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Der Strippenzieher

Von Norbert Häring, Handelsblatt
Der Berliner Statistik-Professor Wolfgang Härdle ist ein mächtiger Wissenschaftsmanager. Doch bei der Uni-Zentrale ist er beliebter als bei seinen Kollegen.
HB BERLIN. Ein junger Araber muss sich, sichtlich indigniert, anhören, wie Härdle den Besucher vom Handelsblatt über ?kulturelle Anfangsprobleme? mit der Pünktlichkeit aufklärt.Die Mitarbeiter und Doktoranden des Statistik-Professors stammen aus Afrika, Russland, Polen, der Slowakei, China und Brasilien, wenige aus Deutschland. Die Ausländer seien engagierter, wollten etwas erreichen, erläutert Härdle. Wer miterlebt, wie die zwölf sich herbeizitieren und vorführen lassen, ahnt, dass sie auch duldsamer sind.

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In einem äußerst großzügigen Büro an der Berliner Humboldt-Universität präsentiert sich ein Mann von napoleonischer Gestalt und ebensolchem Ego seinem Porträtisten. Ohne großen Zeitverlust projiziert er seinen akademischen Stammbaum. Elf Generationen hat er ihn zurückverfolgt bis zu C.F. Gauß, dem ?Erfinder? der Normalverteilung (Promotion 1799), und noch fünf Generationen weiter.Warum seine Doktoranden und Mitarbeiter so duldsam sind, ahnt man, wenn man sieht, wie sehr Härdle sich um die Vervielfältigung von Gaußens Ururenkeln verdient macht. Bereits rund ein Dutzend Professoren finden sich in der Liste der ehemaligen Doktoranden des erst 51-jährigen Spezialisten für semiparametrische und nichtparametrische Schätzmethoden.In Karlsruhe zum Diplom-Mathematiker ausgebildet, widmet sich Härdle seit seinem Diplom der statistischen Forschung und Lehre. Das Lehren hält er allerdings gern knapp und beschränkt sich weitgehend auf die Doktorandenausbildung. Wenn er vor ordinären Studenten lehrt, dann mit Stil. Seine Vorlesung zur Statistik der Finanzmärkte findet in den Räumen der Deutschen Bank statt. Die Zuhörerzahl passt er an das Platzangebot an. Nach seiner eigenen Einschätzung ist das durch die Studienordnung gedeckt. Der Dekan der Fakultät wollte sich dazu nicht äußern.Nach eigener Einschätzung ist Härdle bei der Uni-Zentrale beliebter als bei seinen Kollegen. Die Uni profitiert von seiner Umtriebigkeit, seinen guten Kontakten und seiner Geschäftstüchtigkeit. Härdle gehört das Unternehmen MD Tec, das vor allem die von ihm entwickelte statistische Software XploRe vertreibt. Dass Mitarbeiter, Studenten und Doktoranden an der Entwicklung mitarbeiten, sei rechtlich unproblematisch, weil die Universität vertraglich am Gewinn beteiligt sei, erläutert Härdle.Lesen Sie auf der nächsten Seite: Für die notorisch klamme Uni ist Härdle gold wert.Für die notorisch klamme Humboldt-Universität ist ein Organisator und Netzwerker wie Härdle auch auf andere Weise Gold wert. Härdle war ?Sprecher? eines Sonderforschungsbereichs (SFB) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der 2003 auslief, und ist stellvertretender Sprecher des SFB ?Ökonomisches Risiko?, der in diesem Jahr anlief. Dabei geht es um Drittmittel in Millionenhöhe und Dutzende zusätzliche, von der DFG bezahlte Mitarbeiter.Die Leitungsfunktionen in den SFB gewähren die Kontrolle über ein beträchtliches Budget für Einladungen und die Vergabe von Forschungsprojekten. Unter einem Netzwerker wie Härdle werden solche Mittel auf das Effizienteste eingesetzt.Schon bei seiner ersten Professur in Belgien beeindruckte er seine Kollegen damit, wie er Forschungsmittel durch Reisen und Einladungen zur Forschungsvernetzung einsetzte. Dort legte er auch den Grundstein für sein exorbitant langes Publikationsverzeichnis. Auf die rund 275 Bücher und Aufsätze ist er nicht wenig stolz, auch wenn er seine Fachzeitschriftenaufsätze ?aus Bescheidenheit? entgegen den akademischen Gepflogenheiten nicht auf seine Website im Internet stellt.Detailarbeit mache er nicht selbst, dafür habe er seine Leute, erklärt Härdle, wie er dieses Pensum schafft. Er setzt sich lieber abends in seine Gartenlaube, raucht eine ?wunderbare Romeo y Julietta?, seine kubanische Lieblingszigarre, und begutachtet dabei die Detailarbeit seiner Koautoren.Da er seit 1989 kaum mehr etwas Nennenswertes allein veröffentlicht hat, gibt es derer viele ? mehr als 100 verschiedene Koautoren bisher. Einige der wichtigsten lernte er in seiner Zeit in Belgien kennen. Den Briten Oliver Linton etwa oder Joel Horrowitz aus den USA. Die beiden verfassten maßgeblich drei der vier meistzitierten Aufsätze, an denen Härdle mitwirkte. Horrowitz erhielt auf Härdles Empfehlung einen mit 80 000 Euro dotierten Preis der Humboldt-Stiftung. Linton wird eine der nächsten ?Distinguished Lectures? des CASE-Instituts an der Humboldt-Universität halten, das Härdle leitet.Bei seinem immensen Publikationspensum passieren selbst einem erfahrenen Mehrfachverwerter wie Härdle kleine Schnitzer. Da kommt es vor, dass Masters-Arbeiten, von denen der Autor versichert, sie selbstständig erstellt zu haben, unter Härdles Koautorenschaft annähernd identisch in Fachzeitschriften veröffentlicht werden. Hier will auch Härdle nicht behaupten, dass das ganz regelkonform ist. Der Dekan der Fakultät lehnte eine Stellungnahme ab. Es habe sich bisher niemand bei ihm beschwert.Lesen Sie auf der nächsten Seite: Zur Person. Wolfgang Härdle
  • Herkunft: Wolfgang Härdle wurde 1953 in Darmstadt als Sohn eines Glasermeisters und einer Postangestellten geboren. Im badischen Gaggenau wuchs er auf. Er lässt eine durch den zweiten Weltkrieg unterbrochene bildungsbürgerliche Familienhistorie wieder aufleben.
  • Laufbahn: Vom Numerus Clausus am Medizinstudium gehindert machte Härdle 1978 in Karlsruhe das Diplom in Mathematik, wurde 1982 in Heidelberg zum Dr. rer. nat. promoviert und habilitierte 1988 in Bonn in Statistik und Ökonometrie. 1989 ging er zunächst als Gastwissenschaftler, dann als ordentlicher Professor an die belgische Université Catholique de Louvain. Seit 1992 lehrt er an der Berliner Humboldt-Universität Statistik.
  • Familie: Härdle und seine Frau, eine Kartografie-Ingenieurin, wohnen in Berlin-Hirschgarten. Sie haben drei erwachsene Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.07.2005