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Der Teilchenbeschleuniger

Von Christoph Hardt
Allianz-Manager Helmut Perlet gilt gemeinhin als einflussreicher Pfennigfuchser, als Herr über einen der scheinbar verwirrendsten Zahlenkomplexe, die die Welt der Unternehmen hier zu Lande zu bieten hat. Wie der Chefcontroller die Zahlen von 1 200 im größten Versicherungskonzern Europas managt.
Der Finanzvorstand des Versicherungskonzerns Allianz, Helmut Perlet. Foto: dpa
MÜNCHEN. Die Quartalskonferenzen der Münchener Allianz sind auch akustisch immer wieder ein Ereignis; und zwar immer dann, wenn der Chefcontroller das Mikrofon ergreift. Helmut Perlet, gebürtiger Bayer, bekennender Bayer. Wer ihn reden hört, der weiß, dass Globalisierung und Regionalisierung nicht unbedingt ein Gegensatz sein müssen. Die deutsche Sprache verdankt dem Mann aus Planegg bei München so eindrucksvolle benglische Satzschöpfungen wie: ?Wir micromanagen die Companies jo net.?Doch Spaß beiseite. Gemeinhin gilt Perlet als einflussreicher Pfennigfuchser, als Herr über einen der scheinbar verwirrendsten Zahlenkomplexe, die die Welt der Unternehmen hier zu Lande zu bieten hat. Etwa 1 200 ?Companies? sind weltweit unter dem Dach der Allianz versammelt und konsolidiert.

