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Der tiefe Fall des Peter Hartz

Von Carsten Herz
Es ist ein bitterer Absturz. Bis zum Sommer vergangenen Jahres war Peter Hartz einer der prominentesten und angesehensten Manager der Republik. Doch der Mann, der vor Jahren noch Kanzler Gerhard Schröder ?die Bibel für den Arbeitsmarkt? überreichte, steht heute vor einem Scherbenhaufen. Ihm wird in der VW-Affäre Untreue in 44 Fällen und unrechtmäßige Begünstigung von Betriebsräten zur Last gelegt.
FRANKFURT. Nach 16-monatigen Ermittlungen steht für die Braunschweiger Staatsanwaltschaft fest, dass der 65-Jährige einer der Hauptschuldigen in der VW-Affäre ist. Ihm wird Untreue in 44 Fällen und unrechtmäßige Begünstigung von Betriebsräten zur Last gelegt. Das teilte die Behörde am Mittwoch mit. Anderthalb Jahre nachdem die VW-Affäre ins Rollen gekommen ist, wird Hartz damit als erster Beschuldigter angeklagt.Allein Ex-Betriebsratschef Klaus Volkert habe von 1994 bis 2005 von Hartz neben seinem Gehalt so genannte ?Sonderbonuszahlungen? von insgesamt fast zwei Millionen Euro erhalten, ohne dass dies bei VW offen gelegt worden sei, werfen die Ankläger dem Saarländer vor.

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Ursprünglich vorgesehene Kontrollmechanismen habe der seinerzeit mächtige Personalvorstand abgeschafft, fanden die Staatsanwälte heraus. Voraussichtlich im Frühjahr kommenden Jahres muss sich Hartz nun vor dem Landgericht Braunschweig verantworten. Damit droht dem stets so seriös wirkenden Ex-VW-Manager ? neben einem peinlichen Prozess ? sogar eine Gefängnisstrafe. Denn Untreue wird mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren geahndet.Juristen gehen jedoch davon aus, dass er mit einer Bewährungsstrafe davonkommen könnte. VW wollte sich gestern zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft gegen Hartz nicht äußern. ?Kein Kommentar?, hieß es gestern lediglich aus der Konzernzentrale in Wolfsburg.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Beispielloser Absturz.Selten zuvor ist ein so mächtiger Manager innerhalb so kurzer Zeit so tief gefallen. Hartz, der lange Jahre zu den Granden im VW-Konzern zählte und dessen Name für das Konsensmodell beim Autobauer stand, wurde bei VW sein eigenes System zum Verhängnis. Die fehlende Distanz zu Mitarbeitern und die Klüngelei mit den Gewerkschaften, die alle Grenzen überschritt, bringen ihn nun auf die Anklagebank.Der Niedergang von Hartz, der einstmals für die Vier-Tage-Woche bei VW gefeiert wurde, hat damit einen neuen Tiefpunkt erreicht. Der Sohn eines saarländischen Hüttenarbeiters war 1993 aus der krisengeschüttelten heimischen Stahlindustrie nach Wolfsburg gekommen und dort zu einem der einflussreichsten Männer aufgestiegen:Das SPD- und IG Metall-Mitglied war ein Freund von Bundeskanzler Gerhard Schröder und hoch geschätzter Berater für die Politik. Eine Bilderbuchkarriere, die erst durch die Korruptionsaffäre bei VW ein abruptes Ende fand.Die juristische Aufarbeitung des VW-Skandals fängt mit der Klage gegen Hartz allerdings gerade erst an. Dem Vernehmen nach müssen sich auch der ehemalige Gesamtbetriebsratschef Klaus Volkert, der ehemalige Skoda-Vorstand Helmuth Schuster und der frühere VW-Manager Klaus-Joachim Gebauer, der die Lustreisen organisiert haben soll, auf einen Prozess einstellen.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.11.2006