Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der smarte Sonnyboy

Von Michael Maisch
Der Gründer des kalifornischen Hedge-Fonds Clarium Capital Management, Peter Thiel, hat seinen Geldgeber hohe Renditen beschert. Thiels aktuelle ökonomische Weltsicht entspricht jedoch nicht unbedingt seinem sonnigen Charakter. Er glaubt, dass die Weltwirtschaft auf der größten Liquiditätsblase aller Zeiten sitzt, und aus der muss irgendwann die Luft entweichen..
LONDON. Müsste man ein Idealbild des ?All American Boy? zeichnen, dann stünden die Chancen ziemlich gut, dass es eine gewisse Ähnlichkeit mit der Physiognomie von Peter Thiel aufwiese: kurze dunkelblonde Haare, blaue Augen, ein kantiges Gesicht und ein scheinbar unauslöschliches Dauerlächeln. Tatsächlich entspricht die beinahe mühelos anmutende Karriere des 39-Jährigen diesem sonnigen Image bislang ziemlich exakt.Thiels Begeisterungsfähigkeit und Mitteilungsbedürfnis erinnern an einen großen Jungen, der gerade ein neues Spielzeug entdeckt hat. In diesem Fall ist das Spielzeug, das sich der Amerikaner mit deutschen Wurzeln vor fünf Jahren quasi selbst zum Geschenk gemacht hat, ein eigener Hedge-Fonds mit dem Namen Clarium, der inzwischen immerhin zwei Milliarden Dollar verwaltet. Manche Investoren sehen in dem Wunderkind, das während des großen Techbooms vor der Jahrtausendwende reich wurde, bereits den nächsten George Soros.

