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Der Software-König auf Abschiedstour

Von Jens Koenen
Die Augen hinter der Brille wandern unruhig hin und her. Auf eine undefinierbare Art strahlt der Blick Ungeduld aus. Bill Gates redet bei seinem Deutschland-Besuch gerne über die großen Dinge ? aber wirkliche Visionen bringt der Microsoft-Chairman nicht mehr mit.
MÜNCHEN. Auch mit 50 Jahren und zwei Jahre vor seinem endgültigen Ausstieg aus dem operativen Tagesgeschäft will Bill Gates, Gründer von Microsoft und Vater der meisten heutigen PC-Systeme, in der modernen IT-Welt noch kräftig mitmischen.Das merken auch die rund 2 000 Gäste der Microsoft-Kundenkonferenz ?Convergence? im Münchener Kongress-Zentrum. Von der letzten Meile auf dem Weg zur Produktivität spricht Gates, ganz seriös in Anzug und dunkler Krawatte gekleidet. Immer noch klaffe eine Lücke zwischen den Geschäftsprozessen, den Bedürfnissen der Kunden und der Software, die es zu schließen gelte. ?Wenn die Leute immer noch Notizen auf kleine Zettel schreiben, ist was mit der Software falsch?, sagt Gates.

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Und doch ? es fehlt etwas an diesem Abend. Der Funke will nicht so recht überspringen, die großen Visionen bleiben aus. Lediglich die Ankündigung, die Firmensoftware ?Dynamics? künftig als Mietmodell anzubieten, hat Gates im Gepäck. Dabei wird keine andere Person so sehr mit der Entwicklung des modernen Personalcomputers verbunden wie Gates. Die IT zog den immer noch wie ein eher schüchterner Schuljunge wirkenden Microsoft-Gründer schon in der Jugend in seinen Bann.Doch mittlerweile sind es mehr die übergreifenden Themen, die Gates interessieren. So auch an diesem Vormittag in Ingolstadt. Vor einer ?digitalen Spaltung? der Gesellschaft in Menschen mit entsprechenden IT-Kenntnissen und solchen ohne warnt Gates. ?IT-Kompetenz und praktische Kenntnisse im Umgang mit Computern bilden die Fundamente globaler Wettbewerbsfähigkeit in der neuen Welt der Wissensarbeit?, sagt er und startet mit Bundeswirtschaftsminister Michael Glos die Initiative ?IT-Fitness?. Sie will junge Menschen in Deutschland fit machen für den Umgang mit IT im Berufsleben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die PC-Ära neigt sich dem Ende zuKritiker von Gates dürften sich durch solche Allgemeinplätze bestätigt sehen. Viele Branchenkenner und Analysten sind der Meinung, dass er seinen Zenit als Impulsgeber für den Softwareriesen überschritten hat. Sie begrüßen deshalb, dass der 50-jährige Chairman seine operativen Aufgaben bald an den Technologieguru Ray Ozzie, den Erfinder des IBM-E-Mail-Programms Lotus Notes, übergeben wird.Es ist vor allem Gates unverbesserliche Treue zum PC, die ihm seine Kritiker vorhalten. Zwar hat der PC Microsoft und damit natürlich auch Gates groß gemacht. Die praktischen Tischrechner, mit einem MS-Betriebssystem vorinstalliert, haben der Gates-Company eine weltweite Vormachtstellung eingebracht.Doch die Ära neigt sich allmählich dem Ende zu. Kleine und vor allem mobile Endgeräte werden den Alleskönner PC früher oder später ablösen, prophezeien etwa Experten von Forrester Research. In dieser Internetwelt ist für komplexe Softwareprogramme aus einer Pappschachtel immer weniger Platz. Auch wenn Gates an diesem Abend in München viel von der Zukunft der IT-Welt redet, Microsoft lebt bis heute mehr oder weniger von den Klassikern, hat sich nicht vom 30 Jahre alten Stammgeschäft lösen können. Immer noch sind die Betriebssysteme und das Bürosoftware-Paket Office die Umsatz- und Ertragsbringer. Im Internet etwa bei Portalen und Suchmaschinen spielt Microsoft kaum eine Rolle, auch im Markt für Firmensoftware hat der Konzern massiven Nachholbedarf. Analysten von Forrester und Citigroup glauben deshalb, dass Gates Stabübergabe Microsoft neuen Schwung verleihen kann.Gates versucht sich derweil mit Visionen jenseits der IT. Vor wenigen Wochen stieg er mit seiner Investmentfirma Cascade beim Biosprithersteller Pacific Ethanol ein. Und nun will er mit Prinz Alwaleed Bin Talal für drei Milliarden die Hotelkette Four Seasons übernehmen. Welche Vision hinter dem neuesten Coup von Bill Gates steckt, blieb gestern jedoch unklar.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.11.2006