Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der stille Wikinger

Von Helmut Steuer und Holger Alich
?Werde reich oder stirb, während du es versuchst? heißt die Biografie des amerikanischen Rappers 50 Cent. Alexander Vik, in Schweden geborener Norweger mit US-Pass, hat sich für die erste Alternative entschieden. Der 51-Jährige ist gut für einige Milliarden Euro und greift nun nach Vivendi.
Alexander Vik greift nach Vivendi Universal. Foto: ap
STOCKHOLM/PARIS. ?Get rich or die tryin?? ? der bei Universal Music unter Vertrag stehende 50 Cent dröhnt seine Lebensweisheiten im Soundtrack zum gleichnamigen Film in die Welt, und Vik hört zu. ?Ich bin sehr an Musik interessiert, aber das hat mit dieser Sache nichts zu tun?, sagte er vor einigen Tagen.Diese Sache ? das ist sein Versuch, den französischen Telekom- und Medienkonzern Vivendi, zu dem auch Universal, das größte Musik-Label der Welt, gehört, zu übernehmen. Seine Investmentgesellschaft Sebastian Holdings kontrolliert seit kurzem rund vier Prozent der Anteile an Vivendi und ist damit größter einzelner Aktionär. Jetzt soll er den Franzosen ein komplettes Übernahmeangebot unterbreitet haben, was diese allerdings zurückweisen: Es gebe nur einen Vorschlag, den Medienkonzern zu zerschlagen, heißt es aus der Pariser Zentrale.

