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Der schwerste Job Frankreichs

Von Christoph Nesshöver, Handelsblatt
Uralte Technik, zu viele Mitarbeiter und Filialen: Jean-Paul Bailly soll Frankreichs La Poste fit machen für den Wettbewerb.
PARIS. Besucht Jean-Paul Bailly seine Mitarbeiter, wirft er oft zuerst einen Blick in die Toiletten. Sind die nicht tipptopp, lässt er nachrüsten. Um das Tagwerk seiner Briefträger im Detail zu erfahren, schwingt sich der Chef auch mal aufs Postrad. Und flackert eine Neonröhre im Umkleideraum, wird sie umgehend ausgetauscht. Das nennt Bailly die ?Strategie der kleinen Kieselsteine?. Sein Kalkül: Stimmt es im Kleinen, setzen sich die Kollegen auch gerne mit aller Kraft für die Firma ein ? und für ihren Chef.Bailly kann jede Hilfe gebrauchen. Denn der 57-Jährige hat den wohl schwierigsten Management- Job, den es in Frankreich gibt: Er soll den 300 000 Beschäftigten des Staatskonzerns La Poste den Wettbewerb beibringen und Konkurrenten wie die Deutsche Post World Net einholen. Am heutigen Donnerstag will Bailly beweisen, dass er den Anfang geschafft hat: Erstmals legt er im eleganten, neuen Hauptquartier Jahresergebnisse vor, für das erste Geschäftsjahr, das er ganz verantwortet.

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?Referenzgrößen und Bedrohung zugleich? seien die großen Konkurrenten, sagt Bailly und lässt die braunen Augen über die Skyline schweifen, die hinter den Fenstern seines Speisesaals strahlt: Eiffelturm, Invalidendom, Sacre-C?ur.Aber einschüchtern lässt er sich nicht. Er will den Heimatmarkt verteidigen und ?im Ausland die Konkurrenten angreifen?. Beim Paketgeschäft ist La Poste bereits Europas Nummer drei mit Beteiligungen in Deutschland, Großbritannien, Spanien, Portugal und Polen. Der neue Wettbewerb ? das Briefmonopol fällt 2009 endgültig ? ?ist auch eine große Chance für uns?.Um sie zu nutzen, muss Bailly allerdings Berge versetzen. Während sich die Deutsche Post längst zu einem globalen Logistikkonzern gewandelt hat, ist Frankreichs Post noch immer eine träge Behörde. Deshalb holte ihn die Regierung vor 18 Monaten: Er weiß, wie man Behörden auf Vordermann bringt. Seine gesamte Berufslaufbahn verbrachte Bailly bei den Verkehrsbetrieben von Paris, der RATP. Er trieb zwar den Metro- und Busfahrern den Schlendrian aus, aber harte Konflikte mit den Gewerkschaften vermied er. Seine Kieselstein-Strategie funktionierte: Die RATP erzielt Gewinne.Bei La Poste aber sind die Kiesel so groß wie Hinkelsteine. Beispiel Briefsortierung: ?Ein wenig über-holt? sei das System von La Poste, deutet er mit einem Hauch von Ironie an und legt dann Fakten auf den Tisch. Er erzählt von Sortierzentren mit mehreren Etagen, die mitten in der Stadt liegen und am Verkehrschaos ersticken: Albträume eines Logistikers. Bailly legt die hohe Stirn, auf der sich noch ein Haar-Inselchen stur behauptet, in Falten. Bis 2010 will er 3,4 Milliarden Euro in neue Sortierzentren stecken.Die Modernisierung bedeutet Stellenabbau ? noch immer ein Tabu im öffentlichen Dienst Frankreichs. La Poste ist überbesetzt. 50 Milliarden Euro Pensionsverpflichtungen schiebt der Konzern vor sich her. 17 000 Filialen unterhält er im ganzen Land ? so viele wie 1954. Ein Bericht des Französischen Senats befand: ?La Poste dem Wettbewerb auszusetzen ist so, als sollte jemand 100 Meter springen mit einem Sack Zement auf dem Rücken.?Bailly kann Änderungen nur sanft durchsetzen, denn immer, wenn er ein Postbüro in der Provinz schließt, protestieren Bürgermeister und Parlamentarier. Er setzt auf das, was seine Freunde zugleich für seine größte Stärke und seine größte Schwäche halten: ?Er sucht immer so lange wie möglich nach einem Konsens?, sagt sein Pressechef Vincent Relave, der schon vor 35 Jahren gemeinsam mit Bailly Rugby-Eiern hinterherhetzte.Mittlerweile hat Bailly auf Tennis umgesattelt, und auch beim Konzernumbau vermeidet er Körperkontakt. In diesem Jahr reduziert er die Belegschaft um bescheidene 5 000. Nur die Hälfte der durch Pensionierungen frei werdenden Stellen wird ersetzt. Aber schneller geht es nicht, weiß Bailly. Er lässt sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen, wie auch sonst in seinem Berufsleben nicht. Nur einmal sei Bailly aus der Fassung geraten, erzählt Vincent Relave. Das war an dem Tag, als ein Zug in einem Pariser Bahnhof schwer verunglückte.Immerhin: Ein wichtiger Schritt beim Umbau der Behörde ist ihm gelungen. Im Herbst einigte er sich mit dem Staat auf ein neues Postgesetz. Das erlaubt ihm, das Bankgeschäft zu erweitern. Doch er bekam nicht alles, was er wollte ? auch weil die Großbanken Sturm liefen gegen den Konkurrenten, der mehr Filialen hat als sie alle zusammen. Auf das lukrative Geschäft mit Konsumkrediten muss er verzichten.Analysten halten ihm vor, das neue Gesetz sei eine Niederlage. Der Postchef verteidigt sich: ?Wenn ich den Plan unterschrieben habe, dann zeigt das, dass ich damit zufrieden bin.? In Vorstandskreisen heißt es, das neue Gesetz sei nur der erste Schritt: ?Alles andere wird von nun an viel schneller kommen.?Nur nicht die Privatisierung von La Poste, ?die steht nicht auf der Tagesordnung?, sagt Bailly. Er brauche keinen Börsenglamour, um einen Konzern zu schaffen. ?Es gibt Ferraris, und es gibt auch sehr schöne Dieseltourenwagen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 22.04.2004