt er dann in seine Kladde.Mitarbeiter bestätigen, dass niemand im Unternehmen etwas wird, den der Chef mit dem internen Kürzel ?HeK? nicht unter die Lupe genommen hat. Gerne taucht er überraschend bei Meetings auf. ?Man muss sich selbst ein Bild machen?, sagt er dazu. ?Keiner beginnt seinen Job mit Führungsaufgaben. Die Fähigkeit dazu muss man sich erst im Lauf der Zeit aneignen?, sagt Kormann in einem Seminar für den Führungsnachwuchs. Manchmal müsse man sich auch unterordnen können. ?Einem Bergführer ordne ich mich ja auch unter, weil der sich besser auskennt?, sagt Kormann.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Experte für FamilienunternehmenDer ehemalige Manager eines internationalen Großkonzerns ist inzwischen zu einem der größten Verfechter der Familienunternehmen geworden. Er hat Bücher dazu geschrieben und gilt als anerkannter Experte. Der Voith-Chef ist fest davon überzeugt, dass Familienunternehmen langfristig erfolgreicher sind als börsennotierte Konzerne, weil sie ?die Freiheit haben, nicht jede kurzfristige Dummheit machen zu müssen?. Der promovierte Betriebswirt doziert dazu als Gastprofessor in Leipzig und korrigiert die Klausuren selbst. ?Nirgendwo sonst hat man eine so gute Kontrolle, wie viel beim Einzelnen ankommt.?Im vergangenen Herbst teilte er mit, dass er noch bis 2008 Vorstandschef bleiben werde. ?Das Unternehmen unbeschadet weiterzugeben? ist sein Ziel. Zu den Favoriten für die Nachfolge zählt sein Finanzchef Hermann Jung.Nach seinem Ausscheiden will Kormann mit seiner Frau reisen und mit seinem einzigen Enkel auf Gipfeltour gehen. Mit dem Junior war er schon auf einem Zweieinhalbtausender. Außerdem will er ein Buch schreiben mit dem Titel ?Beiräte und Beiratsarbeit?.Und kaum jemand zweifelt, dass er Rogowski im Aufsichtsrat beerben wird.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.03.2007