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Der unheimliche Bau-Herr

Von Peter Brors und Christoph Hardt, Handelsblatt
Josef Esch verwaltet das Vermögen der Superreichen dieser Republik. Wer aber ist der Mann mit den engen Kontakten zu Sal. Oppenheim und jetzt auch Karstadt? Eine Handelsblatt-Reportage.
HB KÖLN. Kölns beste Gesellschaft ist da: der hünenhafte Verleger, Alfred Neven DuMont. Der jüngere Bankerbe Christopher Freiherr von Oppenheim und der ältere Bankerbe, Matthias Graf von Krockow, auch der Pferdezüchter Georg Baron von Ullmann, Zigarre rauchend. Fast alle sind sie braun gebrannt, tragen Gel in ihren Haaren. Nur einer will nicht recht passen in die Riege der gestylten Männer, die vor Tagen Richtfest der neuen Kölner Messe feiern. Dieser Mann ist ein bisschen vollschlank, der blaue Anzug spannt an den Schultern. Er hat riesige Hände, mit denen schlägt er dem Chef von Europas größter Privatbank derart auf den Rücken, dass man gar nicht weiß, wer hier eigentlich der Chef ist.Der Mann mit den großen Händen ist fast kahl rasiert, er hat einen Stiernacken und hat das Fest erst ermöglicht. Das Büfett aber ist noch nicht eröffnet, da verschwindet er schon mit seinem Bodyguard in einem schwarzen BMW. Dessen Scheiben sind natürlich schwarz getönt. Denn wenn dieser Mann etwas meidet, dann zu viel Öffentlichkeit.

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Es ist dies die Geschichte des Josef Esch, geboren am 8. Oktober 1956, erst Maurer, dann Kaufmann, heute einer der ganz großen Immobilienentwickler der Republik. Zusammen mit den feinen Privatbankiers des Kölner Bankhauses Sal. Oppenheim betreut Esch ein Vermögen von ?mehreren Milliarden Euro?. Zu seinen Kunden gehören die wirklich Reichen:die Nevens und Werhahns, die Zanders und Murmanns, die Riegels und Leisler Kieps. Und jetzt ist er auch noch dran, sein Netz über Karstadt zu werfen.Doch wer ist eigentlich dieser Mann, dem Adel und Geldadel ihr Vermögen anvertrauen? Der dem Land stetig neue Kaufhäuser, Sporthallen und Gewerbeparks schenkt? Von Esch selbst ist bei der Lösung dieser Fragen keine Mithilfe zu erwarten. Er gibt ?keine Interviews?, Fragen lässt er über einen Bonner Rechtsanwalt einsilbig beantworten.Die Spur des Josef Esch führt nach Troisdorf-Sieglar, einem gemütlichen Ort vor den Toren Kölns. Hier steht seine Villa am Rande eines Landschaftsschutzgebiets. Einheimische nennen die Gegend wegen ihrer natürlichen Reize ?Sieglarer Schweiz?. Sein Domizil wird rund um die Uhr bewacht. Kaum 800 Meter entfernt, auf dem Platz des früheren Rathauses, befindet sich Eschs sechsstöckige Firmenzentrale, wo 50 Angestellte arbeiten. Für Besucher steht eine Tiefgarage bereit. Der Aufzug, der sie in die Geschäftsräume bringen könnte, lässt sich indes nur von Wachleuten bedienen, die jeden einzelnen Gast im Kellergeschoss in Empfang nehmen und nach oben begleiten. ?Bei uns herrscht Sicherheitsstufe eins wie beim Bundeskanzler?, sagen Mitarbeiter.Nicht ein Schild deutet darauf hin, dass der kinderlose 48-Jährige von hier aus sein Firmenkonglomerat mit zahllosen Finanzierungs-, Fonds- und Baugesellschaften regiert und seine wesentliche Geschäftsidee verbreitet: Bei Investoren sammelt Esch Geld ein, kauft günstig Grundstücke, verspricht den ehemaligen Besitzern Prestigeobjekte und bekommt dafür langfristige Mietverträge. Den Investoren winken ansehnliche Renditen und erhebliche Steuervorteile.Diese geschlossenen Immobilienfonds sind an sich noch kein Alleinstellungsmerkmal. Dafür