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Der umgekehrte Solidaritätszuschlag

Die Transferleistungen Westdeutschlands für die neuen Länder sind nach Überzeugung der wirtschaftsnahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) alles andere als eine Einbahnstraße: Wirtschaftlich starke West-Länder sparten bei der Hochschulbildung und bedienten sich stattdessen auf dem Absolventenmarkt Ost.
Schon bald im Westen? Studenten an der Universität Rostock. Foto: dpa
HB KÖLN. Wie die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall initiierte INSM am Mittwoch mitteilte, weist ihr vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln erstellter Bildungsmonitor 2006 ?eindrucksvoll? nach, dass Jungakademiker mit naturwissenschaftlich-technischer Ausbildung aus ostdeutschen Bundesländern nach Bayern, Baden-Württemberg oder Hessen abwandern. Diese West-Länder bildeten an ihren Hochschulen zu wenige Ingenieure und Naturwissenschaftler aus, um den Bedarf der heimischen Wirtschaft zu decken. Die INSM warf Bayern vor, sich auf die Ost-West-Hochschülerwanderung ?offensichtlich strategisch eingerichtet? zu haben: Die Münchner Staatsregierung verknappe die Studienplätze und investiere mehr in die Forschung als in die Lehre.?In Sachsen zum Ingenieur ausgebildet - in Bayern als Ingenieur beschäftigt. Diese Art der Abwerbung könnte man als umgekehrten Soli bezeichnen?, sagte INSM-Geschäftsführer Max A. Höfer unter Anspielung auf den Solidaritätszuschlag, der in ganz Deutschland zur Finanzierung des Aufbaus Ost auf Einkommens- und Körperschaftssteuer erhoben wird. Höfer warnte davor, dass etwa Sachsen aus diesem demografischen Aderlass die Konsequenz ziehen könnte und Ingenieurstudienplätze abbaut.

Die besten Jobs von allen

Der Bildungsmonitor misst den Verlust von Fachpersonal nach Angaben der INSM an der so genannten Forscherersatzquote. Das ist die Zahl der Absolventen eines Landes in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik je 100 im Land beschäftigte Forscher und Entwickler. Bayern weist mit 7,8 eine weit unterdurchschnittliche Forscherersatzquote auf, Mecklenburg-Vorpommern mit 22,2 eine weit überdurchschnittliche. Der Durchschnitt liege bei 12,3.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sachsen glänzt, NRW SchlusslichtDie Experten des Kölner IW bescheinigen Sachsen zudem, im Augenblick das nach ihrer Meinung beste Bildungssystem in ganz Deutschland zu haben. Bayern, das nach dieser Studie im Vorjahr noch geführt hatte, rangiere nunmehr nur noch hinter Baden-Württemberg auf Rang 3. Die INSM erklärte, Sachsen habe trotz eines demographiebedingten Rückgangs der Schülerzahlen seine Bildungsausgaben auf nahezu gleichem Niveau gehalten und damit in die Betreuungsqualität investiert. Die Schulabbrecherquote sei in dem Bundesland stärker als in anderen Ländern gesenkt worden; gleichzeitig führe Sachsen mehr junge Menschen zur Hochschulreife geführt.Schlusslicht der Rangliste ist Nordrhein-Westfalen, dem die Studie dennoch überdurchschnittliche Fortschritte im Vergleich zum Vorjahr bescheinigt. Die Studie bewertet alle Bildungsstufen von den Vor- und Grundschulen über die weiterführenden allgemein bildenden Schulen bis zu den Berufs- und Hochschulen bewertet.Sachsens Kultusminister Steffen Flath (CDU) erklärte zu dem Ranking: ?Wir haben Anfang der Neunziger unser Bildungssystem komplett umgestellt, davon profitieren wir jetzt.? Wie andere Studien zuvor kritisiert auch der Bildungsmonitor Bayern für seine niedrige Abiturientenquote. Der bayerische Kultusminister Siegfried Schneider (CSU) kündigte daraufhin Konsequenzen an: ?Wir werden andere Wege zur Hochschulreife eröffnen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 23.08.2006