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Der Staranwalt, der es mit Konzernen aufnimmt

Von Frank Siering
Willie Gary ist der schwarze Top-Anwalt in den USA. Seine Geschichte liest sich wie ein typisches amerikanisches Märchen. Als kleiner Junge lief er mit nackten Füßen in die Schule im Sumpfland von Zentral-Florida. Heute fliegt er im Privatjet zu seinen Klienten. Willie Gary ist ein Anwalt, der sich auf Schadensersatzprozesse spezialisiert hat.
Willie Gary erzählt immer wieder gerne von den Tagen, da er als kleiner Junge mit nackten Füßen in die Schule im Sumpfland von Zentral-Florida gehen musste. ?Wir waren arm wie die Kirchenmäuse?, erinnert sich der 59-jährige Staranwalt heute. Und fährt mit einem Lächeln auf den Lippen fort: ?So arm, dass mein Vater von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang Früchte verkaufte, um uns am Abend wenigstens ein anständiges Essen am Tag auf den Tisch zu bringen.?Heute sieht das Leben von Willie Gary anders aus. Als eines von elf Kindern hat er es zum Mega-Anwalt geschafft. Mehr als 35 Angestellte, zwei Privatjets, ein Leben zwischen Rolls-Royce und Superluxus. Seevilla in Florida, Fälle in 45 Bundesstaaten, ein Einkommen, das sich zwischen zehn und 15 Millionen Dollar im Jahr bewegt. Mehr als 180 Fälle hat er schon gewonnen, in denen das Urteil seinen Mandanten über eine Million Dollar zusprach.

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Willie Gary ist ein Anwalt, der sich auf Schadensersatzprozesse spezialisiert hat. Zu ihm kommen Menschen, die beide Beine beim Autounfall verloren haben und den Autohersteller verklagen wollen, weil die Familie die Krankenhausrechnungen nicht mehr bezahlen kann. Oder er vertritt eine Witwe, die ihren Mann bei einem Unfall verlor, weil ein LKW, der vor ihm fuhr, die Last verlor und ein Metallträger durch seine Windschutzscheibe stieß.?Willie Gary zählt zu den besten in seiner Branche?, sagt Gregory Shell, ein Anwalt für das Migrant Farm Worker Justice Project. Ein Projekt, für das sich Gary oft und gerne einsetzt. ?Ich war immer ein Underdog. Und die so genannten Verlierer unserer Gesellschaft, wie zum Beispiel Farmarbeiter, verdienen eine gute Repräsentation. Deshalb setze ich mich für sie ein?, erzählt Gary.So gerne sich Gary auch für die Unterprivilegierten einsetzt, so gerne lässt sich der ehemalige Football-Star auch feiern. In Amerika gilt er längst als TV-Star. Oprah Winfrey hat ihn schon genauso aufs Sofa in ihre Show eingeladen wie unzählige Frühstückssendungen. Die ?Nightly News? auf ABC haben schon über ihn berichtet wie auch die ?New York Times?, die ?Chicago Tribune? und das ?Forbes?-Magazin. Vor fünf Jahren wurde er bereits zu den einflussreichsten schwarzen Anwälten Amerikas von ?Ebony Magazine?, einem sehr populären Medium der Afroamerikaner, ernannt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Willie wird von seinen Freunden wie Gegnern gerne der ?Giant Killer? genannt.?Ich kann mich wahrlich nicht beschweren, das Leben hat es gut mit mir gemeint?, resümiert Gary heute und hebt dabei mahnend den Zeigefinger in die Luft: ?Mir ist nichts in den Schoß gefallen. Ich habe für all meinen Erfolg verdammt hart gearbeitet.?Das kann man wohl sagen. Als Klein Willie, der heute von seinen Freunden wie Gegnern auch gerne der ?Giant Killer? genannt wird, 1947 in Georgia als Sohn von Immigranten geboren wurde, war an eine gute Schulausbildung zunächst überhaupt nicht zu denken. ?Wir mussten in den Obstfeldern von Georgia und später dann in Florida hart arbeiten, um die Familie über Wasser zu