Die besten Jobs von allen

Noch ist nicht klar, wie der Kampf um Kultur und Kommunikation ausgeht. Sicher ist dagegen, was der Norweger von dem französischen Riesen hält: ?Die haben die falsche Strategie.?Das breite Lachen des Alexander Vik, die entspannten Gesichtszüge, aber der gleichzeitig stechende Blick signalisieren stets Kampfbereitschaft. ?Ich glaube nicht, dass man Vertrieb und Inhalte vermischen sollte?, ist sein klares Urteil über Vivendi Universal. Deshalb will der Multimillionär den Konzern aufteilen: Zunächst, so sein Plan, werde man den Bezahl-TV-Sender Canal Plus verkaufen. Die übrigen Konzernteile, das Telekomgeschäft sowie die Musiksparte, würde man erst einmal übernehmen, schuldenfinanziert, versteht sich.Bürgschaften, so heißt es bei Sebastian, habe man von der Deutschen Bank und der Bank of America erhalten. Als unausgegoren bezeichnete Vivendi den Vorstoß, fühlte sich aber dennoch in die Enge getrieben: Konzernchef Jean-Bernard Levy legte vorgestern völlig überraschend und recht ungewöhnlich eine Prognose über die wirtschaftliche Entwicklung seines Unternehmens bis zum Jahr 2011 vor. Eine Defensiv-Strategie von Levy, meinen Analysten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auf Platz 160 der Forbes-ListeEin bis dato relativ unbekannter Wikinger, der nun seine Kreuzzüge vom hohen Norden aus auf Südeuropa ausdehnt? Es scheint so. Vik ist im hohen Norden Europas ein relativ unbeschriebenes Blatt. Der in Stockholm geborene, heute aber in Monaco und Greenwich, Connecticut, wohnende US-Norweger hatte schon früh einen Hang zu Höherem. Bis zu seinem 14. Lebensjahr lebte die gutbürgerliche Familie in Stockholm. Mit seinen Eltern und seinen beiden Brüdern zog es die Familie dann auf die Kanarischen Inseln, wo Vik einige Jahre verbrachte.Schon früh fiel er durch sein Interesse an Geschäften auf. Und so war es für die wenigsten in seinem Umfeld eine Überraschung, als er den Eltern kurzerhand mitteilte, ein Studium in Harvard aufzunehmen. Als Finanzmakler an der Wall Street sammelte er erste Erfahrungen mit dem Bereich, der ihn wenige Jahre später auf die Liste der reichsten Menschen der Welt des US-Magazins ?Forbes? katapultierte: Mit einem geschätzten Vermögen von zehn Milliarden Euro landete er auf Platz 160.Vik hatte das norwegische Internetunternehmen Xcelera gegründet. ?Eine Wahnsinnsgeschichte?, sagt heute ein Jugendfreund von ihm. Der Wahnsinn kann beziffert werden: Tatsächlich stieg der Aktienkurs des kleinen Unternehmens binnen eines einzigen Jahres von 0,36 auf 234,40 Euro und legte so den finanziellen Grundstein für Sebastian Holdings. Denn Vik hatte den richtigen Riecher und stieg vor dem Zusammenbruch der New Economy aus. Ganz ungeschoren kam der immer überkorrekt und in feinstem Zwirn gekleidete Vik allerdings nicht aus dieser ?Wahnsinnsgeschichte?. US-Medien warfen ihm vor, Anleger geblufft zu haben, schlimmer noch, den Aktienkurs künstlich hochgeschraubt zu haben.Er überlebte die Vorwürfe und einige Gerichtsverfahren und setzte seinen Weg fort: Mit dem Kapital aus dem Xcelera-Ausstieg baute er Sebastian Holdings auf, eine Investmentgesellschaft, die zunächst auf der Karibik-Inselgruppe Turks and Caycos, später in Connecticut und Monaco registriert wurde.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vik zieht Fäden gern im HintergrundDer explosionsartige Aufstieg mit nachfolgender Bruchlandung hat den Hochleistungssportler Vik, der es immerhin zu einem Meisterschaftstitel beim Golf gebracht hat, vorsichtig gemacht. Heute investiert seine Holding in Zulieferfirmen der norwegischen Ölbranche und in Forst- und Papierkonzerne.Der stets medienscheue Vik zieht seine Fäden gern im Hintergrund: Vergangenes Jahr half er dem französischen Investor Vincent Bolloré, die Kontrolle bei Havas zu übernehmen, einem der größten Werbenetzwerke der Welt, und in einem Coup den bisherigen Havas-Chef Alain de Pouzilhac zu stürzen.Es gehört zum Stil des großen Unbekannten aus dem hohen Norden, nicht viele Worte zu verlieren, lieber im Dunklen zu agieren und zuzuschlagen, wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Das hat er sich nun auch bei Vivendi vorgenommen.Der vierfache Vater und Kunstsammler, zu dessen Leidenschaften auch das Skifahren zählt, will zum Medien-Tycoon aufsteigen. Am liebsten allerdings ohne die Aufmerksamkeit, die normalerweise solche Vorhaben begleitet.Insider zweifeln bislang, ob dem Globetrotter das tatsächlich gelingen wird. Der Widerstand des Vivendi-Managements dürfte selbst für den Wikinger schwer zu knacken sein. Einige Mitstreiter scheint er allerdings bereits gefunden zu haben: Der in Frankreich einflussreiche iranische Geschäftsmann Amir Jahanschahi unterstützt Vik.Und in Arnaud Lagardère hat er einen möglichen Abnehmer für Canal Plus gefunden. Der Chef der gleichnamigen Unternehmensgruppe hat bereits erklärt, er würde Canal Plus übernehmen ? ?wenn es sein muss, morgen?.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Vita von Alexander VikVita von Alexander Vik1955: Alexander Vik wird in Stockholm geboren. Heute besitzt er einen norwegischen und einen amerikanischen Pass.1979: Seine Eltern und die drei Brüder ziehen auf die Kanarischen Inseln um. Alexander Vik absolviert dort die Schule und geht zum Studium an die Elite-Uni Harvard.1999: Vik steigt vor dem Höhepunkt der Dotcom-Blase in das kleine norwegische Internetunternehmen Xcelera ein. Vor dem Ende des New-Economy-Hypes verkauft er seine Anteile und macht ein Vermögen. Mit dem Geld baut er seine Investmentfirma Sebastian Holdings auf. Heute investiert die Gesellschaft vor allem in die Öl- und Forstbranche.2006: Er greift den französischen Telekom- und Medienkonzern Vivendi an. Vivendi aber wehrt sich und behauptet, bisher nur einen strategischen Plan vorliegen zu haben.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.05.2006