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Der Serien-Gründer

Von Thomas Knüwer, Handelsblatt
Mit dem Online-AuktionshausRicardo wurde er erst gefeiert, dann verteufelt. Doch Stefan Glänzer will das Unternehmertum nicht sein lassen. Mittlerweile betreibt er 20Six, einen Marktplatz für Texte und Meinungen.
Weblog-Plattform 20six.de
HB HAMBURG. Ein Tagebuch im Internet, das sich sogar per SMS mit flüchtigen Eindrücken und per MMS mit Bildern füllen lässt, das hätte Warhol zugesagt, der sich so gern fotografierte, filmte und malte. Auch er hätte vermutlich Gefallen gefunden am derzeit größten Wachstumsfeld des Internets: der Weblogs oder kurz Blogs.Und die Nummer eins unter den Weblog-Plattformen in Europa gründete der Hamburger Stefan Glänzer vor einem Jahr zusammen mit seinen Freunden Stefan Wiskemann und Christoph Linkwitz: die 20Six AG.

Die besten Jobs von allen

Wer nicht mehr an Gründergeist in Deutschland glaubt, der braucht eine Portion Glänzer am Morgen. Da sitzt ein entspannter 42-Jähriger mit reichlich Unternehmererfahrung und erzählt von seiner Firma begeistert wie ein Fußballfan vom entscheidenden Tor zur Meisterschaft: ?Ich finde, es gibt nichts Schöneres, als eine Firma hochzuziehen.?Das tat er schon 1991, direkt nach der Promotion ? zusammen mit Wiskemann und Linkwitz. ?Keine Ahnung? hatten die drei, als sie beschlossen, ?irgendwas mit Medien? zu machen, erzählt Glänzer. Heraus kam die Werbeagentur Companions. Es folgte ein Verlag, der Bücher im Auftrag von Unternehmen produzierte, zum Beispiel den Milky-WayStadtführer ?Hamburg mit Kind?. ?Ich wollte immer arbeiten ohne ökonomischen Druck. Die universitäre Atmosphäre, mancher nennt es Elfenbeinturm, fand ich immer sehr angenehm: Sich mit etwas auseinander setzen um der Sache willen, nicht um die Miete zu bezahlen.?Spätestens jetzt schreien sie auf, die Gepeinigten der New Economy, die mit den abgestürzten Aktiendepots und den menschenunwürdigen Kündigungen: Nicht schon wieder blumige Sprüche aus den Mündern der Herren Glänzer/Wiskemann/ Linkwitz. Lieferten die doch eine Idealkarriere aus der Zeit, als heiße Luft Anlegern und Angestellten Haut und Hirn verbrannten.Ricardo nannten sie ihr Online-Auktionshaus, das im Sommer 1998 startete. Ein Jahr später ging es an die Börse, der Kurs schoss von 28 auf 200 Euro. Wer damals die Firmenzentrale im futuristischen Fährterminal des Hamburger Hafens besuchte, erlebte die edle Seite der New Economy: lichte Räume, gefüllt mit überarbeiteten jungen Leuten, die keinen Blick hatten für die Ozeanriesen, die vor den Panoramafenstern vorbeizogen.Und mittendrin wirbelnde Chefs mit Glänzer als Motivator. Lieblingsforderung: ?Speed, Speed, Speed?. Trotzdem erinnert sich Matthias Quaritsch, Ex-Sprecher von Ricardo, gern an diese Zeit: ?Stefan war extrem umgänglich. Er versuchte, alle Leute glücklich zu machen. Man hatte nie das Gefühl, er könnte die Nerven verlieren. Und über Erfolge freute er sich wie ein kleines Kind.? Doch auch die Chefs wurden davongetragen vom Rausch.Wer Glänzer auf diese Zeit anspricht, nimmt ihm den Schwung, sein Redefluss stockt: ?Es wäre richtig gewesen, sich auf die 100 Millionen deutschsprachigen Nutzer zu fokussieren. Das haben wir nicht erkannt.? Am Morgen des 16. Mai 2000 verkündeten die Gründer ihren Mitarbeitern, dass Ricardo an den englischen Rivalen QXL verkauft wird. Gemeinsam wolle man Europa erobern. Die Stimmung kippt: Für die einen sind die Gründer gescheitert, für die anderen Abzocker. ?Das hätten wir unseren Mitarbeitern besser kommunizieren können. Daraus lernt man?, gibt Glänzer zu.Zum Zeitpunkt des Verkaufs war Ricardo rund 160 Millionen Euro wert. Zwar rauschte der Kurs des vereinigten QXL Ricardo danach weiter nach unten, doch dürfte den dreien nach Ablauf der Lockup- Frist ein zweistelliger Millionenbetrag übrig geblieben sein. Zumindest sprang genug heraus, damit Glänzer mit seiner Frau nach London ziehen konnte, in die Nachbarschaft von Madonna, die ihn zu ihrer Hochzeit einlud. Folge: Noch mal galt er als Profiteur des Untergangs. ?In diesen Monaten ist so viel über uns geschrieben worden, von übertrieben positiv bis übertrieben negativ. Was soll man da machen??In Rente wollte das Gründerteam aber nicht: ?Dass wir wieder etwas machen wollten, war klar.? Alle paar Monate trafen sich die drei zu Strategiesitzungen. Auch wenn es kein Unternehmen gab, das eine Strategie brauchte: Aus dem Tagesgeschäft von Companions hielten sie sich seit Ricardo schon heraus.Heraus kam statt eines Marktplatzes für Waren ein Marktplatz für Texte und Meinungen: 20Six. Der Name erinnert an die 26 Buchstaben des Alphabets und daran, ?dass jeder jeden über sechs Ecken kennt?. Derzeit gehen die drei ihr neues Werk ruhig an: Nur zwei feste Mitarbeiter hat 20Six, beides IT-Leute. Dazu kommen drei Länderchefs, denn auch in England, Frankreich und den Niederlanden ist das Unternehmen aktiv ? ganz ohne Werbung: ?Wir haben alle Marketingaktivitäten Ende 2003 eingestellt.?Und wie ist das mit dem ökonomischen Druck? ?Der Flexibilitätsgrad hat gigantisch zugenommen?, sagt Glänzer. Ganz nebenbei startete er vergangene Woche auch noch ein Private-Equity-Unternehmen, das englisches Geld mit dem deutschen Mittelstand zusammenbringen soll: ?Wir sind in der Lage, Unternehmen so zu gründen, wie wir es wollen ? Unternehmerherz, was willst du mehr??
Dieser Artikel ist erschienen am 04.03.2004