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Der Sportfan Nummer eins tritt ab

Von Joachim Hofer, Handelsblatt
Für Überraschungen sorgt Phil Knight noch heute. Kaum jemand hatte damit gerechnet, als der 66-Jährige Ende vergangener Woche seinen Rückzug als Chief Executive Officer bei Nike bekannt gab. Auch die Wahl seines Nachfolgers verblüfft.
MÜNCHEN. Was der legendäre Gründer der japanischen Sportschuhmarke Asics 1963 nicht wissen konnte: Mit seiner Schützenhilfe für Knight hatte er den Grundstein für Nike, den heute größten Sportartikelkonzern der Welt, gelegt.Besonders dankbar zeigte sich Knight allerdings nicht. Sieben Jahre lang importierte er Onitsukas Schuhe nach Amerika, dann gab er ihm den Laufpass. ?Diese Abgebrühtheit kannte ich aus Japan nicht?, blickt der heute 86-jährige Onitsuka zurück.

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Für Überraschungen sorgt Knight noch heute. Kaum jemand hatte damit gerechnet, als er Ende vergangener Woche seinen Rückzug als Chief Executive Officer bei Nike bekannt gab. Zum Jahresende wird der 66-Jährige den Chefposten beim mit 12,3 Milliarden Dollar Umsatz größten Sportartikelanbieter der Welt aufgeben und den Posten des Chairmans an der Spitze des Verwaltungsrates übernehmen.Verblüffend auch die Wahl seines Nachfolgers: Neuer Chief Executive Officer wird William D. Perez, 57, bisher Chef von S.C. Johnson, einem amerikanischen Hersteller von Putzmitteln (Abflussfrei, Null-Null). Dagegen gehen die beiden Favoriten auf die Nachfolge, die Nike-Vorstände Charlie Denson und Mark Parker, leer aus.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Mit Knights Abgang endet eine typisch amerikanische Karriere: Weil sein damaliger Sporttrainer Bill Bowermann unzufrieden mit den in den USA produzierten Laufschuhen war, fuhr Knight nach Japan, um sich dort billigeres und besseres Material zu besorgen. Zuvor hatte er in seiner Diplomarbeit das Geschäft des deutschen Sportartikelkonzerns Adidas, des damaligen Marktführers, genau analysiert. Sein Resultat: In den Fabriken in Deutschland produzieren die Franken viel zu teuer. Gemeinsam mit Bowermann gründete Knight daraufhin das Unternehmen Blue Ribbon. Am Anfang verkaufte er die japanischen Importschuhe vom Kofferraum seines Autos heraus. 1972 wurde Blue Ribbon schließlich in Nike umbenannt.Fast schon legendär ist inzwischen die Entstehung des ?Swoosh?, des geschwungenen Nike-Logos. 35 Dollar hat eine Design-Studentin Anfang der 70er-Jahre für den Entwurf bekommen. Der Name ?Nike? ist Jeff Johnson, dem ersten Angestellten, angeblich im Schlaf eingefallen. Knight wollte die Firma ?Dimension 6? nennen.Durch Werbeverträge mit Stars, unter anderem mit der Basketball- Legende Michael Jordan, gelang Nike in den 80er-Jahren der weltweite Durchbruch. Mittlerweile ist die Firma aus Beaverton im US-Bundesstaat Oregon deutlich größer als die deutsche Nummer eins, Adidas- Salomon, und der größte US-Wettbewerber, Reebok.Im Vergleich zum rasanten Aufstieg Knights ist der Werdegang seines Nachfolgers Perez geradezu langweilig. Der Amerikaner hat sein gesamtes Berufsleben als Angestellter beim Familienunternehmen Johnson verbracht. Seit seinem Eintritt in die Firma 1970 arbeitete er sich empor und schaffte 1996 den Sprung an die Spitze. Johnson erwirtschaftete mit 12 000 Mitarbeitern zuletzt einen Umsatz von rund sechs Milliarden Dollar.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Der Wechsel vom Markenartikel- zum Turnschuh-Hersteller kann durchaus gelingen: Puma-Chef Jochen Zeitz war zunächst beim Zahnpasta-Anbieter Colgate-Palmolive, ehe er das Herzogenauracher Sportunternehmen mit großem Erfolg sanierte.Mit Sportschuhen kennt sich Perez zumindest in der Praxis gut aus. Der in Kolumbien aufgewachsene Mann hat bereits elf Marathon-Läufe absolviert und die letzten 27 Jahre nur Nike-Schuhe getragen, wie seine neue Firma stolz verkündete. Das Geld für neue Fußbekleidung dürfte ihm nicht ausgehen: Er kassiert künftig ein Grundgehalt von 1,35 Millionen Dollar im Jahr.Analysten gehen davon aus, dass sich Knight nicht ganz aus dem Tagesgeschäft verabschieden wird. Ähnlich wie Bill Gates beim Softwarehaus Microsoft oder Michael Dell beim gleichnamigen Computerproduzenten erwarten sie, dass er weiter bei großen Entscheidungen mitreden wird.Sein besonderes Interesse an Nike ist verständlich. Dem Vater dreier Kinder gehören 28 Prozent der stimmberechtigten Aktien. Sein Vermögen schätzt das US-Magazin Forbes auf rund 7,4 Milliarden Dollar.Damit schafft es Knight, der sich meist sehr zurückhaltend gibt, auf Rang 22 der reichsten Amerikaner.Er selbst sieht seine künftige Rolle so: Er werde weiter der ?Sportfan Nummer eins auf der Welt? sein, teilte der Unternehmer zum Abschied mit.Der 86-jährige Asics-Gründer Onitsuka hat die damalige Kränkung durch Knight längst überwunden. Heute sagt Onitsuka stolz: ?Ich betrachte ihn als meinen Sohn.?
Dieser Artikel ist erschienen am 22.11.2004