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Der Ungeliebte wirbt um Vertrauen

Von Carsten Herz
Horst Neumann suchte diese Woche Rat beim FC-Bayern-Trainer Felix Magath. Mit ihm sprach der scheidende Audi- und frisch gekürte VW-Personalvorstand über die Kunst der Motivation. Ein paar gute Tipps kann der 56-Jährige gut gebrauchen, wenn er nächste Woche seinen neuen Job in Wolfsburg antritt. Gegen den Willen des VW-Chefs Bernd Pischetsrieder und hatte Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch Neumann vor wenigen Wochen im Handstreich als Personalvorstand durchgesetzt.
HB INGOLSTADT. Ein paar gute Tipps für den richtigen Umgang mit Kollegen und Untergebenen kann der 56-Jährige allerdings gut gebrauchen, wenn er nächste Woche seinen neuen Spitzenjob in der Wolfsburger VW-Zentrale antritt.Gegen den Willen des VW-Chefs Bernd Pischetsrieder und auch den weiter Teile der Kapitalseite im Aufsichtsrat hatte Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch gemeinsam mit der Arbeitnehmerbank das IG-Metall-Mitglied Neumann vor wenigen Wochen im Handstreich als Personalvorstand durchgesetzt. Ein Eklat, der Aufsichtsratsmitglied Gerhard Cromme zum Rückzug aus dem Gremium bewegte ? und Neumann, der für seine Arbeit bei Audi durchaus viel Lob erhielt, in den Augen vieler zu einem Erfüllungsgehilfen der IG Metall stempelte.

Die besten Jobs von allen

Doch Neumann sieht sich zu Unrecht in die Gewerkschaftsecke gestellt. Der drahtige Personalchef, der mit seiner dunklen Hornbrille im fein geschnittenen Gesicht an einen McKinsey-Berater erinnert, warb bei seinem ersten Antrittsbesuch bei Pischetsrieder und VW-Markenchef Wolfgang Bernhard um Vertrauen.Den Reformkurs im VW-Konzern, der mitten in einer schwierigen Sanierung steckt, werde er mittragen, versicherte Neumann dem passionierten Zigarrenraucher Pischetsrieder in einem ersten Gespräch. Der VW-Haustarifvertrag, diese Meinung teilt der neue Personalchef mit dem VW-Boss, ist auf seinem jetzigen Niveau nicht zu halten, wenn der Autobauer künftig gegen die wachsende Konkurrenz aus Fernost noch bestehen will.Der Audi-Personalchef, der privat mit der SPD-Linken Andrea Nahles liiert ist, macht keinen Hehl daraus, dass er für die Belange der Belegschaft Verständnis hat. Doch Neumann sieht sich, den Umständen seiner Wahl zum Trotz, nicht als Interessenvertreter der Arbeitnehmer im Vorstand. Dies habe er auch in einem Gespräch mit dem neuen VW-Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh in ruhigen, aber bestimmten Worten klargestellt, heißt es in Wolfsburg. Der neue VW-Personalchef weiß jedoch, dass IG-Metall-Chef Jürgen Peters eine andere Rechnung aufmachen wird. Früher oder später wird er Neumann daran erinnern, dass er doch einer der ihren ist.Für Neumann wird der neue Job ein heikler Balanceakt. Mit seiner Wahl hat sich das alte VW-System einer engen Verflechtung zwischen Unternehmen und Belegschaftsvertretern überraschend wieder zurückgemeldet. Der neue Personalchef wird indes, nimmt er seine Aufgabe ernst, nun genau dieses System zurückdrehen müssen, dem er seine Karriere bei VW verdankt. Der neue Arbeitsdirektor steht damit vor einer Herkulesaufgabe. Er muss den Mitarbeitern klar machen, dass die Zeiten, in denen VW-Beschäftigte rund 20 Prozent mehr verdienen konnten als ihre Kollegen bei der hoch profitablen Tochter Audi, endgültig vorbei sind. Ohne Konflikte wird das nicht gehen, dass weiß auch Neumann. ?Ich bin in erster Linie Vorstand. Und kein IG Metaller?, soll Neumann bei Audi im Kollegenkreis gesagt haben. Nicht nur Peters dürfte diese These mit Interesse zur Kenntnis nehmen.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.11.2005