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Der Uhrenprinz

Von Oliver Stock
Nick Hayek brauchte lange, um sich aus dem Schatten seines mächtigen Vaters zu lösen. Jetzt macht der 52-jährige Chef des Schweizer Swatch-Konzerns Tempo und legt ein Rekordergebnis hin. Überhaupt: Die Entdeckung der Langsamkeit überlässt der Mann, der immer mehr als nur eine Uhr am Handgelenk trägt, lieber anderen.
Afrika? Nein, Afrika wäre nichts für ihn. Wer dort in einen dieser ächzenden Überlandbusse einsteigt und den Fahrer fragt, wann es denn losgeht, bekommt bekanntlich nur einen verständnislosen Blick zugeworfen. Los geht es, wenn der Bus voll ist. Die Zeit ist gleichgültig.Nicolas Hayek, genannt ?Nick?, aber lebt von der Zeit. Er misst sie. Am Montag hat er sie sogar ein bisschen nach vorne gedreht und die Bilanz der Swatch-Gruppe vier Tage vor dem ursprünglich genannten Datum präsentieren lassen. ?Wir sind schneller fertig geworden. Warum sollten wir dann warten?? lautet die offizielle Begründung aus dem Konzern dazu.

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Vielleicht möchte er der Welt sein Rekordergebnis nicht länger verschweigen. Schließlich steigerte die Swatch-Gruppe im vergangenen Jahr den Reingewinn dank höherer Preise um ein Drittel auf 830 Millionen Franken (520 Millionen Euro), so viel wie noch nie. Der Umsatz überschritt die Marke von fünf Milliarden Franken.Egal. Nick Hayek, Chef der Swatch-Gruppe, drückt diesmal offenbar aufs Tempo. Überhaupt: Die Entdeckung der Langsamkeit überlässt der Mann mit der scharf geschnittenen Nase und dem dichten Haar, der immer mehr als nur eine Uhr am Handgelenk trägt, lieber anderen. ?Wenn es gut läuft, neigt man dazu, sich zurückzulehnen und das Erreichte zu genießen?, warnt er. ?Wir aber wollen weiter hungrig bleiben.?Nick Hayek gibt sich selbstbewusst. Der Junior hat sich in seinen mehr als drei Jahren an der Swatch-Spitze aus dem Schatten des mächtigen Vaters gelöst.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Senior gründet die Swatch-Gruppe und macht sie zum größten Uhrenkonzern der Welt. Denn der Senior ist es, der die Schweizer Uhrenindustrie rettet, als sie Anfang der achtziger Jahre vor dem Ansturm der Japaner beinahe für immer stehen bleiben will. Er gründet die Swatch-Gruppe und macht sie zum größten Uhrenkonzern der Welt. Er vereint unter ihrem Dach neben der namensgebenden Plastikuhr klangvolle Namen wie Blancpain, Glashütte, Breguet und Omega. Uhrenkönig Hayek zieht sich 2003 in den Aufsichtsrat zurück und überlässt offiziell seinem Sohn die Geschäfte. Nick Hayek umgibt bis dahin eine Art Prinz-Charles-Aura: ein an sich sympathischer Nichtsnutz, der um die Verantwortung einen geruhsamen Bogen schlagen kann. Er schießt zwar nicht auf Tontauben, versucht aber sein Glück als Filmregisseur: Dokumentationen, Werbestreifen und zwei Spielfilme sind darunter ? aber keine Kassenschlager.Ganz wie die Queen unternimmt Vater Hayek ein halbes Jahrhundert lang nicht viel, um den geborenen Nachfolger aus der Rolle des ewigen Zweiten zu befreien: Erst in den neunziger Jahren holt er ihn in den Konzern. Er bleibt nach seinem Abgang als operativer Chef im Jahr 2003 Präsident des Verwaltungsrats und größter Aktionär der Gruppe.Wer zu dieser Zeit am Firmensitz in Biel anruft und ?Herrn Hayek? sprechen will, wird kommentarlos zum Senior durchgestellt. Und wer dann tatsächlich mit dem Senior eines dieser Gespräche führt, die vor geschäftstüchtiger Durchtriebenheit nur so triefen, vergisst schnell, dass da nicht der amtierende Chef vor einem sitzt. Es kann allerdings passieren, dass dann das rote Telefon an seiner Seite klingelt und er dem Wasserfall seiner Worte Einhalt gebieten muss, weil er weiß: Wenn dieser Apparat