halten?, erinnert sich der Jurist.Aber ein eiserner Wille und noch eisernere Disziplin führten den jungen Mann zur Shaw University in Raleigh, als erstes Kind in seinem Familienclan. ?Ich war immer so ein bisschen ein Mensch, der mehr erreichen wollte als andere?, beschreibt sich Gary selbst. Als talentierter Sportler hatte Gary ein Football-Stipendium erhalten. ?Das war der einzige Weg für mich, die Uni zu finanzieren?, erläutert er. Die Führungsqualitäten des Amerikaners wurden schon in jungen Jahren deutlich. So wurde Gary gleich dreimal hintereinander zum Kapitän seiner Mannschaft gewählt.Von Raleigh aus ging es weiter an die North Carolina Central University in Durham. Hier beendete Gary 1974 sein Jurastudium. Als erster schwarzer Amerikaner öffnete Gary in seiner Heimatstadt Stuart in Florida eine Anwaltskanzlei. Das war auch Ende der 70er-Jahre noch ein gewagtes Unternehmen in den USA. ?Keine Frage, gerade im Süden der USA gab und gibt es noch viele Rassisten, die mit einem schwarzen Anwalt überhaupt nichts anfangen konnten?, berichtet Gloria Gary, die Ehefrau des Staranwalts.Heute operiert die Kanzlei Garys von drei Büros aus. Seine Partner und er arbeiten in 45 US-Bundesstaaten. Er ist als Menschenfreund bekannt. Im vergangenen Jahr gab er mehr als zehn Millionen Dollar an seine Alma Mater, die Shaw University. ?Mein Vater ist ein großzügiger Mann. Aber er verlangt von Menschen in seinem Umfeld, dass sie hart arbeiten, um ihre Ziele im Leben zu verfolgen?, sagt der älteste Gary-Sohn Kenneth, der heute als CEO und Präsident der Gary Foundation und von Gary Enterprises fungiert. Neben dem Gesetz interessiert Gary senior nämlich auch noch der Immobilienmarkt in Florida. Hier hat der Gary-Clan heftig investiert.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zu Garys Klienten zählen vorwiegend einfache Leute von der Straße. Zu den Klienten von Gary zählen vorwiegend einfache Leute von der Straße. Seine Spezialität: Klagen gegen Großkonzerne, die meist in außergerichtlichen Vergleichen enden. Diese Vergleiche, das ist bei einem Besuch in Garys ?fliegendem Konferenzzimmer? ? einer Boing 737 für elf Millionen Dollar, offensichtlich, bringen noch immer das große Geld in den USA. ?Großkonzerne wissen, wann sie Fehler gemacht haben. Ein Vergleich ist dann immer noch billiger als eine Niederlage vor Gericht?, lächelt Gary freundlich.Aber so freundlich und heiter Gary auch wirkt, er ist ein ?echter Bluthund?, schildert ihn sein Widersacher Lewis Jack, der schon sechsmal als Gegner in den Ring gegen Gary stieg. ?Willie Gary spielt die Rassenkarte, die Unterprivilegierten-Karte und, wenn es sein muss, auch die Tränenkarte aus. Er weiß genau, wie man die Geschworenen auf seine Seite ziehen kann?, beobachtet der Staatsanwalt, der bisher gegen Gary noch keinen Fall gewinnen konnte.Und so steigt Willie Gary jeden Sonntagabend in seinen Jet mit dem Namen ?Wings of Justice? (Flügel der Gerechtigkeit), um in mehreren Bundesstaaten Klienten zu besuchen. ?Meist bin ich zum Abendbrot wieder zu Hause, und allein deshalb lohnt es sich, im Privatflugzeug durch die Gegend zu jetten?, sagt Gary. Seine Lieblingsrolle ? das sagt er über sich selbst ? ist nicht die des ?Giant Killers?, sondern die des Familienvaters und Ehemanns. ?Von jeder Reise bringt mein Mann mir einen frischen Blumenstrauß mit?, sagt Ehefrau Gloria. Dafür kocht sie ihm am Abend dann sein Lieblingsgericht: Steak mit Bratkartoffeln.Und der Kampf um die Gerechtigkeit darf ? für ein paar Stunden zumindest ? ruhen.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2007