Die besten Jobs von allen

Wie der legendäre Fondsmanager, der Anfang der 90er-Jahre das britische Pfund aus dem europäischen Währungssystem herausspekulierte, hat Thiel eine ausgesprochen ausgeprägte Weltsicht, wenn es um die Lage der globalen Ökonomie geht. Und wie Soros setzt er das Geld seiner Kunden darauf, dass diese Meinung richtig ist. Clarium Capital wettet auf langfristige ökonomische Trends ? im Fachjargon heißt diese Strategie ?Global Macro? ? und setzt dafür alle Arten von Finanzinstrumenten ein, von Rohstoffen über Devisen, Aktien und Anleihen bis zu Derivaten jeglicher Couleur.Doch zurück zum Anfang: Thiel wird 1967 in Frankfurt geboren, lebt dort aber nur kurz. Dank der Reiselust seines Vaters, eines Ingenieurs, besucht er Schulen in den USA, Namibia und Südafrika. Die Odyssee endet schließlich in Kalifornien. Nach der High-School studiert Thiel Philosophie und Jura in Stanford und gründet nebenbei die konservative Wochenzeitung Stanford Review. Es folgt ein kurzes Zwischenspiel als Anwalt; danach wechselt Thiel als Händler zur Investmentbank Credit Suisse. 1998 gründet er seinen ersten eigenen Hedge-Fonds.Doch nur wenige Monate später, an einem heißen Sommertag im August, ändert sich Thiels Karriere schlagartig. Bei einem Vortrag über internationale Finanzströme in Stanford trifft er den Informatikstudenten Max Levchin. Der will, wie so viele damals, ein Internet-Unternehmen gründen. Nur wenige Wochen später hängt Thiel seine Hedge-Fonds-Karriere an den Nagel und steigt mit rund einer viertel Million Dollar als Vorstandschef bei Levchins blutjunger Firma ein ? einem Online-Bezahldienst namens Paypal.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Thiels Rat an die Anleger: Alle Sektoren meiden, in die massiv Petro-Dollar fließen.Thiel steuert Paypal durch die Untiefen des Internetbooms und führt die Firma 2002 an die Börse. Wenige Monate später übernimmt die Auktionsplattform Ebay das Unternehmen für 1,5 Milliarden Dollar. Thiels Anteil wird auf vergleichsweise bescheidene 60 Millionen Dollar geschätzt.Nach dem erfolgreichen Ausflug in die Internetbranche zieht Thiel nach San Francisco und kehrt zurück zu seinen Wurzeln: den Hedge-Fonds. Aus einem Hotel-Apartment heraus beginnt er, Clarium Capital aufzubauen. Seither ist der Fonds nicht nur in einen futuristischen Bürokomplex in der Nähe der Golden-Gate-Bridge umgezogen, er hat den Anlegern beachtliche Erfolge beschert. Im Schnitt warf der Fonds seit seiner Gründung eine Rendite von über 33 Prozent ab. 2005 wurde Clarium zum ?Macro Fund of the year? gewählt. 2006 lief es allerdings nicht optimal, der Fonds lag mit fast acht Prozent im Minus. Thiels Markteinschätzung hatte sich als zu pessimistisch erwiesen.Thiels aktuelles Thema ist die große Liquditätswelle, die in den vergangenen Jahren die Preise fast aller Vermögensklassen rasant nach oben getrieben hat. Seiner Meinung nach kommt das viele Geld, das die Weltwirtschaft überschwemmt und von dem auch die Hedge-Fonds profitieren, vor allem aus einer Quelle: Petro-Dollar. Die Argumentationskette verläuft vereinfacht so: Die arabischen Öl-Staaten und Russland pumpen ihren schnell wachsenden Reichtum zurück in die internationalen Finanzmärkte. Dort wird das Vermögen mit Krediten weiter angereichert und investiert. Dadurch werden Kurse und Preise an vielen Märkten aufgebläht. Eine Schlussfolgerung aus dieserThese ist, dass die internationalen Notenbanken ihre Leitzinsen deutlich stärker erhöhen müssen als bislang von den Märkten antizipiert ? mit entsprechend negativen Langfristfolgen für Konjunktur und Aktienmärkte. Thiels Rat an die Anleger: All jene Sektoren meiden, in die massiv Petro-Dollar fließen, zum Beispiel Londoner Immobilien oder chinesische Aktien.Doch die Lage der Weltwirtschaft ist nicht alles, was Thiel interessiert. Nebenbei schreibt er politische Bücher und produzierte 2005 den Hollywood-Film ?Thank you for Smoking?. Aber seine Energie und sein Geld fließt auch in umstrittene Projekte. 3,5 Millionen Dollar spendete Thiel für den Cambridge-Wissenschaftler Aubrey de Grey und dessen Suche nach Unsterblichkeit. De Grey forscht über die ?Heilung? des menschlichen Alterns, das er als Krankheit ansieht, die therapiert werden kann und sollte.In seiner eigenen Branche diagnostiziert Thiel übrigens keine Blase. Die von einigen Notenbankern und Politikern befürchtete große Hedge-Fonds-Krise droht seiner Meinung nach erst, wenn die deutschen Anleger beginnen sollten, in großem Stil ihr Erspartes in die spekulativen Fonds zu pumpen. ?Wenn die risikoscheuen Deutschen auf einen Zug aufspringen, dann steht er wahrscheinlich kurz vor dem Entgleisen?, sagt Thiel. Das hätten der Technologieboom vor der Jahrtausendwende und die bitteren Erfahrungen der deutschen Anleger mit dem Neuen Markt bewiesen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Boombranche HedgefondsAufschwung: Hedge-Fonds erlebten in den vergangenen zehn Jahren einen rasanten Aufschwung. 1997 lag das verwaltete Vermögen noch bei rund 500 Mrd. Dollar. Inzwischen hat sich die Summe in etwa verdreifacht. Gleichzeitig ist die Zahl der Hedge-Fonds rasant von rund 3 000 in Richtung 10 000 gestiegen. Ein Ende des Trends ist derzeit nicht abzusehen. Eine Studie der Investmentbank Goldman Sachs prognostiziert, dass Hedge-Fonds 2007 rund ein Viertel mehr Kapital einsammeln werden als im vergangenen Jahr.Keine Grenzen: Hedge-Fonds sind bei ihren Investments keine Grenzen gesetzt. Die Fonds können auch bei fallenden Kursen Geld verdienen und bedienen sich einer Vielzahl von Strategien. Sie investieren in Rohstoffe, Devisen, Aktien, Anleihen und Derivate aller Art.Gestreutes Risiko: Großinvestoren investieren in Hedge-Fonds, weil sie das Risiko in ihren Portfolios breiter streuen wollen. Von den spekulativen Fonds erwarten sie Erträge die unabhängig von den Entwicklungen an den Finanzmärkten sind. Im vergangenen Jahr erzielten die Hedge-Fonds eine Rendite von im Schnitt 14 Prozent.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.05.2007