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Der ungewollte Erbe

Von Jürgen Flauger, Handelsblatt
Rudolf Schulten, neuer Chef der MVV Energie AG, muss aus dem Schatten seines Vorgängers heraustreten.
MANNHEIM. Heute, am späten Abend, wenn die meisten Angestellten schon längst zu Hause sind, wird der Vorstandschef der MVV Energie AG, Roland Hartung, noch einmal in sein Büro gehen, die Tür zuziehen ? und die Uhren zurückdrehen. So witzelt die Belegschaft in den Fluren des Versorgers über ?Mr. MVV?, der sich an seinem letzten Arbeitstag nur schwer von seinem Lebenswerk trennen könne.Kein leichter Start für seinen Nachfolger, den ehemaligen Finanzvorstand der Berliner Bewag, Rudolf Schulten. Er muss sich ab morgen an der Erfolgsbilanz von Hartung messen lassen, den Branchenbeobachter als ?Übervater? bezeichnen. Der führte das Unternehmen 15 Jahre lang und brachte es als einziges Stadtwerk 1999 an die Börse, vervierfachte seitdem den Umsatz und machte es zum fünftgrößten Versorger in Deutschland, hinter Eon, RWE, der Energie Baden-Württemberg (EnBW) und Vattenfall Europe.

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?Ich stehe nicht im Schatten, weil ich von außen komme?, gibt sich der Neue selbstbewusst, ?ich habe eine andere Vita und andere Stärken.? Die könnten unterschiedlicher kaum sein: Hier der langjährige Rechtsanwalt und CDU-Kommunalpolitiker Hartung, der sich als Fraktionschef um den Posten des Mannheimer Oberbürgermeisters bewarb, ehe er an die Spitze des Energieversorgers wechselte. Dort der gelernte Energiefachmann Schulten, der mehr als 20 Jahre in der Branche gearbeitet hat ? zunächst als Wissenschaftler am renommierten Kölner Energie-Institut, später als Manager bei Ruhrgas, Wingas sowie dem Berliner Gasversorger Gasag und dessen Mutter Bewag.Das Interesse für Energie wurde Schulten in die Wiege gelegt: Sein Vater war ein renommierter Wissenschaftler, der fast zu weltweitem Ruhm gelangt wäre. Er entwickelte einen neuen Reaktortyp ? aber ein paar Jahre zu spät. In Deutschland steckte die Kernkraft schon mitten in der Akzeptanzkrise. Egal: ?Der richtige Stallgeruch ist in der Branche nach wie vor wichtig?, betont ein Insider.Schultens Stärke ist seine Verankerung in der Branche. Ehemalige Weggefährten bezeichnen ihn zudem als kontaktfreudig, diplomatisch und sprachgewandt. Aber er verfüge nicht wie Hartung über ein weites, politisches Netzwerk, merkt ein Branchenkenner kritisch an. Schulten kennt das Problem und versichert, er werde sich ?intensiv darum bemühen?.Die Energiepolitik war die liebste Spielwiese seines Vorgängers. Hartung galt als unbequemer ?Revoluzzer?, der in seinen brillanten, meist mit einer gehörigen Portion Humor gewürzten Reden gerne die großen Vier der Branche aufs Korn nahm. Er prangerte die Marktmacht der Etablierten an und forderte Chancengleichheit für die Kleineren der Branche ? zu denen die MVV mit zuletzt 1,7 Milliarden Euro Umsatz noch immer zählt.Sein Nachfolger ist keineswegs so emotional wie Hartung. Schulten bezeichnet sich selbst als ?Verstandesmensch, der aber auch einmal fünf gerade sein lassen kann?. Vor allem sieht sich der mit einer Französin verheiratete Freizeitfußballer nicht als Workaholic. Während sich andere Top-Manager mit überlangen Arbeitszeiten brüsten, betont Schulten, dass ?Quantität und Qualität der Arbeit gegenläufige Faktoren? seien.Lesen Sie weiter auf Seite 2 über den ungewollten Erben Das hört man im Unternehmen gerne. Dennoch blicken die Mitarbeiter so mancher Tochtergesellschaft dem Generationswechsel von dem 67-Jährigen zum 48-Jährigen mit gemischten Gefühlen entgegen. Eilt Schulten doch der Ruf des Sanierers voraus, seit ihm bei der Gasag die Trendwende gelang. ?Ich komme aus dem Finanzbereich, und das wird in der nächsten Phase am wichtigsten sein?, bestätigt der Neue seinen Ruf.Die MVV sei ein sehr erfolgreiches Unternehmen, lobt er zwar die Arbeit seines Vorgängers. Aber er kritisiert, die Organisation habe mit dem Wachstumstempo nicht Schritt gehalten. An der Expansionsstrategie an sich werde er nichts ändern. Es könne aber durchaus sein, dass sich die MVV aus dem ein oder anderen Geschäftsfeld zurückziehe. ?Wachsen und schneiden? lautet seine Devise.Unter Hartungs Führung hatte das Mannheimer Stadtwerk fleißig zugekauft. Die MVV übernahm Kommunalversorger in Offenbach, Ingolstadt und Solingen, stieg bei Firmen in Polen und Tschechien ein und versuchte sich auf Neuland wie dem Internet aus der Steckdose. Hartung galt als experimentierfreudig. Schulten ist weniger Visionär, sondern Vertreter der ?kontrollierten Offensive?.Kenner des Unternehmens bezeichnen das Verhältnis der beiden als distanziert. Kein Wunder, hatte sich Hartung doch einen anderen Nachfolger gewünscht: Karl-Heinz Trautmann, ein Mann aus dem Hause MVV und Vorstandschef der Tochter Energieversorgung Offenbach (EVO), scheiterte letztlich jedoch an kommunalpolitischen Zwängen. Der CDU-Mann fiel bei Aufsichtsratschef und SPD-Oberbürgermeister Gerhard Widder durch.Doch für ihn wurde eine Lösung gefunden, die Branchenbeobachter als ?äußerst ungewöhnlich? und ?heikel? bezeichnen: Trautmann, der unterlegene Mitbewerber um den Vorstandsvorsitz, rückt an Schultens Seite. Er übernimmt das extra für ihn geschaffene Vorstandsressort Marketing und Vertrieb.Sein Widersacher Schulten gibt sich ganz diplomatisch und wiegelt ab: ?Ich gehe unvoreingenommen und optimistisch in die Zusammenarbeit.? Bisher habe er ?wenige persönliche Feindschaften gehabt, und das will ich so beibehalten?. Ein ?Übervater? wie sein Vorgänger will Schulten schließlich sowieso nicht sein, sondern ?ein Team-Leader?.Rudolf Schulten1955 wird er in Göttingen geboren. Er wächst in Lützelsachsen an der Bergstraße auf, nur unweit seiner neuen Wirkungsstätte Mannheim.1981 wird er ? nach Betriebswirtschaftsstudium und Promotion ? Mitarbeiter am energiewirtschaftlichen Institut in Köln. Anschließend arbeitet er als Vorstandsassistent bei Ruhrgas und als Energieexperte für die Unternehmensberatung Roland Berger.1993 wechselt er in die Unternehmensplanung der BASF- Tochter Wingas.1994 geht Schulten zum Berliner Versorger Bewag und übernimmt vier Jahre später den Posten des Finanzvorstands bei dessen Tochter Gasag. Unter seiner Ägide gelingt dem Unternehmen der Turn-around.2002 wechselt Schulten als Finanzvorstand zurück zum Mutterkonzern Bewag. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.09.2003