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Der Sturmerprobte

Liane Borghardt
Es war einmal eine Zeit, da gründeten 26-Jährige zuhauf Unternehmen und wurden in Monaten zum Millionär. Wirtschaft war jung, war Turnschuh - und erfolgreich. Joachim Diercks ist heute 32 und kann von sechs Jahren Unternehmertum mit Höhenflügen und Stürzen erzählen, vom Aufstieg und Niedergang der Internet-Wirtschaft.
Es war einmal eine Zeit, da gründeten 26-Jährige zuhauf Unternehmen und wurden in Monaten zum Millionär. Wirtschaft war jung, war Turnschuh - und erfolgreich. Joachim Diercks ist heute 32 und kann von sechs Jahren Unternehmertum mit Höhenflügen und Stürzen erzählen, vom Aufstieg und Niedergang der Internet-Wirtschaft, vom plötzlichen Reichtum und gelernter Bescheidenheit. "Nach dem Studium hatten wir tausend Möglichkeiten und die Illusion: no limits", erinnert sich Diercks. Nach dem BWL-Diplom 1998 sah es auch so aus: Kurzes Intermezzo als Marketinganalyst bei Bertelsmann in London, dann Start eines eigenen Unternehmens, ein halbes Jahr später Vorstandsvorsitzender einer Aktiengesellschaft mit 40 Angestellten. Die Cyquest Internet AG, die er mit drei Ex-Kommilitonen gegründet hatte, wurde für ihren Headhunter-Service im Web preisgekrönt, Joachim Diercks trat bei Kongressen als Vorredner des Wirtschaftsministers auf. "Das Ganze hatte etwas Popstar- mäßiges."
Ein flüchtiger Ruhm. Als Cyquest Eineinhalbjähriges feierte, geriet ein Investor finanziell in die Schieflage und riss das Startup mit. Diercks Unternehmen stand vor der Zahlungsunfähigkeit, der Gründer musste beim Amtsgericht Insolvenz anmelden. "Das gönn ich keinem. Ich empfand das als persönliche Niederlage." Das 400-Quadratmeter-Loft, das Cyquest "auf Zuwachs" gemietet hatte, schaute die vier Freunde leer an. Zwei Entlassungsrunden weiter saßen sie wieder dort, wo sie mit großen Plänen angefangen hatten - in Diercks Wohnung, aus der seine Freundin gerade ausgezogen war.
Rückblickend betrachtet der 32-Jährige die Startup-Phase als "emotionale Achterbahnfahrt". Die wichtigste Lehre, die er aus dieser Zeit gezogen hat: "Egal was man macht, man muss nah bei sich bleiben." Wer würde nicht erst mal abheben, wenn Geldgeber für seine Ideen Schlange stehen.
Heute weiß Diercks, dass er immer dazulernen kann. Ihr Geschäftsmodell ha???ben die Gründer überarbeitet, ganz solide. Die heutige Cyquest GmbH bietet keine Spielereien mehr. Statt Schnitzeljagden im Web gibt es handfeste Online- Assessment-Center, die Unternehmen die Vorauswahl von Auszubildenden und Trainees erleichtern. Beiersdorf, Unilever und die Deutsche Bahn zählen zu ihren Kunden. Mit acht festen Mitarbeitern sitzt Cyquest wieder in einem kleinen Büro. Obwohl Diercks sich längst nicht das Gehalt von einst auszahlen kann, ist er zufriedener: "Wir wachsen ohne Investoren, aus eigener Kraft. Das hat eine andere Ehrlichkeit." Und bei Geld hat die Freundschaft zu seinen Mitgründern nicht aufgehört. Darauf ist er besonders stolz.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.06.2005