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Der Schweiger entlässt seinen Sprecher

Von Oliver Stock, Zürich
Mit 80 Jahren hat Otto Beisheim entschieden, dass Erwin Conradi für sein Fortkommen nicht mehr nötig ist. Conradi erlebt einen Sturz - aber er fällt immerhin weich.
HB ZÜRICH. Otto Beisheim, der wegen seines Vermögens und seiner Geheimniskrämerei gern als ?düsterer Rockefeller? bezeichnet wird, hat sich von dem Mann getrennt, der diesen Mythos geschaffen hat: Erwin Conradi. Dies geht aus einer neun Zeilen langen Mitteilung hervor. Sie wird ? auch das ist typisch für den Schweiger Beisheim ? nicht in den Medien verbreitet, wer sie haben will, der muss sie sich beim Pförtner der Beisheim Holding im steuergünstigen Schweizer Kanton Zug abholen.Warum aber entlässt ein Geschöpf seinen Schöpfer? Der nach außen stets hemdsärmelig und mitunter geradezu halsstarrig auftretende Conradi ist lange Vorstand und später Aufsichtsratschef beim Handelsriesen Metro. Die Metro Group, wie sie sich nennt, um ihren internationalen Anspruch zu unterstreichen ? das sind knapp 250 000 Angestellte, die in 28 Ländern mehr als 50 Milliarden Euro Umsatz machen. Kaufhof und Real, Extra und Praktiker, Media Markt und Saturn, natürlich die Metro-Großmärkte ? all das gehört zu dem Imperium, das Conradi geformt hat. Vor vier Jahren dann kommt der Knick: Conradi zieht in einem internen Machtkampf mit Vorstandschef Joachim Körber den Kürzeren. Er muss sein Büro in der Düsseldorfer Metro-Zentrale räumen.

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Doch dank Otto Beisheim fällt Conradi weich. Seine Sekretärin, seine Telefonnummer und seinen Learjet darf der Manager behalten und sich künftig ganz den Finanzen des Multimilliardärs widmen.Hinter der kameraüberwachten Eingangstür im dritten Stock eines Düsseldorfer Bürogebäudes, nur einen Kilometer Luftlinie von der Metro-Zentrale entfernt, leitet Conradi von nun an die O.B.V., die Otto Beisheim Vermögensverwaltungsgesellschaft. Seinen Einfluss auf den damals 77-jährigen Beisheim hat der zehn Jahre jüngere Conradi nicht verloren. Gemeinsam mit dem bereits früher gefeuerten zweiten Beisheim-Intimus Hans-Dieter Cleven ist er nicht nur der Vermögensverwalter des Wahl-Schweizers Beisheim. Zusammen stehen beide auch der Beisheim Holding GmbH vor, die zwischen Boris Beckers und Günter Netzers Firma in Baar bei Zug ihren bescheidenen Sitz hat. Damit verwaltet Conradi Beisheims Metro-Anteil von 18,9 Prozent. Er widmet sich aber auch dessen zweitem unternehmerischem Lebenswerk: Unter dem Dach der 1999 gegründeten Schweizer Holding hat der stille Milliardär Unternehmensbeteiligungen mit dem Schwerpunkt Internet gebündelt.Conradi tritt auch hier an, um Neues zu schaffen. Unter seiner Betreuung mutiert die Holding zum Finanzinvestor, der über zig Tochtergesellschaften Beteiligungen an mehr als 70 Unternehmen hält und so 5 000 Mitarbeiter beschäftigt. Gleichzeitig strickt Conradi an der Legende Beisheim. Wo er kann, kontrolliert er das öffentliche Bild des scheuen Selfmade-Manns. Bei der Feier zum 80. Geburtstag des Metro-Gründers in Berlin tritt nicht etwa Beisheim, sondern Conradi in der Öffentlichkeit auf. Ein ums andere Mal ist es Conradi, der Beisheim Gestalt gibt.Unermüdlich wiederholt er dessen Geschichte vom Aufstieg: kein Abitur, kein Studium, kein Startkapital. Nach einer unklaren, auf jeden Fall aber nicht rühmlichen Rolle unter der Nazidiktatur arbeitet sich der 21-jährige Beisheim vom Lehrling im Lederwarengeschäft zum größten Händler Deutschlands hoch. Zusammen mit den Familien Schmidt-Ruthenbeck und den Haniel-Erben kontrolliert Beisheim heute 55,7 Prozent der Metro-Aktien. Die Familien hatten den Unternehmer schon unterstützt, als er in den 60er-Jahren seine ersten Großmärkte eröffnete.Beisheim konzentriert sich nie nur aufs Geschäft mit Tunfischdosen und Schokoriegeln. 1990 kauft er 2 500 Filme vom chronisch finanzschwachen Medienunternehmer Leo Kirch und sorgt so vorübergehend für etwas mehr Geld in der Kasse des klammen Filmhändlers. Das ist dann aber auch alles, was die Biografie und die Conradi-Interpretation offiziell über den 1,88 Meter großen Mann mit dem silbergrauen Haar hergeben.Wer ihn dann bei einem Glas Wasser fragt, erfährt von Conradi noch ein bisschen wohl Dosiertes mehr über Beisheims Lebensstil. Der mittlerweile 80-Jährige verteilt seine Aufenthalte auf angenehme Orte wie Lugano, Miami Beach und Rottach Egern. Ist er in seinem Landhaus am Tegernsee, geht er fast täglich in Bad Wiessee auf den Golfplatz.Dessen Ausbau von neun auf 18 Löcher hat er selbst finanziert. Außerdem hat er eine Hand voll Kindergärten rund um den See gestiftet, etliche Notarzt- und Krankenwagen, Vereinsheime für Gebirgsschützen, Turner und Fußballer. ?Herr Beisheim ist immer sehr großzügig?, loben die Bürgermeister vom Tegernsee. ?Und sehr normal?, fügen die Kommunalpolitiker hinzu. Bedingungen, an die der Wohltäter seine Spenden knüpft, sind ihnen nicht bekannt. Wie sollte er auch?Wenn er Bedingungen stellte, wäre mit einem Schlag etwas über Beisheims Vorlieben ersichtlich. Und das will er nicht. ?Herr Beisheim hat sich vor langer Zeit entschieden, nicht mit der Öffentlichkeit zu sprechen?, sagt Weggefährte Conradi. Warum nicht? ?Weil er es für das Fortkommen seines Unternehmens entbehrlich hält.? So einfach ist das.Jetzt allerdings muss Conradi einsehen, dass er selbst für Beisheims Fortkommen entbehrlich ist. Der große Schweiger hat seinen einzigen Sprecher entlassen. ?In der Beisheim-Unternehmensgruppe werden seit einiger Zeit die Beteiligungen und organisatorischen Zuständigkeiten neu geregelt.? In Zusammenhang damit scheide Conradi aus allen seinen Funktionen aus, heißt es.Keine triftigen Gründe, keine Worte des Dankes schmücken die Mitteilung. Das Zerwürfnis zwischen dem Paar, das für sich in Anspruch nimmt, den Handel neu erfunden zu haben, muss tief sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.09.2004