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Der stille Frust der Halbleiter

Von Christoph Lixenfeld
Sie fühlen sich stiefmütterlich behandelt, unterbezahlt und ohne Perspektiven: Viele Abteilungsleiter und Projektmanager würden am liebsten so schnell wie möglich kündigen. Wenn sie nur wüssten, wohin: Ein neuer, sicherer Job ist mittlerweile auch für Angehörige des mittleren Managements schwer zu finden.
DÜSSELDORF. Wie groß diese Unzufriedenheit ist und wo sie herkommt, das hat die Unternehmensberatung Accenture vom Marktforschungsunternehmen International Communications Research untersuchen lassen. Befragt wurden 1 025 Angehörige des mittleren Managements aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien, den USA und Australien.Das wichtigste Ergebnis: Unzufriedenheit im Job gibt es überall, aber in Deutschland sitzt der Frust besonders tief. So sehen hier zu Lande nur 23 Prozent der Befragten ihre Tätigkeit uneingeschränkt positiv, 51 Prozent geben an, einigermaßen unzufrieden zu sein. Deutschlands Abteilungsleiter fühlen sich von ihrem Arbeitgeber und den Vorgesetzten schlecht behandelt: 68 Prozent von ihnen geben an, zu wenig Geld zu bekommen, 62 Prozent sind der Ansicht, ihre Leistung werde nicht angemessen gewürdigt. Die Frustwerte für die anderen Länder liegen mit 49 bis 43 Prozent deutlich niedriger.

Die besten Jobs von allen

Und wer sich vom Chef chronisch benachteiligt fühlt, hält irgendwann von dem ganzen Laden nichts mehr: In Deutschland ist fast jeder Dritte aus dem Mittelmanagement der Meinung, ihr Unternehmen sei schlecht geführt. Nur zwölf Prozent bezeichnen ihre Firma als erfolgreich, im internationalen Vergleich sind es immerhin 22 Prozent.Diese Zeichen schwindender Loyalität sollten Alarmglocken schrillen lassen, findet Norbert Büning, Geschäftsführer bei Accenture in Deutschland und Mitautor der Studie. ?Vor allem mit Blick auf den demographischen Wandel müssen die Firmen so schnell wie möglich gegensteuern.? Anders gesagt: Bald werden die Nachwuchsmanager knapp, da macht es Sinn, das vorhandene Personal bei Laune zu halten und nicht zu schnell zu verschleißen.Interessanterweise ist die Alterung der Gesellschaft aber ein Teil des Problems: Die Unternehmen haben heute zu viele Mitarbeiter um die 40 an Bord, die die Aufstiegswege für Nachrückende verstopfen. Den Talenten die Zeit in der Karriere-Warteschleife mit Geld zu versüßen ? wenn schon keine Posten frei sind ? scheidet aber aus Budgetgründen aus. Norbert Büning: ?Die Lösung muss darin liegen, den Leuten bessere und spannendere Arbeit zu geben, Jobs schlicht interessanter zu machen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Commerzbank hat gehandelt.Einige haben diese Herausforderung erkannt und handeln entsprechend. Bei der Commerzbank zum Beispiel gibt es das Projektteam demographischer Wandel. Eine seiner Aufgaben ist es, Laufbahnen neu zu planen. ?Wir werden Karrieremodelle entwickeln, in denen Jobrotation eine größere Rolle spielt als bisher,? erläutert Folke Werner vom zentralen Stab Personal bei der Commerzbank.Doch viel zu wenige Unternehmen machen sich Gedanken, attraktive Perspektiven für ihr mittleres Management zu schaffen. 45 Prozent der Manager können für sich keinen klaren, vom Arbeitgeber forcierten Karriereweg erkennen. Und nur ein Viertel der in Deutschland Befragten hält die eigenen Zukunftsperspektiven für ?gut? oder ?exzellent?. Von den restlichen 75 Prozent sind viele nicht nur der Meinung, dass ihr Karrierezug zu langsam und zu ziellos dahinrollt, sie fürchten sogar, auf dem Abstellgleis zu landen.Und diese Angst ist keineswegs unbegründet, treffen die Einsparrunden heute doch nicht nur die unteren Chargen. So verkündete Willie Walsh, neuer Chef von British Airways, Ende November, das Unternehmen wolle sich von 600 Angestellten des mittleren und gehobenen Managements trennen.Aus Angst vor Jobverlust, klammern sich hier zu Lande immer mehr Führungskräfte aus dem Mittelbau an ihren Posten. Die Studie ergab: Deutschlands Manager suchen seltener nach einem neuen Job als die anderer Länder. Sie sind zwar besonders frustriert, haben aber wenig Hoffnung, dass es bei einem anderen Unternehmen deutlich besser werden könnte.Natürlich ist die Stimmung nicht überall schlecht. ?Die Gleichung ist einfach: Je besser es einer Branche geht, desto besser ist auch die Laune beim Management,? betont Klaus Leciejewski, Berater und Chef von KDL-Consulting. ?Im Handel hat sich viel Frust breit gemacht, bei der Logistik sieht die Lage ganz anders aus.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.01.2006