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Der Tiefenwurzeler

Von Markus Fasse
Thomas Bauer hat Ratschläge von Bankern missachtet, Krisen gemeistert ? und nun ist sein Bau- und Maschinenbaukonzern ein Börsenstar.
Der Vorstandsvorsitzende des Bau- und Maschinenbaukonzerns Bauer, Thomas Bauer, im Juni 2006 bei einer Pressekonferenz anlässlich des Börsengangs des Unternehmens. Foto: ap
SCHROBENHAUSEN. Der Hausherr entschuldigt den Lärm galant. ?Baustellen sind nun einmal unsere beste Werbung?, sagt Thomas Bauer und blickt aus seinem Büro auf die neue Firmenzentrale, die gleich gegenüber entsteht. Schwül drückt der bayerische Sommer in das Zimmer, und Bauer spricht über seine Pläne für die kommenden Monate. ?Wir werden jeden Fertigungsstandort in seiner Kapazität verdoppeln?, sagt der Mann, der so gar nicht in das hemdsärmlige Baugeschäft zu passen scheint.Der Honorarprofessor an der TU München führt ein einzigartiges Konglomerat. Es ist Baukonzern und Maschinenbauhersteller in einem. Spezialtiefbau heißt die Disziplin, in dem die Schrobenhausener weltweit wirken. Mit Bauer-Technik wurden die Fundamente der tibetischen Eisenbahn in den Boden gerammt, werden die Tunnelröhren durch das Gotthardmassiv gefräst, oder die Fundamente für Wolkenkratzer von New York bis Abu Dhabi gegossen. ?Vor fünf Jahren haben Analysten unser Modell nicht verstanden?, sagt Bauer. Jetzt, ein Jahr nach der Erstnotiz, ist Bauer ein Börsenstar.

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Seit Jahren wächst das Unternehmen zweistellig. Schafft Bauer in diesem Jahr seine Ziele, dann wird die Konzernleistung mit 1,2 Milliarden Euro knapp doppelt so hoch sein, wie vor drei Jahren. So viel macht Deutschlands größter Baukonzern Hochtief zwar in einem Monat. Doch die Schrobenhausener haben ihr Geschäft genauso stark globalisiert wie die Essener.Und ein Ende des Booms ist nicht in Sicht: ?Wenn die Welt mit fünf Prozent wächst, dann muss der Aufbau der Infrastruktur schneller wachsen. Das sind goldene Zeiten für den Tiefbau?, sagt der Mann mit den ruhigen, braunen Augen. Dabei hat er schon ganz andere Zeiten gesehen.Thomas Bauer hat das 1790 gegründete Unternehmen in der siebten Generation übernommen. ?Schon mit 16 wusste ich, dass ich in die Firma eintreten wollte?, sagt der 52-Jährige heute. Er studiert Betriebswirtschaft in München, ein Jahr arbeitet der Junior in Amerika beim Branchenriesen J.A. Jones. Vorzeitig ruft ihn der Vater 1982 zurück in die oberbayerische Provinz. Es kriselt.Denn die schönen Aufbauzeiten in der Bundesrepublik sind vorbei. Vater Bauer hat vom Aufbau der deutschen Infrastruktur gut gelebt, von U-Bahnen, Tunnel und Tiefgaragen. Doch die großen Baukonzerne drehen in den Achtzigern den Spieß um: Holzmann und Hochtief gründen ihre eigenen Tiefbauunternehmen und ruinieren die Preise. Auch der erste Ölboom, der Bauer ?auf dem Rücken der großen Baukonzerne? in den Nahen Osten führte, endet abrupt. Mit 31 wird Thomas Bauer Geschäftsführer und sitzt tief in der Klemme.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Junior weiß, dass die Nische Tiefbau mit dem Schwerpunkt Deutschland viel zu eng ist. Anfang der Siebziger hatten die Schrobenhausener begonnen, für den Eigenbedarf schweres Bohrgerät zu entwickeln, das es sonst nirgendwo zu kaufen gibt. Jetzt reift ein kühner Plan: ?Wir vermarkten die Maschinen weltweit, auch an die Konkurrenten?, sagt Bauer. Die alte Mannschaft schüttelt den Kopf, doch der Juniorchef setzt sich durch. Gnadenlos wird das Geschäft globalisiert: Bauer verkauft von Japan bis Südamerika. Das Unternehmen scheint ein neues, starkes Fundament zu haben.Die Wiedervereinigung bringt Bauer auch zurück ins Inlandsgeschäft. Doch der Firmenchef ahnt, dass Asien langfristiges Wachstum beschert. Massiv investiert er in das neue Wirtschaftswunder zwischen Tokio und Singapur, ein Auftrag zieht den nächsten nach sich. Da trifft ihn das Desaster der ostdeutschen Bauwirtschaft Mitte der 90er kaum ? und doch verschätzt er sich. Denn 1998 endet der Asienboom abrupt, die Maschinen finden keinen Abnehmer mehr. Die Gläubiger ziehen die Daumenschrauben an. Kurz vor Weihnachten drohen die Banken, die Kredite zu streichen. ?Er ließ sich nichts anmerken und bat wie jedes Jahr die Mitarbeiter zum Weihnachtsempfang?, erinnert sich ein Beteiligter. Nur wenige wissen in diesem Moment, dass die Firma fast pleite ist.Dieses Mal ist es seine Krise. Nicht die der Vätergeneration. Doch der studierte Betriebswirt scheut das Naheliegende: Massenentlassungen. Banken raten, das Unternehmen zu zerschlagen. Doch das kommt für ihn nicht infrage, er will die tief reichenden Wurzeln des Baugeschäfts nicht kappen. Thomas Bauer verhandelt mit den Banken, verschiebt Kapazitäten, sichert neue Aufträge. Und während Philipp Holzmann trotz Kanzlerhilfe unter lautem Getöse zusammenbricht, arbeitet sich Bauer still und heimlich aus dem tiefen Loch wieder heraus. Jetzt ist Bauer noch stärker, noch internationaler.?Unsere Firma lässt sich mit Sicherheitsdenken nicht führen?, resümiert Bauer heute. Dabei ist ihm das Zocken fremd, schnöder Mammon ebenso. Eine Mineraliensammlung ziert sein bescheidenes Büro. ?Thoms Bauer ist ein bayerischer Vorzeigeunternehmer par excellence, mit hoher sozialer Verantwortung?, sagt Bayerns Wirtschaftsminister Erwin Huber über seinen Parteifreund. Für die CSU ist Bauer so solide, dass er als Schatzmeister die sensible Parteikasse führen darf.Und die Hauptversammlung lässt er nicht im schicken München, sondern in der alten Werkshalle in Schrobenhausen ausrichten. So hat mancher Analyst die Landstraßen zwischen Ingolstadt und Augsburg erstmals kennengelernt. Ein lohnenswerter Ausflug in die Provinz. Wer vor einem Jahr eine Bauer-Aktie zeichnete, hat seinen Einsatz verdreifacht.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Thomas BauerVita von Thomas Bauer1955 wird er am 27. Juli geboren. Nach dem Abitur studiert er Betriebswirtschaft in München.1982 tritt Thomas Bauer nach einem einjährigen US-Aufenthalt in das bayerische Familienunternehmen ein und wird 1986 Geschäftsführer der Tiefbausparte.1994 wird das Unternehmen in eine AG umgewandelt. Thomas Bauer wird Vorstandschef.2003 wird Bauer Schatzmeister der CSU.2006 geht das Unternehmen an die Börse.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.08.2007