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Der Teamchef vor dem Finale

Von Siegfried Hofmann
Er hält keine großen Reden, zeigt dafür aber umso mehr Einsatz und Konsequenz ? Jürgen Hambrecht hat einen Vorzeigekonzern aus BASF gemacht.?In puncto Arbeitsgeschwindigkeit hat er meist den Turbo eingeschaltet?, heißt es aus dem Umfeld des BASF-Chefs. Dazu passen ein gewisser sportlicher Ehrgeiz und der Teamgedanke, den Hambrecht lebt. Als junger Fußballer spielte er einst in der Jugendmannschaft des SV Reutlingen. Heute wiederholt er gern und häufig: ?Wir bilden das beste Team der Industrie.?
FRANKFURT. Kurz vor Weihnachten, am 21. Dezember vergangenen Jahres, begab sich Jürgen Hambrecht noch einmal auf Geschäftsreise an die US-Ostküste. Ziel des BASF-Chefs war nicht das US-Hauptquartier des Chemiekonzerns bei New York, sondern die Kleinstadt Iselin, wo der Spezialchemie-Hersteller Engelhard residiert ? ein in Deutschland bis dahin eher unbekanntes Unternehmen. Hambrecht hatte sich mit Engelhard-Chef Barry Perry verabredet. Im direkten Gespräch hoffte er, seinen US-Kollegen von der Idee einer Übernahme durch BASF zu überzeugen. Vergeblich. Perry lehnte die BASF-Offerte als zu niedrig ab.Für Hambrecht war die Sache damit noch lange nicht erledigt. Er ließ sein Ziel nicht aus den Augen und startete eine feindliche Übernahme. Fünf Monate später, nachdem die Ludwigshafener ihr Angebot zweimal leicht erhöht hatten, musste sich das Engelhard-Management geschlagen geben und in einen Deal einwilligen. Der Showdown auf der Hauptversammlung von Engelhard fällt aus. Und schon am kommenden Dienstag, nach Ablauf der Angebotsfrist, wird Hambrecht wohl mit seiner Mannschaft auf die größte Übernahme in der BASF-Geschichte anstoßen können. Kaum einer in der Finanzwelt zweifelt daran, dass der Deal über die Bühne gehen wird.

