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Der Schweizer Maut-Held

Von Jan Dirk Herbermann, Handelsblatt
Uhlmann ist ein Experte. Er führt die Firma Fela aus dem schweizerischen Diessenhofen ? einen Anbieter von Mautsystemen, weltweit tätig. Schon am 24. Oktober 2002 schickte Uhlmann eine Art Warnbrief an Stolpe.
DIESSENHOFEN. Der Stolpe. Mein Gott, der Stolpe. Über den kann Ernst Uhlmann viele Geschichten erzählen. Am 23. August 2003 trafen sich der Schweizer Unternehmer und der deutsche Verkehrsminister in Berlin. ?Der Stolpe war noch völlig davon überzeugt, dass die Maut in Deutschland am 1. September 2003 kommt?, erinnert sich Uhlmann.Der 60-Jährige läuft in seinem extrem gut aufgeräumten Büro hin und her. Draußen schneit es, rund 300 Meter entfernt verläuft die Grenze zu Deutschland. Uhlmann telefoniert, surft im Internet, redet dabei weiter. ?Der Stolpe wollte einfach nicht den Warnungen der Experten glauben.?

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Uhlmann ist so ein Experte. Er führt die Firma Fela aus dem schweizerischen Diessenhofen ? einen Anbieter von Mautsystemen, weltweit tätig. Schon am 24. Oktober 2002 schickte Uhlmann eine Art Warnbrief an Stolpe. ?Sehr geehrter Herr Bundesminister Dr. Stolpe, als Unternehmer erlaube ich mir, Sie ohne Umschweife auf die Einführung des LKW-Mautsystems im nächsten Jahr anzusprechen und Sie auf ein zu erwartendes Debakel hinzuweisen.? In der Branche ist der Brief inzwischen Kult.Uhlmann kommt in Fahrt: Zunächst wollte die Fela alleine das Mautsystem für die Bundesrepublik stemmen. Zwar bekam er im April 2001 eine Absage aus Berlin. Aber er hat nachgelegt. Sein Angebot: Fela könnte der Pannen-Crew von Toll Collect jetzt auf die Sprünge helfen.Womöglich denkt der Minister inzwischen sogar ähnlich. Gestern sagte Stolpe bei einer Sitzung des Verkehrsausschusses in Berlin, dass er es sich zur Lösung des Konflikts vorstellen könne, weitere Unternehmen als Partner in das aus Daimler-Chrysler und Deutscher Telekom bestehende Konsortium aufzunehmen. Der Bund, so Stolpe weiter, erwarte ?mehr Sicherheit? bei der Realisierung des Projekts. Dies könne geleistet werden durch neue Partner, die nachgewiesen hätten, dass ihre Technik funktioniert. Schon am Wochenende soll darüber eine Entscheidung fallen.Uhlmann sagt: ?Ich will nicht überheblich sein, aber ich glaube, wir würden es besser machen und Deutschland hätte in absehbarer Zeit sein Mautsystem.? Wieso meint ein mittelständischer Unternehmer aus der Schweiz, er sei besser als die deutschen Weltkonzerne Daimler-Chrysler und Telekom? Ist Uhlmann vielleicht doch überheblich?Auf diese Frage hat Uhlmann gewartet: Immerhin, er lehnt sich zurück, führte seine Firma die Schweizer LKW-Maut ein ? zusammen mit Partnern. ?Das hat alles geklappt. Tiptop. Natürlich mussten wir Tag und Nacht rotieren.? Ein Sprecher der Eidgenössichen Oberzolldirektion in Bern, die für die Maut zuständig ist, bestätigt: ?Fela war ein ausgezeichneter Lieferant.?Aber die Schweiz hat gerade mal die Größe eines deutschen Bundeslandes. Ist ganz Deutschland nicht eine Nummer zu groß für Fela? Auch diese Frage musste kommen, und Uhlmann hat die Antwort parat: ?Die Größe ist schon ein Faktor, aber nicht ausschlaggebend.?Was denn nun? Jetzt antwortet der gelernte Fernmeldemonteur und Elektroingenieur in der Sprache der Amerikaner: ?Keep it simple and keep it stupid.? In den USA lernte Uhlmann, dass einfache Lösungen oft die besten sind. Und sein System ist einfach. ?Wir würden es aber nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen, gewiss braucht es Änderungen.?Uhlmann kennt Deutschland, den ?großen Kanton?, wie die Eidgenossen sagen. Er hat in Villingen- Schwenningen und Heidelberg gearbeitet. Er lobt die deutschen Ingenieure. ?Wissen Sie, die Ingenieure von Toll Collect tragen keine Schuld an dem Desaster, die Politik und das Top-Management der Unternehmen sind verantwortlich.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.02.2004