Die besten Jobs von allen

Am Anfang eines jeden neuen Monats hat Perlet die Gewinn- und Verlustrechnung seiner ?Flagship-Companies? auf dem Tisch. Das funktioniert, vor allem dank SAP-Software und einer einheitlichen Berichtssprache, die unter Perlet Einzug gehalten hat. ?Jeder hier muss wissen, was er delivert.? Diese Worte gelten, ob in Kolumbien, Paris oder München-Neuperlach. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Allianz historisch gesehen ein rechtes Zwitterwesen ist, ein halb bayerisches, halb preußisches Unternehmen. Ihre Zentrale lag lange Zeit in Berlin. Preußisches hat den Habitus der Unternehmensführung lange Zeit geprägt. Allerdings sagt man den bayerischen Beamten nach, dass sie die letzten wahren Preußen sind. Jedenfalls muss mehr als Zufall dahinter stecken, dass Helmut Perlet, bevor er zu der inzwischen nach München verlegten Zentrale der Allianz stieß, seine berufliche Zukunft 1971 ausgerechnet beim Finanzamt München begonnen hat.Wenn Perlet öffentlich grantelt, dann wird es ernst Der Controller an sich gilt gemeinhin als blass, in der Regel trägt er Brille und dazu einen dunkelgrauem Anzug. Helmut Perlet wirkt drahtig, eine Sehhilfe trägt er nur im Ausnahmefall. Er liebt farbige Hemden mit uni Krawatten. Er sieht aus wie ein Charakterdarsteller, schaut gelegentlich etwas verknittert aus, raucht Philip Morris und treibt am Wochenende trotzdem Sport: Tennis, Laufen, Skifahren. Bei Terminen in der Öffentlichkeit hält er sich im Allgemeinen zurück. Das muss mit seinem Rollenverständnis zu tun haben. Doch wehe, er erhebt den Blick einmal von den Zahlen ? und das Lächeln vergeht. Wenn er öffentlich grantelt, dann wird es ernst. Bei der letzten Jahrespressekonferenz reichte nur ein Perlet-Satz, um in Frankfurt, bei der Tochter Dresdner Bank, hellste Aufregung zu erzeugen: ?Eine Steigerung der Effektivität und Produktivität ist dringend erforderlich?. Tags darauf war das die Meldung des Tages, nicht die Milliardengewinne des Mutterkonzerns.Dass Perlet dann wieder ebenso elegant im Hintergrund verschwindet, hat freilich nicht nur mit dem Zuschnitt seines Jobs und seiner Zurückhaltung zu tun. Die Allianz leistet sich mit dem Österreicher Paul Achleitner einen Finanzvorstand, der eine ebenfalls mit Anglizismen gespickte Sprache bajuwarischen Ursprungs spricht und außerdem für Finanzen im Allgemeinen und Mergers and Acquisitions zuständig ist. Perlet anderseits ist für Controlling, das Risk Management und das Reporting verantwortlich und tritt deshalb gegenüber der US-Börsenaufsicht stets als ?Chief Financial Officer? (CFO) auf, was nicht nur unter Journalisten gerne für Verwirrung sorgt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Perlet stimmt nicht in die Klage über den Zwang zu Quartalsberichten ein.Dabei gerät schnell aus dem Blick, dass Perlet im Umbauprozess, den die Allianz derzeit nicht nur in Deutschland in die Tat umsetzt, an entscheidender Stelle Weichen gestellt hat. Denn irgendwann während seiner 26 sehr erfolgreichen Jahre im Dienste der Gesellschaft unter dem blauen Adler muss er erkannt haben, dass Zahlen weit mehr sind als starre Teilchen eines Unternehmens; dass sich Zahlen gleichsam als A und O eines Unternehmens vielmehr hervorragend dazu eigenen, das zu erzeugen, was Unternehmen heute wirklich brauchen: Tempo.Und so ist aus Helmut Perlet der Teilchenbeschleuniger der Allianz geworden. ?Er hat die strategische Dimension, die in der Rechnungslegung steckt, erkannt und genutzt?, bestätigt Heinz-Joachim Neubürger, sein langjähriger Kollege beim Nachbarn Siemens, der Perlet auch aus der Arbeit im Vorstand des Deutschen Rechnungslegungs Standards Committee kennt und schätzt.?Als ich hier anfing, da waren wir eine der langsamsten Dax-Gesellschaften. Wir hatten im Oktober Hauptversammlung und den ersten ernst zu nehmenden Forecast im August?, erzählt der Chefcontroller in seinem wenig aufregenden Büro und schüttelt den Kopf, als könne er das selbst nicht glauben.Perlet hat das Allianz-Reporting auf Trab gebrachtSeither hat er, manchmal fast wie besessen, daran gearbeitet, das Allianz-Reporting auf Trab zu bringen. 1998, da war die strenge Regulierung im deutschen Versicherungsgewerbe gerade vier Jahre vorbei und Perlet sechs Jahre Chef der Rechnungslegung im Konzern, stellte die Allianz als erstes Dax-Unternehmen auf internationalen Standard, die IFRS-Bilanzierung um. Perlet ahnte schon damals die Chancen: Ein ?befreiender Konzernabschluss? sei das gewesen, sagt er.Perlet stimmt nicht in die Klage über den Zwang zu Quartalsberichten ein: ?Es gehört zur ordentlichen Unternehmensführung gerade in komplexen Strukturen, die Zahlen in kurzen Abständen auf den Tisch zu legen.? Seither hat Perlet die Controller in der großen Welt der Allianz zum Ende eines jedes Quartals in immer neue und schnellere Bewegung versetzt. Manchmal, wie zuletzt, hatte das etwas fast Atemloses; Perlets Druck war bis in die Pressestelle hinein zu spüren. Entgegen der Ankündigungen kam die Allianz überraschend schon am 3. November, eine Woche vor dem geplanten Termin, mit ihrem stolzen Quartalsergebnis heraus. ?Das ist gewollter Stress, wir wollen immer schneller werden?, sagt er. Auf mittlere Sicht könne man mit den Zahlen sogar noch ein bis zwei Wochen ?Speed? gewinnen, ist er zuversichtlich. Seine Mitarbeiter werden es mit großem Interesse hören.Dass die nächsten Wochen stressig werden, wissen sie ohnehin. Erstmals in ihrer Unternehmensgeschichte wird die Allianz schon am 22. Februar kommenden Jahres vorläufige Geschäftszahlen für das abgelaufene Jahr präsentieren ? als eines der schnellsten Dax-Unternehmen. Für Tempomacher Perlet ist das ein Triumph.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2006