Die besten Jobs von allen

Wenn es stimmt, was Mitarbeiter und Manager aus seinem Umfeld berichten, beleuchtet das Engelhard-Manöver nicht nur die neue Schlagkraft des Chemiekonzerns BASF, sondern in vieler Hinsicht auch die Qualitäten seines Chefs. Hambrecht gilt als besonders zielstrebig, diszipliniert und hartnäckig bis zu Sturheit, als ein nüchterner Mensch, dem die Logik näher liegt als die Konvention, als einer, der bereit ist, ungewöhnliche Wege zu gehen, wenn sie denn seiner Überzeugung entsprechen und seine Strategie voranbringen.Sein Meisterstück in Sachen Beharrlichkeit lieferte Hambrecht vermutlich in China ab, wo er 1994 als junger Ostasien-Chef mit dem Staatskonzern Sinopec Pläne für ein großes Chemiewerk in Nanjing einfädelte. Vorbereitung und Bau dauerten am Ende elf Jahre. Doch im vergangenen Herbst ging das Werk schließlich erfolgreich in Betrieb und ist seither ein Eckpfeiler für die Asien-Strategie der BASF.Nicht zuletzt in Nanjing erwarb sich Hambrecht seinen Ruf als ?Mister Verbund?, als Verfechter großer, vernetzter Chemiestandorte, die heute als Markenzeichen der BASF gelten. Und natürlich beschleunigte das Projekt in China auch Hambrechts Aufstieg in der BASF. Seine Karriere war mit dem Ruf an die Konzernspitze nicht zu Ende, sondern setzte sich im Grunde nahtlos fort. Selbst Konzernmanager sind überrascht, wie schnell Hambrecht die großen Fußstapfen seines Vorgängers Jürgen Strube ausfüllte. Nur drei Jahre nach Strube kürt ihn Manager Magazin ebenfalls zum ?Manager des Jahres?. Sein Einfluss reicht inzwischen weit über die BASF hinaus. Er gehört zu den Beratern von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Mitte Juli wird er den Vorstandsvorsitz im Asien-Pazifik-Ausschuss der deutschen Wirtschaft übernehmen.Das alles mag vielleicht auch an dem Tempo liegen, mit dem Hambrecht intern agiert. ?In puncto Arbeitsgeschwindigkeit hat er meist den Turbo eingeschaltet?, heißt es aus dem Umfeld des BASF-Chefs. Dazu passen ein gewisser sportlicher Ehrgeiz und der Teamgedanke, den Hambrecht lebt. Als junger Fußballer spielte er einst in der Jugendmannschaft des SV Reutlingen. Heute wiederholt er gern und häufig: ?Wir bilden das beste Team der Industrie.?Hambrecht ist bekennender Schwabe. Mitgebracht aus der Heimat hat er nicht nur seinen Tonfall, sondern auch ein Faible für Präzision und Betriebsamkeit. ?Schaffe, net schwätze? heißt eine der Devisen, die er gerne zitiert.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er treibt den BASF-Konzern mit Tempo voranMit welchem Tempo er nun den BASF-Konzern vorantreibt, zeigt nicht zuletzt die Entwicklung der vergangenen Monate. In der gleichen Phase, in der der Konzern in den USA um Engelhard kämpfte, besiegelte Hambrecht eine neue, große Partnerschaft mit Gazprom, kaufte nebenher die Bauchemie-Sparte der Degussa und den Harzhersteller Johnson Polymer ? ganz abgesehen von kleineren Deals wie dem Erwerb der belgischen Firma Crop-Design.Auch im Umgang mit Aktionären und Mitarbeitern entpuppte sich Hambrecht als Multitalent. ?Er hat die Zügel in der Hand, aber die Sprache, die auch die Arbeitnehmer verstehen, hat er nicht verlernt?, sagt Betriebsratschef Robert Oswald, der mit Hambrecht und seinem Vorstandsvize Eggert Voscherau einen Standortpakt für Ludwigshafen aushandelte. Dem BASF-Stammwerk bringt das neue Investitionen, aber auch enorme Einsparungen.Auf der anderen Seite schätzen Analysten den BASF-Chef als besonders nüchternen und operativen, im Grunde knochentrockenen Manager und Strategen. Große Reden sind seine Sache nicht. ?Der ist halt Chemiker und weiß, wie die BASF funktioniert?, schwärmt der Chemieexperte einer großen deutschen Bank.Ohne Zweifel hat Hambrecht auch den wirtschaftlichen Erfolg auf seiner Seite. Dabei hat er die BASF 2003 gewiss nicht in schwacher Verfassung übernommen. Gleichwohl gelang es seither, Umsatz und Gewinn nochmals kräftig zu steigern. Hambrecht ist dabei fast alles gelungen, was er anpackte ? von der Sanierung des US-Geschäfts bis zur Inbetriebnahme des Verbundwerks in Schanghai. Ganz nach dem Geschmack der Finanzwelt trimmte er den Chemieriesen auf neue Erfolgsfaktoren. In den vergangenen drei Jahren produzierte die BASF mehr Liquidität als in den zwölf Jahren zuvor. Und für 2006 wird Hambrecht seinen Aktionären wohl abermals einen neuen Rekordgewinn präsentieren.Die Herausforderung für den Chemiker Hambrecht besteht nun vor allem darin, die richtige Formel zu finden für die Haltbarkeit dieser Ertragskraft. Es gilt, die BASF wetterfest zu machen für Zeiten, in denen die Gewinne aus dem Ölgeschäft nicht mehr so üppig sprudeln und die Margen in der Petrochemie wieder einmal auf Talfahrt gehen. ?Wir wollen unser Portfolio wettbewerbsfähiger, profitabler und unabhängiger von Konjunkturzyklen? machen, beschreibt Hambrecht die Strategie.Ein vorweihnachtlicher Trip in die USA lohnt für solche Ziele allemal ? auch wenn die Bescherung hinterher noch ein paar Monate auf sich warten lässt.
Jürgen Hambrecht1946 Jürgen Hambrecht wird am 20. August in Reutlingen geboren. Nach dem Abitur studiert er Chemie in Tübingen. Er schließt sein Studium mit einer Promotion über Organische Chemie ab. Kurz danach tritt er in die BASF AG in Ludwigshafen ein.1985 Die BASF macht ihn zum Chef Forschung und Einkauf der Tochtergesellschaft BASF Lacke und Farben in Münster.1990 Der Konzern holt ihn zurück ins Mutterhaus als Leiter des Bereichs Technische Kunststoffe. Nach fünf Jahren wechselt er nach Hongkong, um das Ostasien-Geschäft anzutreiben.1997 BASF beruft Hambrecht in den Konzernvorstand. Zu seiner Verantwortung gehören Petrochemikalien sowie das Asien-Geschäft.2003 Er übernimmt den Vorstandsvorsitz. Hambrecht ist verheiratet und hat vier Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 02.06.2006