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Der Sumpf des Verdachts

Die deutschen Eliten schotten sich ab wie indische Kasten. Das führt zu Lähmungserscheinungen im wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Leben. Wahrscheinlich fällt der gegenseitig befruchtende Meinungsaustausch deshalb so schwer, weil wir über viele Jahre den Begriff der Elite tabuisiert haben. Wir überziehen herausragende Leistungen mit dem Mehltau des Neids und des Verdachts.
Die deutschen Eliten schotten sich ab wie indische Kasten. Das führt zu Lähmungserscheinungen im wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Leben. Wahrscheinlich fällt der gegenseitig befruchtende Meinungsaustausch deshalb so schwer, weil wir über viele Jahre den Begriff der Elite tabuisiert haben. Wir überziehen herausragende Leistungen mit dem Mehltau des Neids und des Verdachts.
Nur langsam scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass gerade eine moderne Demokratie der Leistungseliten in allen gesellschaftlichen Bereichen bedarf. Nivellierung führt nicht nur zum Mittelmaß, sondern zum Niedergang

Der erste Schritt zur Besserung ist, Leistung anzuerkennen. Junge Menschen in Wirtschaft, Sport, Politik und Kultur sollen sehen, dass herausragende Leistungen nicht zur Isolation führen, nicht Argwohn hervorrufen, sondern motivierend auf ihr Umfeld wirken. Selbst im Sport, der ja geradezu ein Biotop für Leistung sein sollte, ist der Umgang mit diesem Thema nicht einfach. Als die sportlichen Förderschulen in "Eliteschulen des Sports" umbenannt wurden, führte dies zu erheblichen Meinungsverschiedenheiten. Auch die deutsche Wirtschaft ist dabei nicht sonderlich positiv in Erscheinung getreten. Lediglich die Sparkassen-Finanzgruppe bekennt sich bisher durch bundesweites Sponsoring dieser Eliteschulen zur Förderung einer Leistungselite in Sport und Schule.
Für Argwohn sind besonders die Doping-Betrüger verantwortlich, welche die ehrlichen Athleten in den Sumpf des Verdachts hinabziehen. Aber ist es gerechtfertigt, jede außergewöhnliche Leistungssteigerung mit Doping zu erklären, wenn kein Testergebnis dies stützt? Plötzliche Aufsteiger hat es immer gegeben. Wer hat schon mit Boris Becker als Titelfavorit vor seinem ersten Wimbledonsieg gerechnet?

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In den olympischen Sportarten ist lediglich rund ein Prozent der jährlich über 100.000 Dopingkontrollen positiv. Selbst wenn man eine Dunkelziffer unterstellt, bleibt es dabei: Die riesige Mehrheit der Athleten ist ehrlich. Sie haben Schutz verdient durch wirksamere Kontroll- und Sanktionssysteme. Sie haben aber vor allen Dingen Anerkennung ihrer Leistung verdient.
Ähnliches gilt für andere gesellschaftliche Bereiche. Gute Schulnoten werden in der Regel nicht durch Abschreiben oder Sympathie des Lehrers erworben. Beruflicher Aufstieg ist nicht das Ergebnis von Konturlosigkeit oder ständiger Lobhudelei für den Chef. Gute Kritiken im Feuilleton werden höchstens in Ausnahmefällen durch "gute Beziehungen" zum Autor erreicht.

Nur wenn wir die tatsächlich zugrunde liegenden Leistungen neidlos anerkennen, nur wenn wir es nicht mehr tolerieren, dass der Neid in der Frage versteckt wird, ob alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Nur wenn der Leistungsträger der Unschuldsvermutung teilhaftig wird, die wir sogar präsumptiven Verbrechern zubilligen. Nur wenn wir außergewöhnliche Talente in Schulen, Hochschulen und Betrieb nicht als Belastung für den geordneten Ablauf betrachten, sondern als Chance für alle. Nur wenn wir vermitteln, dass Leistung ebenso gesamtgesellschaftlich förderlich wie persönlich befriedigend ist - nur dann werden wir in der Lage sein, ein Reizklima für Leistungen bei jungen Menschen zu schaffen

Eine moderne, demokratische, post-industrielle Gesellschaft lebt von ihren Leistungseliten. Diese Leistungseliten bedürfen aber der Vernetzung und erhöhter Durchlässigkeit. Zu oft erlebt man, dass die Leistungselite eines gesellschaftlichen Bereichs diejenige der anderen so argwöhnisch wie herablassend behandelt. Da man diese kleingeistige Haltung auch von der jeweils anderen Seite befürchtet, bleibt man unter sich und kultiviert die Vorurteile gegen Politiker, Manager und andere.
Diese Fragmentierung unserer Leistungseliten erschwert innovatives vernetztes Denken, verhindert synergetische Effekte und schmälert soziale Kompetenz. Sie beruht weitgehend auf Unkenntnis und einem falsch verstandenen Spezialistentum. Wir sollten uns daher nicht darauf beschränken, Leistung zu fordern, zu fördern und anzuerkennen, wir sollten vornehmlich junge Leistungsträger aus verschiedenen Bereichen zusammenführen

Eine Begegnung von Eliteschülern des Sports mit Preisträgern von "Jugend musiziert", "Jugend forscht" und anderen jungen Leistungsträgern würde schnell zum Entdecken der Gemeinsamkeiten führen, Neugier und Verständnis wecken. Denn der Leistungswille junger Menschen ist nicht auf ein Gebiet beschränkt. Der Leistungswille ist Teil der Persönlichkeit - das verbindet Leistungsträger aller Bereiche, ebenso wie die gemeinsamen Probleme. Wenn durch derartigen Austausch eine homogene Leistungselite geschaffen wird, bietet diese auch die besten Voraussetzungen für interdisziplinären Austausch, den andere Länder längst zu ihrem Vorteil nutzen

Thomas Bach, 51, ist Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und einer der zentralen Persönlichkeiten des deutschen Sports. Der promovierte Jurist und Rechtsanwalt war selbst Olympiasieger und Weltmeister im Florettfechten.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.09.2005