sorgt Eschs Brillanz als Geschäftsmann. ?Er ist ein gewiefter Kopf?, sagt eine frühere Oppenheim-Führungskraft. ?Der kann ihnen alles auf den Cent genau kalkulieren, und wenn es ein Klodeckel wäre.?Und dann ist da vor allem auch noch diese schon unheimliche Nähe zu Matthias Graf von Krockow, jenem Mann, dem Esch so demonstrativ auf den Rücken klopfte. Krockow, 56, ist Sprecher der persönlich haftenden Gesellschafter bei den Oppenheims. Er sorgt für einen nie abreißenden Fluss hochbegüteter Kunden in die inzwischen mehr als 60 Oppenheim-Esch-Fonds. Krockow sagt: ?Wir würden gerne noch mehr gemeinsam machen, aber es fehlt an einer ausreichenden Zahl guter Objekte.?Der Maurer und der Graf ? schon steckt man mittendrin im Erfolgsgeheimnis des rheinischen Duos. Sie sind beruflich zusammen groß geworden. Sie haben sich dabei ineinander verhakt, so heftig, dass mancher in Köln glaubt: ?Wenn Esch fallen sollte, fällt auch Sal. Oppenheim.?Die, die das sagen, waren lange bei Oppenheim beschäftigt. Und sie meinen es im übertragenen Sinne: ?Sollten die Esch-Fonds und die ganze investierte Prominenz mal Schiffbruch erleiden, worauf wohlgemerkt derzeit nichts hindeutet, dann hätte die Bank ein immenses Imageproblem.?Die Symbiose zwischen Esch und den Oppenheims beginnt Ende der 80er-Jahre. Als Lehrling auf den Baustellen seines Vaters Christian fängt der kleine Josef an. Nach dem Tod des Vaters 1986 übernehmen die Söhne die Firma. Der ältere, Matthias, leitet seither das Baugeschäft. Josef dagegen bereitet das Handwerk Mühe. Aber er hat ein Faible für Finanzierungen, vor allem für Bauherrenmodelle. Auch deshalb wird heute niemand behaupten, Josef Esch habe die europäische Architekturgeschichte bereichert.Er knüpft erste Kontakte zu den Versicherungen Colonia und Nordstern, die damals zum Einflussbereich der Oppenheims zählen. Esch läuft in dieser Zeit zu Hochform auf, im Januar 1989 hat er seine fast 16 Jahre ältere Frau Irma geheiratet, die Ex-Gattin des in den Bundesligaskandal verwickelten Torhüters Manfred Manglitz. Auch baulich beginnt ein neuer Lebensabschnitt: Er erobert Köln. Im Juni 1991 gründet Esch mit dem Bankhaus die Oppenheim Immobilientreuhand, den Kern der heutigen Firmengruppe. Jetzt bekommt das Geschäft echte Dynamik, denn nun führt Graf Krockow die Privatkundensparte der Bank. Ein Oppenheim-Banker erzählt: ?Es ist Krockows Verdienst, diesen hochtalentierten Mann weiter richtig gefördert zu haben.?Nicht ohne Eigennutz: Die Privatkundensparte bei Sal. Oppenheim befindet sich damals in einem beklagenswerten Zustand. Geld fließt fast nur aus den Immobiliengeschäften. ?Erst Esch hat Krockows Bereich die Profitabilität gegeben, die ihn später an die Spitze der Bank führte?, sagt ein Kenner des Bankhauses. Krockow, der eingeheiratete Sprössling eines verarmten pommerschen Adelsgeschlechts, der auf einem Bauernhof bei Trier groß wurde, bietet Esch im Gegenzug an, als Partner bei Oppenheim einzusteigen. Doch der lehnt erst mal ab: ?Lass uns das nicht vermischen.?Der Beziehung schadet das nicht. Im Gegenteil. Esch hat heute im Bankhaus ein eigenes Büro, an den Sitzungen der Partner nimmt er regelmäßig teil. Krockow nennt Esch ?einen persönlichen Freund?. Man fährt gemeinsam Ski, teilt auch andere Leidenschaften: Pferde, Fliegerei, Security. Beide sind Gesellschafter der Challenge-Air, die vier Flugzeuge betreibt und in alle Welt vermietet. Überdies halten sie eine Beteiligung an der Berliner Sicherheitsberatung Consulting Plus. Ein Geschäftspartner sagt es