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Der Trumpf in der Tasche

Das Interview führte Dominik Schöneberg.
Heiko Mell gibt seit vielen Jahren in den VDI-Nachrichten Karrieretipps. Im Gespräch mit Karriere Online sagt Heiko Mell, für wen sich eine Rückkehr an die Hochschule lohnt und was ein MBA mit Winterreifen gemeinsam hat.
Karriere Online: Lohnt sich ein MBA für Ingenieure?

Heiko Mell: Grundsätzlich gilt: Eine betriebswirtschaftliche Zusatzausbildung hilft Ingenieuren in jeder Position. Ob sich der Aufwand lohnt, hängt aber von der individuellen Karriereplanung ab: Für Positionen im Vertrieb ist ein Weiterbildung interessanter als für Entwickler. Wer als Ingenieur langfristig Führungsaufgaben, etwa als Geschäftsführer oder Werksleiter übernehmen möchte, sollte sich in jedem Fall betriebswirtschaftliche Kenntnisse aneignen. Vor allem wer ins Ausland gehen will, sollte über einen MBA nachdenken: Dort ist der Titel ohne Zweifel anerkannter als ein deutscher Abschluss. Es gibt zwar keinen Karriereweg, den man ohne MBA nicht einschlagen kann - der Titel verbessert aber in vielen Bereichen die Chancen

Karriere Online: Muss man unbedingt an die Hochschule zurückkehren, um Führungsaufgaben zu übernehmen?

Die besten Jobs von allen
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Mell: Man kann sich betriebwirtschaftliches Wissen auch im Selbststudium aneignen oder auch durch "learning by doing". Das reicht in der Regel dann, wenn man schon bei einem Unternehmen beschäftigt ist und vorhat, dort zu bleiben. Der Arbeitgeber merkt schließlich, was man kann und ob man die richtigen Entscheidungen trifft. Wenn man sich aber bei anderen Unternehmen bewirbt, ist man ein unbeschriebenes Blatt. Vor Gericht gilt man so lange als unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist. Bei Bewerbungen ist es umgekehrt: Der Bewerber gilt so lange als unfähig, bis er bewiesen hat, dass er fähig ist. Ein MBA ist ein guter Beweis für betriebswirtschaftliche Kenntnisse und er steht für einen gewissen "Auslands-Touch" der Qualifikation

Karriere Online:Sollte man den MBA lieber nebenberuflich oder als Vollzeitstudium machen?

Mell: Ingenieuren, die bereits im Berufsleben stehen, empfehle ich, den MBA nebenberuflich zu erwerben. In Deutschland hat sich eingebürgert, dass Arbeitnehmer nach dem Studium bis zur Rente durchgehend arbeiten. Auszeiten machen viele Personaler misstrauisch ? egal ob Bewerber eine Weltreise oder den MBA gemacht haben. In Deutschland fragen sich die Arbeitgeber: "Der Bewerber hat zwei Jahre nicht gearbeitet wegen einer Weiterbildung. Was hat der wohl als nächstes vor?" Im Ausland wird das viel lockerer gesehen

Der MBA als Winterreifen

Karriere Online: Wie geht es nach dem MBA mit der Karriere weiter?

Mell: MBA-Absolventen haben oft den Anspruch, sofort nach ihrem Abschluss einen besseren Job anzutreten, bei dem sie mehr Verantwortung tragen und mehr Geld verdienen. Ein solcher Bruch nützt aber nicht jeder Karriere. Für einen Entwicklungsingenieur kann es zum Beispiel sinnvoller sein, erst mal die Karriere in seiner Abteilung fortzusetzen. Wenn sich Gelegenheiten bieten ? wenn etwa das Unternehmen einen Entwicklungsleiter sucht ? hat man mit dem MBA einen Trumpf in der Tasche. Um es bildlich auszudrücken: Wenn Sie sich Winterreifen gekauft haben, fahren Sie ja auch nicht direkt dahin, wo Schnee liegt. Falls es aber beginnt zu schneien, ist es äußerst vorteilhaft, Winterreifen zu besitzen

Zur Person:
Heiko Mell beantwortet seit vielen Jahren in den VDI-Nachrichten Fragen von Ingenieuren zu Karrierethemen. Außerdem ist der Wirtschaftsingenieur Geschäftsführer der Unternehmens- und Personlberatung MMC Sexauer & Mell. 2004 verlieh die Universität Magdeburg Heiko Mell die Ehrendoktorwürde für "herausragende Verdienste um die Entwicklung der Technik durch Förderung der Persönlichkeitsbildung und Karriere von Ingenieurinnen und Ingenieuren.

Weiterführende Links:

Die Karriertipps von Heiko Mell, die in den VDI-Nachrichten erschienen sind, können Sie auch online nachlesen:
http://www.ingenieurkarriere.de/bewerberservice/karrieremagazin/heikomell/k-beratu.asp

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Dieser Artikel ist erschienen am 15.07.2004