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Der Überraschungskandidat

Von Gregory Lipinski, Handelsblatt
Thomas-Bernd Quaas beerbt Rolf Kunisch an der Spitze des Kosmetikkonzerns Beiersdorf.
HAMBURG. Der Mann hält sich gern im Hintergrund. Bei Treffen mit Analysten der internationalen Finanzszene oder bei gesellschaftlichen Ereignissen lässt er sich kaum blicken. ?Wir haben bei Analystensitzungen immer nur den amtierenden Vorstandschef und den Finanzvorstand zu Gesicht bekommen?, meint etwa DZ-Bank-Analyst Heinz Müller.Nun rückt der Mann mit dem hohen Stirnansatz und dem leicht ergrauten, kurzen Haar überraschend ins Rampenlicht. Thomas-Bernd Quaas wird neuer Vorstandsvorsitzender des im MDax notierten Hamburger Kosmetik- und Hautpflegekonzerns Beiersdorf. Der 52-Jährige soll Rolf Kunisch ablösen, der mit Ablauf der Hauptversammlung am 18. Mai in den Aufsichtsrat wechseln soll.

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Damit läutet der Kosmetikkonzern mit seiner Dachmarke ?Nivea? schneller als erwartet einen Generationswechsel ein. Noch vor kurzem hatte der Aufsichtsrat den Vertrag von Kunisch um zwei weitere Jahre verlängert. Denn der 63-Jährige sollte das Unternehmen weiterführen, bis sich die Turbulenzen um die Übernahmeschlacht mit dem US-Konzern Procter & Gamble (Pampers) völlig gelegt haben.Der amerikanische Riese hatte 2003 versucht, den Hamburger Konkurrenten zu schlucken. Zuvor hatte der Münchener Versicherungsriese Allianz angekündigt, er wolle seine 40-prozentige Beteiligung versilbern. Doch der Plan ging fehl: In einer konzertierten Aktion übernahm unter anderem der Hamburger Kaffeeröster Tchibo sowie die Stadt Hamburg das milliardenschwere Paket. Damit war die Zukunft von Beiersdorf in Hamburg gesichert.Dass Beiersdorf-Mehrheitsaktionär Tchibo und die Stadt Hamburg, die Spitze von Beiersdorf verjüngen, ist verständlich. Zwar sollen Umsatz und Ertrag in diesem Jahr weiter deutlich steigen. Doch das Inlandsgeschäft schwächelt angesichts der Konsumflaute. Größeres Wachstum verspricht derzeit nur das Ausland ? vor allem die USA, wo Beiersdorf seit Jahren geeignete Übernahmekandidaten sucht.Quaas dürfte deshalb versuchen, die gut gefüllte, milliardenschwere Kriegskasse für weitere Zukäufe zu nutzen. Damit könnte das bisherige Markenartikelgeschäft mit den Hauptmarken ?Nivea?, ?Hansaplast? und ?Tesa? neuen Schwung bekommen. Dies dürfte die Anleger freuen: Denn nach dem Höhenflug des Aktienkurses von 130 Euro in 2003 ist die Notierung drastisch abgesackt. Auch gestern gab der Kurs leicht um 1,38 Prozent auf 85,59 Euro nach.Der Wechsel an der Spitze bereitet Mitarbeitern und Betriebsrat keine Sorgen. ?Ich gehe nicht davon aus, dass Quaas an der bisherigen erfolgreichen Strategie des Konzerns etwas ändern wird?, meint Jürgen Krause, Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der Beiersdorf AG, gegenüber dem Handelsblatt.Das notwendige Gespür für Beiersdorf bringt Quaas mit. Denn der neue Vorstandschef ist ein Eigengewächs. ?Ich bin der einzige echte Beiersdorfer im Vorstand?, erklärte er einmal in der Mitarbeiterzeitung von Beiersdorf. Tatsächlich begann der studierte Diplomkaufmann im September 1979 gleich nach seinem Studium im Kosmetikkonzern. Damals war er einer der ersten Trainees im Hause.Jahrelang ist er in verschiedenen leitenden Positionen vor allem für die wichtigste Sparte bei Beiersdorf zuständig: das Kosmetikgeschäft ? neudeutsch: Cosmed. Dieser Zweig ist im Konzern ? gemessen an Umsatz und Rendite ? der größte Bereich. Im Oktober 1999 wechselt der hausintern als ?teamorientiert geltende Mann?, so der Betriebsratsvorsitzende Krause, in den Vorstand. Dort ist er zunächst für die ?medical?-Sparte und vier Jahre später für die gesamte Markenentwicklung zuständig.Das Geschäft mit Marken kennt der künftige Vorstandschef bereits aus Kindertagen. So arbeitet sein Vater Werner mehrere Jahre für Procter & Gamble als Verkaufsleiter in den USA. Dort besucht Quaas auch amerikanische Schulen. Ursprünglich stammt er allerdings aus der alten Textilstadt Glauchau im ostdeutschen Sachsen, wo er zunächst aufwächst. Bekannt ist die Stadt durch den Arzt und Schriftsteller Georgius Agricola, der wichtige Bücher über die deutsche Bergwerksindustrie geschrieben hat.Nach der Flucht aus Ostdeutschland lebt Quaas, abgesehen von dem Abstecher in die USA, in Frankfurt am Main. Dort besucht er unter anderem die Johann Wolfgang Goethe Universität, bevor er nach Hamburg wechselt. Heute lebt der Vater mit seinen beiden Söhnen Christian und Matthias und seiner Frau Christina im Duvenstedt ? im grünen Nordosten Hamburgs. Täglich hält er sich mit Joggen durch den Wald fit ? sein Hund ?Jogy? stets an seiner Seite.Das Fitness-Programm hat der studierte Betriebswirt nötig: Denn der Manager dürfte künftig viel reisen, um nicht nur um hausintern bekannter zu werden.Auch um Finanzanalysten sowie institutionelle Anlegern muss sich der künftige Mister Nivea verstärkt kümmern, um den internationalen Ruf des Unternehmens an den Kapitalmärkten zu verbessern.Die dafür notwendigen Fähigkeiten könnte der stets adrett gekleidete Mann mit dem leicht verschmitzten Lächeln möglicherweise von seinem Vater geerbt haben. Denn ein Beiersdorf-Sprecher verrät: ?Der hat zuletzt als Manager für Public Relation bei Procter & Gamble gearbeitet.?
Dieser Artikel ist erschienen am 21.01.2005