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Der Tarifprofi hat sich verschätzt

Von Carsten Herz und Marc C. Schneider
Die Farbe Rot hat ihm diesmal kein Glück gebracht. Bei jeder Tarifrunde im IG-Metall-Landesbezirk Niedersachsen holt Hartmut Meine eine rote Krawatte aus dem Schrank. Für den Tarifprofi ist dies sein persönliches Zeichen dafür, das es ernst wird. Das war auch am heutigen Montag so. Genutzt hat es ihm aber nicht.
IG Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine wollte ebenfalls Gewerkschaftsvize werden. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Als einer von zwei Topfavoriten für den stellvertretenden Gewerkschaftsvorsitz der IG Metall ging der 55-Jährige am Montag in die Vorstandssitzung von Europas größter Einzelgewerkschaft. Doch erst als sich nach stundenlangen Beratungen im 22-geschössigen Hochhaus der Gewerkschaft in Steinwurfnähe zum Main die Vorstandstüren wieder öffneten, stand fest, dass der 55-Jährige seine Kampfkandidatur gegen nordrhein-westfälischen Bezirkschef Detlef Wetzel verloren hatte.Die Niederlage von Meine ist auch ein Schlag für den bisherigen Gewerkschaftschefs Jürgen Peters. Meine gilt als enger Vertrauter von Peters, dem er an die Spitze des IG-Metall-Landesverbandes in Hannover nachfolgte. Lange hatte der Hildesheimer mit sich gerungen, ob er überhaupt antreten sollte. Nur selten und dann eher leise äußerte Meine seine Ambitionen auf den Stellvertreterposten an der Spitze der einflussreichen IG Metall. Sein Argument: Lieber der erste Mann in Niedersachsen als der zweite auf Bundesebene. Als es darauf ankam, schwenkte er um. Signale, er könne es schaffen, hatten ihn dazu ermutigt.

