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Der Turbo aus Spanien

Von Hans-Peter Siebenhaar
Fernando Carro soll künftig die weltweiten Buchklubs von Bertelsmann leiten ? Vorstand und Aufsichtsrat stellen in dieser Woche die Weichen für das Erbe des scheidenden Direct-Group-Chefs Ewald Walgenbach. Die Mohns schätzen Carro. Der Katalane ist Teil der Mallorca-Connection innerhalb des Unternehmens.
DÜSSELDORF. Als sich vor kurzem in Berlin die Literatur-Heroen Günter Grass und Martin Walser heiter und unnachgiebig über die Bedeutung der Schriftstellervereinigung Gruppe 47 stritten, hatte Bertelsmann-Manager Fernando Wolfgang Amadeus Carro seinen großen Auftritt. Als Chef des Buchklubs, der Keimzelle von Europas größtem Medienkonzern, lud der Spanier nach dem denkwürdigen Disput im Theater am Schiffbauerdamm in die opulente Konzernrepräsentanz Unter den Linden ein.Bei Pils und Sushi parlierten Carro und der Nobelpreisträger Grass. Carro schätzt den eigenwilligen Autor, denn dessen Bücher verkaufen sich südlich der Pyrenäen wie geschnitten Brot. Der langjährige Chef des spanischen Buchklubs Círculo de Lectores kennt die Bedeutung von Grass für Bertelsmann genau. Buch und Business ? das ist für Carro eine natürliche Symbiose.

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Schon bei diesem denkwürdigen Abend in Berlin überließ Bertelsmann-Vorstand Ewald Walgenbach seinem Nachwuchstalent die Bühne. Nun hat Walgenbach, Chef der Direct Group, in der die weltweiten Buch- und Musikclubs sowie das Internetgeschäft gebündelt sind, einen Schlussstrich gezogen. Der promovierte Genetiker fängt im kommenden Jahr beim Finanzinvestor BC Partners an. Wenn Hartmut Ostrowski, bisher Chef der Drucktochter Arvato, den Bertelsmann-Chefsessel Ende 2007 übernimmt, scheidet sein Konkurrent Walgenbach aus.Mit Carro steht längst ein natürlicher Nachfolger für die Führung der Direct Group mit einem Jahresumsatz von zuletzt 2,7 Milliarden. Euro und 15 000 Mitarbeitern bereit. Denn der leutselige Spanier hat es geschafft, den deutschen Buchklub nach vielen Jahren tiefroter Zahlen in die Gewinnzone zu führen. Der Spanier, konzerninterner Spitzname ?Turbo-Carro?, ist ein ergebnisorientierte Sanierer. Geduld gehöre nicht zu seinen Tugenden, sagen Mitarbeiter.Bei den Bertelsmann-Oberen kommt der untersetzte Fan des FC Barcelona gut an. Im Vorstand hält man große Stücke auf den 43-Jährigen. Die Bertelsmann-Welt ist dem in Barcelona aufgewachsenen, studierten Wirtschaftsingenieur wohl bekannt. Der einstige Sportjournalist und Führungsfigur bei der Studentenorganisation Aiesec kam 1993 über das Nachwuchsprogramm in die Konzernzentrale nach Gütersloh. Dort machte er schnell Karriere. Nach Stationen als Verlagsmanager in Madrid und München stieg er 1999 in den Vorstand des Fachverlagsriesen Bertelsmann-Springer auf. 2001 kehrte er nach Barcelona zurück und machte den spanischen Buchklub zum erfolgreichsten im Konzern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Spanier ist energiegeladen, direkt und bisweilen entwaffnend offenCarro ist energiegeladen, direkt und bisweilen entwaffnend offen. Bei einem Mittagessen in einem bekannten Jugendstil-Restaurant in Barcelona nimmt der Feinschmecker kein Blatt vor den Mund und erklärt, was die Deutschen in ihrem Buchklub alles falsch gemacht hatten. Als er endlich im November 2005 an den Schalthebeln der Macht in der Berliner Buchklubzentrale sitzt, baut er das Unternehmen um und hat Erfolg.In dieser Woche werden am Donnerstag der Vorstand und am Freitag der Aufsichtsrat zusammentreten, um über die Zukunft der Direct Group zu diskutieren. Große Entscheidungen erwartet niemand. ?Wir sind noch in einer Findungsphase?, heißt es in Gütersloh. ?Thielen wird erst einmal alles so belassen und die Neuordnung der Direct Group seinem Nachfolger Ostrowski hinterlassen?, berichtet ein Unternehmensinsider. Nur so viel scheint festzustehen: Nach dem Ausscheiden von Walgenbach am Jahresende soll Carro die weltweiten Buch- und Musikklubs leiten. Ob er dann auch gleich in den Vorstand aufrücken wird, ist offen. ?Warum soll Carro, wenn er die Aufgabe übernimmt, sofort in den Vorstand einrücken? Andere mussten auch warten?, heißt es in Vorstandskreisen.Carro selbst, der das Wochenende in Barcelona mit seiner Familie verbrachte, schweigt dazu. Denn jedes öffentliche Wort über die Weichenstellung wäre ein Wort zu viel. Die Bertelsmann-Patriarchenfamilie Mohn und Aufsichtsratschef Dieter Vogel schätzen Diskretion. In Gütersloh regelt man die Dinge unter sich. Doch die Lautlos-Methode der Mohns funktioniert immer weniger. Zu groß sind die Interessenkonflikte. Denn womöglich wird nächstes Jahr das Erbe der Direct Group auf verschiedene Konzernteile wie Arvato oder Random House verteilt. Doch für solche Weichenstellungen braucht Ostrowski Zeit.Die Mohns schätzen Carro. Der Katalane ist Teil der Mallorca-Connection. Auf der spanischen Ferieninsel haben nicht nur Liz und Reinhard Mohn in der Nähe des Badeortes Alcudia eine Ferienvilla. Auch der designierte Bertelsmann-Vorstandschef Hartmut Ostrowski hat sich mit Immobilie und Boot auf dem Balearen-Eiland niedergelassen. Und Walgenbach? Er entspannt in der eigenen Villa im Künstlerdorf Deià. Als vor knapp zwei Jahren Reinhard Mohn als erster Ausländer zum Ehrenbürger von Alcúdia ernannt wurde, war Carro an vorderster Stelle mit dabei. Liz Mohn mag den charmanten Spanier, dem seine Eltern aus Begeisterung für den Komponisten Mozart die beiden zusätzlichen Vornamen Wolfgang Amadeus gaben. Carro kann mit der im Konzern gefürchteten Matriarchin umgehen. ?Liz Mohn schätzt es, am Tisch nicht angesprochen zu werden. Der Tischnachbar muss warten, bis er von ihr angesprochen wird?, berichtet ein Filmproduzent, der als Unwissender diese Regel durchbrochen hat. Carro hingegen kennt die Gütersloher Gesetze aus dem Effeff. Das ist sein großer Vorteil im Kampf um die Macht.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.08.2007