klingelt, ist es der Sohn. Und der darf jederzeit stören. So ist das in der Hayek-Dynastie.Der Uhrenprinz berichtet dann am anderen Ende der Leitung vielleicht vom ein oder anderen Engpass. Seitdem der Konzern vom eigenen Erfolg überrollt wird, knirscht es ein wenig: Es fehlt mal an Sekundenzeigern, Ankern und Federn. Mal fehlt es an Uhrmachern und manchmal auch an pfiffigen Händlern, die so wollen, wie Hayek will.Doch auch der Junior, den seine Mitarbeiter nach drei Jahren, die sie ihn nun an der Spitze der Swatch-Gruppe erleben, als ?weltoffen und entspannt? bezeichnen, hat längst gelernt, wie sich Uhren verkaufen lassen. Und er macht da keine Kompromisse. Händler, die Produkte aus dem Hause Hayek ? Pardon: Swatch ? anbieten, müssen strenge Vorgaben erfüllen, wie sie die Ware präsentieren. ?Natürlich?, meint er, ?sollte man für jede Marke eine Botschaft finden, die auch kommunizierbar ist. Viel wichtiger aber ist es, dass die Botschaft wahr ist und einen Wert hat. Sonst bleibt sie oberflächlich.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Wahr ist für die Hayeks beispielsweise, dass Uhren unser tägliches Leben beglücken. Wahr ist für die Hayeks beispielsweise, dass Uhren zu den innovativsten Erfindungen gehören, die unser tägliches Leben beglücken. Und das kann der Junior gerade in diesen Zeiten für die Ohren gewisser Umweltminister gar nicht oft genug wiederholen. ?Wenn die Automobilindustrie nur zehn Prozent der Innovationskraft der Uhrenindustrie hätte, dann hätten wir schon lange ein Hybridauto, und die Autohersteller würden nicht noch alte Konzepte für neu verkaufen?, tönt er dann.Vertieft hat er das Thema allerdings nicht, dafür steckt ihm die Erfahrung im Familienblut. Vater Hayek, der neben dem Verkaufen auch das Erfinden als seine Passion betrachtet, hat mit dem Hybridauto, das als Swatchmobil unter seiner Führung startete und als Smart unter Daimler-Chryslers Ägide gelandet ist, einst eine Niederlage eingefahren. Vielleicht wäre die Zeit jetzt reifer dafür. Vielleicht ist aber der Junior, der ja nun auch schon 52 Jahre alt ist und das erste Grau im Haar trägt, schon zu reif für solche Zeiten.Früher hätte er noch mitgemacht. Damals wehte vor seinem Bürofenster mal eine Piratenflagge, die deutlich machte, dass die permanente Revolution genau hier stattfindet. Damals unterbreitete er den Schweizern den Vorschlag, neben dem Tessin, Uri, Graubünden und wie die Regionen alle heißen einen ?Kanton Swatch? zu gründen, in dem die Kantonalbank nicht Franken-, sondern Zeitguthaben einrichtet.Heute ist das vergessen ? und verziehen.Der Pirat ist zum Kapitän auf einem Luxusdampfer geworden, der mit Blick auf Traummargen für Traumuhren erkannt hat: ?Für Luxusgüter gibt es keine Limits.? Analysten mögen ihn dafür. Die Zeiten ändern sich eben.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Nicolas Hayek junior.Nicolas Hayek junior1954: Er wird als Sohn des Unternehmers Nicolas Hayek in der Schweiz geboren. Nach der Schule studiert er Marketing an der Hochschule in St. Gallen, bis es ihn an die Filmakademie nach Paris zieht.1980: Hayek dreht seine ersten Filme als Regisseur in seiner eigenen Produktionsgesellschaft. Neben Werbefilmen entstehen Dokumentationen und zwei Spielfilme.1994: Sein Vater holt ihn in den Konzern, zunächst als Vizepräsident und Marketingchef der Marke Swatch. Die Swatch-Gruppe in Biel/Schweiz entwickelt sich mehr und mehr zum Luxusgüter-Konzern.2003: Er wird Chef der Swatch-Gruppe und muss als Erstes die Kernmarke sanieren. Er verringert die Zahl der jährlich erscheinenden Swatch-Modelle und erhöht so wieder die Margen. Sein Vater beschränkt sich seitdem auf seine Rolle als Aufsichtsratschef.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2007