Die besten Jobs von allen

Die öffentliche Debatte im Vorfeld der Wahl stilisierte das Ringen um den Stellvertreterposten zum Richtungsentscheid. Dem Niedersachsen Meine fiel die Rolle als Bewahrer der reinen IG-Metall-Lehre zu. Konkurrent Wetzel gelang es, sich als Modernisierer stilisieren. ?Das ist Quatsch?, sagt Wolfgang Jüttner, SPD-Fraktionsvorsitzender in Niedersachsen. ?Meine vertritt die Interessen seiner Mitglieder kämpferisch, aber nicht fundamentalistisch. Der kann nun einmal für seine Leute was rausholen.?Seit 20 Jahren führt Meine Tarifauseinandersetzungen. Er weiß, dass dazu auch gehört, einstecken zu können und Niederlagen in Siege umzumünzen. Das Verhandlungskonzept, mit dem er in die Gespräche über eine Sanierung von VW mit dem Management ging, wird er sich nun wohl auch persönlich zu Eigen machen: Doppeltes K nannte er die Strategie: Konflikt und Kompromiss. Er scheue keinen Streit, um seinen Zielen Nachdruck zu verleihen, suche aber den Kompromiss, um ein tragfähiges Ergebnis zu erzielen, heißt es aus dem Umfeld des Tarifprofis. Dem ruhigen und zuverlässigen Verhandlungspartner platzt selten einmal der Kragen ? ein charismatischer Redner ist er indes eher nicht. ?Hart in der Sache, aber mit beiden Beinen in der Realität?, charakterisierte ihn vor Jahren mal ein Gewerkschaftskenner.Entsprechend gut kommt er bei seiner Hausmacht, den niedersächsischen Metallern an. Und auch die anderen Gewerkschaften blicken neidvoll auf eine Tarifpolitik, die sich nicht in den Höhe von Tarifen und Löhnen erschöpft, sondern auch Weiterbildung und Qualifizierung der Mitarbeiter in den Vordergrund rückt. Die Metallunternehmen zwischen Emden und Göttingen stehen ihrem natürlichen Gegner mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sein schnelles Handeln bei Sanierungsverträgen loben sie. Gegen den Willen der Betriebsräte nahm er in solchen Fällen Lohneinbußen hin und sicherte Arbeitsplätze. Längere Arbeitszeiten ohne Lohnausgleich sind dagegen für Meine ein Tabu, an dem er nicht rütteln lässt. ?Granit ist dagegen butterweich?, sagt Dietrich Kröncke, Hauptgeschäftsführer der niedersächsischen Metall-Arbeitgeber.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ein kluger Stratege, doch kein ?Hardliner? Bisher ist der 55-Jährige mit diesem Kurs bei der IG Metall nicht schlecht gefahren. Der gebürtige Hildesheimer gilt als einer der erfahrensten Tarifexperten in der IG Metall und ist einer der dienstältesten Bezirksleiter dazu. Seit 1998 leitet er als Nachfolger von Peters den Bezirk Niedersachsen und Sachsen-Anhalt und ist damit einer der wichtigsten Gesprächspartner in Tariffragen für den Autohersteller VW. Mit den Wolfsburgern hat er auch seine spektakulärsten Abschlüsse erzielt: Er hat 2001 das VW-Modell 5000 x 5000 durchverhandelt, der erste Ausstieg aus dem VW-Haustarif, mit dem Langzeitarbeitslose für weniger Lohn wieder eingestellt wurden. Und er hat vergangenes Jahr mit dem VW-Management den Abschied von der Vier-Tage-Woche vereinbart. Meine musste dabei zum Teil bei VW wieder Besitzstände aufgeben, die sein Vorgänger Peters noch herausgehandelt hatte.Seine Anhänger legen viel Wert darauf, dass sich Meine nicht in das Bild des ideologisch fixierten Traditionalisten fügt. Sollte er in der Metall-Tarifrunde 2007 aber die Hoffnung gehabt haben, den Pilotabschluss nach Niedersachsen zu holen und damit zusätzlich zu punkten, so blieb ihm dieser Erfolg versagt: Nach 2006 zog diesmal Baden-Württemberg den ersten Abschluss ? 4,1 Prozent ? wieder an sich. In der VW-Affäre um Schmiergelder und Lustreisen auf Firmenkosten, die auch die Rolle der IG Metall ins Zwielicht rückte, verhielt sich Meine eher distanziert.Dem guten Verhältnis zum Gewerkschaftschef in Frankfurt tat dies nie einen Abbruch. Seit Jahren sind Peters und der gelernte Wirtschaftsingenieur ein erfolgreiches Tandem. Als Peters 1999 nach Frankfurt ging, nahm Meine wie selbstverständlich dessen Platz ein. Heute ist er in Hannover das Gesicht der IG Metall, und er vertritt als Verhandlungsführer rund 103 000 VW- Beschäftigte. Meine ist ein kluger Stratege, der den Machterhalt seines eigenen Arbeitgebers immer im Hinterkopf hat. Doch ?Hardliner? nennen ihn nicht einmal seine Gegner. Auch wenn er sie in Verhandlungen schon mal brüskiert, in dem er Gesprächsrunden mit barschen Worten vorzeitig abbricht, wenn er das Gefühl hat, die Gegenseite ?eiert herum?. Dann folgt der Mann mit dem hohen Haaransatz und der dünnrandigen Brille ganz dem Machtgehabe des Funktionärs, auch wenn er es privat eher locker liebt.Dabei geht eine Facette des leidenschaftlichen Gewerkschafters nahezu unter: Meine ist nicht nur Vollblut-IG-Metaller, sondern auch ein Intellektueller, der mit Aufsätzen und Büchern das Gesamtbild der Arbeit in Deutschland beleuchtet. Der Funktionär, der privat gerne reist, gerne liest, ins Kino geht und mit spitzer und zuweilen zynischer Zunge sein Umfeld kommentiert, veröffentlichte erst vergangene Woche zusammen mit Dorothee Beck ein Buch über ?Armut im Überfluss?. Dazu hat er in Zukunft wesentlich mehr Zeit als es ihm der Stellvertreterposten gelassen hätte. Ist der Posten des stellvertretenden Vorsitzenden bei Deutschlands größter Einzelgewerkschaft doch ein Full-Time-Job.Doch Meine ist ein Kämpfertyp. Der sportliche, schlanke Mann hält sich mit Laufen fit, joggt jeden Sonntag um die zehn Kilometer und misst seine Leistung jährlich beim ?Hannover-Halbmarathon?. Wie ein guter Sportler lotet er vor jedem Kampf seine Chancen aus und greift nur dann an, wenn er glaubt, punkten zu können. Diesmal hat er sich aber offensichtlich verschätzt. Bei VW will man ihn aber nicht abschreiben. Mit einem Mann wie Meine müsse man immer rechnen, hießt in Wolfsburg. Ein Glücksfall ist Meines Berufung für Metall-Arbeitgeber-Funktionär Kröncke, seinem Sparringspartner in langen Hannoveraner Verhandlungsnächten. Nach gut 20 Jahren Tarifverhandlungen geht der Ende 2008 in den Ruhestand: ?Jetzt muss ich mich für meine letzte Verhandlungsrunde nicht mehr an jemand Neues gewöhnen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 03.09.2007