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Der Stratege geht

Von C. Engelen, M. Maisch und C. Wanner, Handelsblatt
Immer noch wird Ulrich Cartellieri als ?Strippenzieher? der Deutschland AG gehandelt und als ?graue Eminenz? der Deutschen Bank. Überraschend verlässt der Manager jetzt den Aufsichtsrat des deutschen Branchenprimus. Die Bankenszene glaubt die wirklichen Gründe zu kennen.
FRANKFURT. Er werde das mit seinem Alter begründen, hieß es aus Cartellieris Umfeld. Aber dass der drahtige Bergsteiger, der am Dienstag seinen 67. Geburtstag gefeiert hat, aus freien Stücken auf die Macht und den Einfluss des Aufsichtsrats-Daseins verzichtet, um dafür lieber in den Bergen zu klettern, bezeichnen auch Bekannte als vorgeschoben.Wiewohl der promovierte Jurist bekennender Alpen-Fan ist: Regelmäßig zieht er mit den ?Similaunern? in die Berge, einer Gruppe von Managern, zu denen auch Post-Chef Klaus Zumwinkel und Daimler-Chrysler-Lenker Jürgen Schrempp gehören. Auch um den Alpen näher zu sein, lebt Cartellieri schon seit Jahren nicht mehr in Frankfurt, sondern am Tegernsee.

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Nicht das Private sei es, das Cartellieri zum Aufgeben treibe, sondern sein Ärger über die Ausrichtung seiner Bank, ist sich die Frankfurter Finanzszene sicher. ?Cartellieri hat den Machtkampf in der Deutschen Bank verloren?, lautete gestern unisono die Einschätzung unter Bankern. Und viele haben auch gleich die Schlussfolgerung parat: ?Damit driftet die Deutsche Bank endgültig aus Deutschland. Ein Verkauf ist jetzt nur noch eine Frage der Zeit.?Schon seit Monaten sei er unzufrieden mit der Strategie von Bankchef Josef Ackermann, wird aus Cartellieris Umfeld immer wieder kolportiert. Der Aufsichtsrat, der als extrem diszipliniert und hart gegen sich und andere gilt, beklagt den drohenden Ausverkauf der Bank. Er wehrt sich gegen den wachsenden Einfluss der ausländischer Investmentbanker und die überstürzte Internationalisierung.Cartellieri, noch immer schlank und durchtrainiert, gilt als einer der wichtigsten Köpfe der so genannten Traditionalisten in der Deutschen Bank. Der Fraktion also, die die deutschen Wurzeln des Geldhauses betont und eine starke Verankerung auf dem Heimatmarkt fordert. Heute erzielt das Frankfurter Geldhaus nur noch ein Drittel seiner Gewinne im Inland, dafür enden zwei Drittel aller Berichtswege in London oder New York.Die rasante Internationalisierung, die Cartellieri heute in Teilen beklagt, hat der Banker jedoch selbst vorangetrieben. Er, der praktisch sein ganzes Berufsleben in Diensten der Deutschen Bank verbracht hat, hatte in den 80er-Jahren die Expansion des Instituts ins Ausland angestoßen. Bei seiner Berufung in den Vorstand 1981 übernahm er unter anderem die Verantwortung für das internationale Geschäft.Dazu trieb ihn nicht zuletzt die Sorge um die begrenzten Wachstumsmöglichkeiten im Inland. ?Die Banken werden zur Stahlindustrie der 90er-Jahre?, hatte er bei einer Veranstaltung schon früh gewarnt ? ein Satz, mit dem er bis heute zitiert wird.In diesem Sinne unterstützte er Ende der 90er-Jahre auch die US-Expansion und die milliardenschwere Übernahme von Bankers Trust. Er sah dies als Chance, um sich hoch qualifizierte Banker für neue Geschäftsbereiche zu sichern. Was Cartellieri heute beklagt, ist denn auch weniger die Internationalität als vielmehr der starke Einfluss, den die Investmentbanker haben. In seinem Umfeld heißt es, ihn treibe die Sorge, dass es den Leuten an der Spitze vor allem darum ginge, den Aktienkurs der Deutschen Bank zu steigern, um das Haus dann möglichst lukrativ ins Ausland zu veräußern. Diese Söldner-Mentalität stößt einem ?echten? Deutsch-Banker eben übel auf, sagt einer, der ihn gut kennt.Auch in der Finanzszene machte Cartellieri aus seinen Bedenken gegenüber dem Kurs der Bank keinen Hehl. Der deutsche Branchenprimus habe keine Kultur und keine Wurzeln mehr, insgesamt bereite ihm die ?sehr ernste Situation schlaflose Nächte?, beklagte sich Cartellieri vor einigen Wochen ganz offen bei einem anderen Banker.Dass er nicht an seinen Ämtern klebt und rasch Konsequenzen zieht, hat Cartellieri auch früher schon deutlich unter Beweis gestellt. 1997 geriet er in Verdacht, den Krupp-Konzern bei der feindlichen Übernahme von Thyssen beraten zu haben. Nicht nur die Gewerkschaften verdächtigten ihn, seinen Bankkollegen vertrauliche Informationen über Thyssen zugespielt zu haben, die ihm aus seiner langjährigen Rolle als Aufsichtsrat des Unternehmens bekannt waren. Cartellieri trat darauf hin erst als Thyssen-Kontrolleur ab und verließ kurz darauf auch den Vorstand der Bank in Richtung Aufsichtsrat.Drei Jahre später trat der Banker noch einmal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Parteichefin Angela Merkel holte ihn nach dem Schwarzgeldskandal als Schatzmeister in die CDU. Eineinhalb Jahre später sah Cartellieri seine Aufgabe als erledigt an. 2001 kündigte er sein Ausscheiden an und gab auch sein Parteibuch zurück, das der als erzkonservativ geltende Manager sich extra für seinen Ausflug in die Politik zugelegt hatte.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.09.2004