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Der überforderte Kontrolleur

Von Joachim Hofer
Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley steckt mitten in der Schlammschlacht bei Infineon. Sauber bleibt er dabei mitnichten.
Max Dietrich Kley Foto: dpa
MÜNCHEN. Der 20. Januar 2004 ist ein ungemütlicher Tag. Ein kalter Wind treibt Schneeflocken unter dem wolkenverhangenen Himmel vor sich her. In ihre Mäntel gehüllt, eilen die Aktionäre der Infineon Technologies AG vom Parkplatz in die Münchener Olympiahalle. Doch auch drinnen sind die Temperaturen frostig ? zumindest dem Vorstand des größten europäischen Chipherstellers weht an diesem Morgen ein eisiger Sturm entgegen, kälter noch und unangenehmer als draußen im Olympiapark.Die Anteilseigner sind wütend, greifen in ihren Reden die Manager da oben auf dem Podium an, wollen den Kursverfall und die Milliardenverluste nicht länger ertragen. Doch Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley nimmt vor allem Vorstandschef Ulrich Schumacher in Schutz. ?Der Vorstand hat Außerordentliches geleistet?, hält Kley den erbosten Aktionären entgegen.

Die besten Jobs von allen

Doch die schützende Hand war nicht mehr als Fassade. Denn in jenen kalten Januartagen 2004 war Kley schon lange auf der Suche nach einem Nachfolger für Schumacher ? wie jetzt erst bekannt wurde. Zwei Monate nach der Hauptversammlung musste der Infineon-Chef dann tatsächlich seinen Hut nehmen, nachdem sich seine drei Vorstandskollegen gegen ihn gestellt hatten.Das pikante Detail mit der Nachfolgersuche enthüllte der 65-jährige Kley in der vergangenen Woche in einem Interview zur Bestechungsaffäre bei Infineon. Seitdem dieser Skandal um Untreue und Korruption Mitte Juli seinen Lauf nahm, ist der Druck auf den früheren Finanzchef von BASF enorm gestiegen. Die turbulente Hauptversammlung vor anderthalb Jahren muss ihm heute wie ein geruhsamer Waldspaziergang vorkommen. Denn Kley ist in diesen Tagen Hauptdarsteller in einer Schlammschlacht, wie sie die deutsche Wirtschaft bislang wohl nicht erlebt hat.Es geht um Geld, um Macht, um persönliche Eitelkeiten. Und Kley steckt mittendrin. Immer öfter wird inzwischen Kleys Rücktritt gefordert. In die Ecke gedrängt sagt der stämmige Mann mit dem vollen grauen Haar dann Dinge, die er besser für sich behalten hätte. So erzählte er etwa, dass Schumacher vor seiner Ablösung nur noch drei bis vier Stunden jede Nacht geschlafen hätte. ?Darüber machte ich mir natürlich Sorgen?, sagte Kley. Schumacher droht mit rechtlichen Schritten, nachdem seine Schlafstörungen öffentlich gemacht wurden. ?Kley schlägt nur noch wild um sich?, heißt es im Umfeld des geschassten Infineon-Chefs.Warum passieren Kley solche Ausrutscher, einem Mann mit großer Erfahrung als Manager und als Aufsichtsrat? Warum macht er einen ehemaligen Vorstandsvorsitzenden in aller Öffentlichkeit schlecht und riskiert Prozesse? Beobachter halten ihn derzeit schlicht für überfordert.Kley gibt keine gute Figur ab in seinem Job als Krisenmanager. Dies ist notwendig geworden, seitdem am Samstag vor knapp eineinhalb Wochen Infineon-Vorstand Andreas von Zitzewitz zurücktrat. Zuvor hatte die Münchener Staatsanwaltschaft die Infineon-Zentrale und Privathäuser durchsucht. Der Verdacht: Von Zitzewitz und Harald Eggers, der frühere Chef der Speichersparte von Infineon, hätten von einem auf Motorsport spezialisierten Schweizer Beratungsunternehmen mehr als 300 000 Euro Bestechungsgelder kassiert.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kley wusste schon früh über dunkle Machenschaften bescheid.So weit eine ganz normale Korruptionsaffäre. Doch Kley kam in die Schusslinie, weil er von dem Skandal schon lange gewusst hat. Bereits am Tag vor seinem Rauswurf im März 2004 hatte Schumacher seinem Aufsichtsratschef entsprechende Unterlagen übergeben.Interne und externe Untersuchungen hätten keine Beweise für Bestechung ergeben, sagt Kley heute. Und überhaupt, so lässt er durchblicken, sei Schumacher zwar kein Beschuldigter, aber doch mitverantwortlich für den Skandal. Für einen Rücktritt seinerseits gebe es ?überhaupt keinen Grund?, sagt er mit großem Selbstbewusstsein.Tatsächlich geht es für ihn um viel mehr als nur um den Aufsichtsratsposten bei Infineon oder um eine Abrechnung mit Schumacher. Bei einem Rückzieher müsste Kley befürchten, dass auch andere Mandate in Gefahr kämen. Denn der gebürtige Berliner ist ein Musterbeispiel, dass es das Spinnennetz der Deutschland AG noch gibt. Der Jurist, der nach wie vor ein Büro bei BASF besitzt, überwacht eine Hand voll Firmen: seinen früheren Arbeitgeber, die Hypo-Vereinsbank, die Schott AG und Heidelberger Cement. Bei SGL Carbon ist Kley Chef des Kontrollgremiums.Daneben ist er Präsident des Deutschen Aktieninstituts und Mitglied der Regierungskommission Corporate Governance Kodex. In München ist es ein offenes Geheimnis, dass Kley auch in den Aufsichtsrat von Unicredito nach der Übernahme der Hypo-Vereinsbank einziehen will. Angesichts der laufenden Affäre würden seine Chancen darauf jedoch jeden Tag sinken, heißt es in Bankenkreisen.Der Multikontrolleur hat eine steile Karriere hinter sich. Beim Chemiekonzern BASF heuerte er nach seinem Studium an und stieg vom Mitarbeiter der Rechtsabteilung bis zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden auf. Oft fiel er in Ludwigshafen durch provokante Ideen auf. So wollte er etwa die Rezession der frühen 90er-Jahre nutzen, um einige alte Zöpfe bei den BASF-Sozialleistungen zu kappen. Dies führte damals zu erbitterten Demonstrationen der Belegschaft.Doch Widerstände haben Kley nie daran gehindert, seinen Willen durchzusetzen und Kämpfe am Ende doch zu gewinnen. Im Korruptionsskandal bei Infineon ist das letzte Gefecht noch lange nicht entschieden, aber es sieht für Kley eher nach einer Niederlage aus.
Dieser Artikel ist erschienen am 25.07.2005