so: ?Esch hat überall seine Finger drin. Ein echter Strippenzieher.?Tatsächlich knüpft er über die Jahre ein enges Netz aus Beziehungen, zum eigenen Wohle und zum Wohle seiner Partner. Er beschäftigt ehemalige hochrangige Lokalpolitiker aus beiden großen Volksparteien. Man kennt sich, und man hilft sich, dieses Urprinzip rheinischer Wirtschaft, mancherorts auch Klüngel genannt, hat Esch perfektioniert.Ein Bauingenieur, der für Esch arbeitete, erinnert sich als Augenzeuge an eine Sitzung im Kölner Rathaus: ?Als der Bebauungsplan für ein großes Wohnungsbauprojekt Ende der 90er-Jahre Schwierigkeiten macht, einigt man sich in einer Dezernentenbesprechung darauf, den Plan zu umgehen. Mindestens zwei Monate müsse man dafür aber rechnen, erklärt die Amtsleitung. Eschs Projektleiter Werner Keutmann verlangt höchstens zwei Wochen, die Beamten widersprechen, Keutmann wird laut: Man wisse doch vom vorhergehenden Projekt, wie es laufe. Zwei Wochen später ist die veränderte Planung genehmigt.?Zu dieser Zeit ist Esch in Köln längst eine Macht. Von 1995 bis 1998 hat er sein Meisterstück abgeliefert, die Köln-Arena samt ?Mantelbebauung?, dem technischen Rathaus, gebaut von Oppenheim-Esch, bezahlt von 77 Fondszeichnern, die 900 Millionen D-Mark aufbringen und Renditen von bis zu zehn Prozent erzielen. Dafür gerade steht vor allem die Stadt Köln, die sich zwar fortan mit dem modernsten Hallenstadion Europas schmückt, das Grundstück aber weit unter Wert verkauft und sich mit langfristigen Verträgen ins neue Rathaus eingemietet hat. Kölns späterer Oberbürgermeister Harry Blum spricht vom ?vermieterfreundlichsten Mietvertrag, den die Stadt je abgeschlossen hat?.Die Verhandlungen mit Oppenheim-Esch führt für die Stadt der damalige Oberstadtdirektor Lothar Ruschmeier. Der hatte seine politische Karriere als SPD-Fraktionschef in Eschs Troisdorfer Heimat in Schwung gebracht. Und dorthin sollte er auch zurückkehren: Nur Tage nach seinem Ausscheiden aus der Stadtverwaltung im April 1998 bezieht Ruschmeier ein neues Büro: in Troisdorf-Sieglar, als Geschäftsführer für Oppenheim-Esch. Die Empörung über den ?Bangemann vom Rhein? verpufft schnell, die örtliche Presse gehört schließlich einem guten Kunden Eschs.Inzwischen ist Esch längst über Köln hinausgewachsen. Jetzt redet er sogar bei Karstadt mit, hat er doch fünf Warenhäuser für Karstadt entwickelt. Der angeschlagene Konzern hat sich im Gegenzug auf Mietzahlungen ?von 821,2 Millionen Euro gegenüber Oppenheim-Esch verpflichtet?, wie es im Prospekt zur Kapitalerhöhung heißt. Vorsichtshalber hat Karstadt ?Drohrückstellungen von 100 Millionen Euro? gebildet.Doch dem guten Verhältnis zu wichtigen Leuten bei Karstadt hat das nicht geschadet. Thomas Middelhoff, neuer Karstadt-Chef, ist privat bei vier Esch-Fonds investiert. Großaktionärin Madeleine Schickedanz pflegt gar ein noch engeres Verhältnis. Sie ist Mitinhaberin der Oppenheim-Esch-Managementgesellschaft für Immobilienentwicklung.So wird Esch nicht nur bei Karstadt immer wichtiger. Zwei Topbanker, die selbst für Sal. Oppenheim gearbeitet haben, behaupten übereinstimmend, Esch sei inzwischen sogar als stiller Teilhaber bei Oppenheim eingestiegen. Die Bank und Esch dementieren.Gleichwohl empfindet so mancher Banker diese ungewöhnliche Nähe, diesen Hauch von Baustelle, der sich über die mehr als 200 Jahre alte Bank gelegt hat, als ?unschön?. Aber das sei eben der Geist der Zeit, sagt ein Ex-Oppenheim-Banker: ?Cash is Cash.?
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2005