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Der Unruhestifter

Von Anna Sleegers
Wie ein Kämpfer sieht Ralf Däinghaus mit seinem rundlichen Gesicht nicht gerade aus. Doch der gemütliche Eindruck täuscht: Der Gründer des niederländischen Pharmaversandhändlers Doc Morris gilt seit Jahren als Schreck der deutschen Apotheker. Jetzt lockt er die wirtschaftlich stärksten mit einem Marketingabkommen.
FRANKFURT. Seit fast einem Jahrzehnt führt er einen erbitterten Stellungskrieg gegen die deutsche Apothekerzunft. Als Schützengraben dient ihm die Kluft, die sich auftut zwischen dem europäischen Grundsatz der Niederlassungsfreiheit und der deutschen Gesetzgebung, die den Besitzstand der rund 21 000 deutschen Apotheker wahrt.Seit einiger Zeit wird das Gefecht auch auf der symbolischen Ebene geführt. Als die Besitzerin der Luisen-Apotheke im saarländischen St. Wendel die Marketingvereinbarung mit Doc Morris unterzeichnete, wurde als Erstes das rote Apotheken-A abgeschraubt. Auch bei künftigen Partnerschaften ? in der kommenden Woche soll in Norddeutschland die zweite Lizenzapotheke an den Start gehen ? soll das Wahrzeichen der deutschen Apothekerzunft durch das grüne Firmenlogo ersetzt werden.

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Die Hoffnung: Weniger angreifbar sein?Diesem Augenblick werde ich selbstverständlich jedes Mal beiwohnen?, sagt Däinghaus. Ein kleiner Scherz, dem rasch die Belehrung folgt, dass Doc Morris ein Wirtschaftsunternehmen und kein Apothekerschreck sei. ?Die Firma gehört zu 80 Prozent Finanzinvestoren, die mir einen Kleinkrieg mit den Apothekern gar nicht finanzieren würden.? Prozesskosten scheuen sie indes nicht. Um eine eigene Apotheke in Saarbrücken zu betreiben, streitet Doc Morris in zweiter Instanz mit konkurrierenden Apothekern.Mit der Marketingkooperation hofft Däinghaus, sich weniger angreifbar zu machen. Das nüchterne Ziel umreißt er so: ?Wir wollen die Vertragsfreiheit nutzen, die mit der Gesundheitsreform auf Kassen und Apotheken zukommt.? Rabattverträge mit großen Kassen sollen den Doc-Morris-Apotheken hohe Umsätze garantieren. Die Versicherten profitieren ebenfalls ? etwa bei den Zuzahlungen oder dank niedriger Beiträge.Bei den Finanzinvestoren mag ein weiteres Kalkül eine Rolle spielen. Nach geltendem Recht dürfen Apotheker maximal vier Apotheken besitzen. Fällt das so genannte Mehrbesitzverbot, wie in Großbritannien und den Niederlanden geschehen, böte eine funktionierende Marketingkooperation eine gute Basis, um eine Apotheken-Kette aufzubauen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ich wollte immer irgendetwas machen, das es bis dahin nicht gab? Aus dieser Erwägung sind auch die Pharmagroßhändler Anzag, Gehe und Phönix schon auf die Idee gekommen, in diesem Markt mitzumischen. Ihre Marketingkooperationen nennen sich ?Linda?, ?Vivesco? oder ?Gesund ist bunt?. Gegen eine Monatsgebühr von einigen tausend Euro dürfen die Apotheker ihr Schaufenster mit dem einheitlich gestalteten Markenauftritt dieser Kooperationen schmücken ? und Medikamente zu günstigen Konditionen einkaufen. Das Apotheken-A bleibt dabei hängen. Das Angebot kommt bei den Apothekern offenbar an: Jede der Marketingallianzen zählt bereits mehr als 1 000 Mitglieder.Auch bei Doc Morris klopften Däinghaus zufolge bereits mehrere hundert Apotheker an. ?Uns reichen aber erst mal 500 Partner ? wenn sie wirtschaftlich gut dastehen.? Angeschlagene Apotheken kämen nicht in Frage. ?Wir wollen die florierenden Apotheken in belebten Einkaufsstraßen.? Je mehr Konkurrenten es in unmittelbarer Nähe gebe, umso besser. ?Irgendwo müssen die Mehrumsätze ja herkommen?, erläutert er freundlich, und man beginnt zu ahnen, woher die Wut der Apotheker auf den Mann mit den rotblonden Haaren und der Andy-Warhol-Brille rührt.Däinghaus selbst kam nach eigenen Angaben zufällig zu seinem Job als Feindbild der Zunft. Nach seinem Informatik-Studium beschäftigte er sich Anfang der neunziger Jahre beim Fraunhofer Institut für Automatisierungstechnik in Stuttgart mit Virtual Reality ? Computerprogrammen, die eine künstliche und interaktive Welt schaffen. ?Das war das letzte Mal, dass ich selbst programmiert habe?, sagt er.?Wir schreiben schwarze Zahlen?Danach konzentriert sich Däinghaus voll auf das Geschäft. 1996 ist er Mitbegründer von Yellow Planet, einer der ersten deutschen Internetfirmen. Das Münchener Start-up baut Web-Sites für ProSieben, MSN und Polyglott. Wenig später kauft der TV-Hersteller Loewe Opta zunächst eine von Yellow-Planet entwickelte Technologie zum Internetsurfen mit dem Fernseher und dann das ganze Unternehmen. Däinghaus heuert als Business Development Manager bei einer Hamburger Multimedia-Agentur an, aber das Dasein als Angestellter macht ihn nicht mehr glücklich.?Ich wollte immer irgendetwas machen, das es bis dahin nicht gab?, sucht Däinghaus die Klammer zwischen den verschiedenen Stationen. Auf etwas ganz Neues kommt er zusammen mit Jacques Waterval, mit dem er auf einer Party in der Hansestadt ins Gespräch kommt.Der Niederländer besitzt eine Apotheke in Kerkrade an der deutschen Grenze und erzählt ihm, dass ein Großteil seines Umsatzes aus dem Geschäft mit Deutschen stammt. Weil Medikamente in den Niederlanden viel billiger sind, kaufen sie die Anti-Baby-Pille und andere Selbstzahler-Medikamente über der Grenze. ?Diesen kleinen Grenzverkehr wollten wir mit Hilfe des Internets auf ganz Deutschland ausdehnen?, sagt er. Eine Geschäftsidee ist geboren ? 1999 heben sie die Online-Apotheke Doc Morris aus der Taufe.Däinghaus und sein Partner holen sich früh den Finanzinvestor Technonord ins Boot. ?Wir wollten die Sache von Anfang an richtig aufziehen, und dafür brauchten wir viel Geld?, sagt er. ?Ich hatte Horror davor, den Auftritt selbst zu programmieren ? da kann so viel schief gehen.? Später stoßen auch 3i und HG Capital zu den Gesellschaftern, die mit der branchentypischen Verschwiegenheit dafür sorgen, dass Doc Morris lediglich Erfolgsmeldungen zu Umsatz und Kundenzahlen publiziert, aber keine Ergebnisse. ?Wir schreiben schwarze Zahlen?, lautet Däinghaus? Standardantwort, die allerdings nicht selten bezweifelt wird.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.01.2007