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Der schwarze Panther aus Gütersloh

Von Hans-Peter Siebenhaar
Ewald Walgenbach hat bei Bertelsmann große Pläne: Mit dem Buchhandel will er Europas Nummer eins werden ? und Nachfolger von Gunter Thielen. Doch noch haben sich Liz und Reinhard Mohn offenbar nicht entschieden, wer den Chefsessel im Medienkonzern bekommen soll. Ein Handelsblatt-Report.
Bertelsmann-Vorstand Ewald Walgenbach (ganz links) neben seinem Kollegen Bernd Kundrun und Konzernchef Gunter Thielen. Foto: ap
LISSABON. In der Altstadt von Lissabon ist die Bücherwelt noch in Ordnung. Seit 1732 residiert die Buchhandlung Bertrand in der Rua Garrett im lebhaften Chiado-Viertel. In goldenen Lettern prangt das Gründungsjahr der größten Buchhandelskette Portugals an der Hausfassade. Dahinter verbirgt sich für die Kundschaft ein veritables Labyrinth. Räume in verschiedenen Häusern sind über kleine Flure und Gänge miteinander verbunden. Aus den Holzregalen in barocker Opulenz leuchten die Bestseller wie Unikate.Alles deutet darauf hin, dass die Bücherwelt hier noch stimmt, wenn auch der neue Eigentümer ein fremder Riese ist. Vor einem Vierteljahr wechselte Bertrand den Besitzer. Bertelsmann übernahm den lokalen Branchenprimus mit seinen 48 Filialen für 25 Millionen Euro.

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Ewald Walgenbach, Vorstand der Bertelsmann Direct Group und verantwortlich für das Buchgeschäft, hat mit der Ladenkette am Rande Europas Großes vor. Die portugiesische Kette soll als Vehikel dienen, um den Buchhandel auch in Spanien aufzurollen. ?Der Markt ist noch wenig konsolidiert. Da gibt es noch viel Platz für Wachstum?, sagt Walgenbach. Nächstes Jahr soll es losgehen: Dann werden in Spanien alle zwölf Monate sechs neue Buchhandlungen neu eröffnen.Der doppelte Angriff auf der Iberischen Halbinsel ist Teil einer breit angelegten Buch-Offensive der Gütersloher. Bertelsmann will rasch zum größten Buchhändler Europas aufsteigen. Für Spartenchef Walgenbach könnte es das Empfehlungsschreiben an die Familie Mohn sein, ihn bei der Nachfolge von Bertelsmann-Lenker Gunter Thielen nicht zu übergehen. Thielen wird spätestens Ende 2007 die operative Leitung abgeben und an die Spitze der Bertelsmann-Stiftung wechseln.Noch gilt Hartmut Ostrowski, Chef der Druck- und Mediendienstleistungssparte Arvato, als Favorit auf die Thielen-Nachfolge. Doch Walgenbach holt nach Meinung von Firmenkennern mächtig auf.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auch im Inland ist der Turnaround gelungen Im ersten Halbjahr glänzte der ehemalige Berater der Boston Consulting Group erstmals mit schwarzen Zahlen für das weltweite Buchklubgeschäft. Und: Keine Einheit erzielte mehr Erlöse im Zukunftsmedium Internet als die Direct Group. ?In diesem Jahr machen wir einen Umsatz von rund 400 Millionen Euro mit unseren Online-Geschäften?, schwärmt Walgenbach in Lissabon. Mehr als ein kleiner Seitenhieb auf Arvato und Ostrowski, der sich gerne mit seinen Internetgeschäften rund um allerlei Tauschbörsen und Online-Beratungen brüstet.Auch im Inland ist Walgenbach der Turnaround gelungen. Erstmals nach knapp acht Jahren führt er das deutsche Buchklubgeschäft aus den roten Zahlen. 100 Millionen Euro an Verlusten haben die Filialen in diesem Zeitraum angehäuft. ?Wenn wir jetzt eine schwarze Null schaffen, ist das eine große Leistung?, lobt sich Fernando Carro selbst, seit November vergangenen Jahres Chef des deutschen Buchklubs. Walgenbach hat den Katalanen vom spanischen Klub Circulo de Lectores geholt.Jetzt muss Walgenbach weitere Ergebnisse liefern. Den Verantwortlichen wird bloßes Wachstum nicht reichen, auch die Kapitalrendite muss stimmen. Denn nachdem sich die Patriarchen-Familie Liz und Reinhard Mohn für den 4,5 Milliarden Euro teuren Rückkauf der Anteile des belgischen Investors Albert Frère entschied, wird in Ostwestfalen eisern gespart. Die große Ausnahme: Nur Walgenbach darf weiter kräftig investieren.Ob in Walgenbachs schöner neuer Bücherwelt noch Platz für traditionelle Buchhandlungen wie die verwinkelte Bertrand-Filiale in der Lissabonner Altstadt ist, erscheint indes fraglich. Walgenbach fabuliert stattdessen von internetgestützten Bücherwarenhäusern mit eigenen Cafés, noch dazu in klimatisierten Einkaufszentren und nicht länger in historischen Gassen. Natürlich hat das neue Bücher-Warenhaus sieben Tage in der Woche bis Mitternacht geöffnet.Sven Huber, ehemals Berater von McKinsey und seit Jahren im Dienst des iberischen Bertelsmann-Buchklubs Circulo de Lectores, führt durch das neue, gläserne Einkaufszentrum Vasco da Gama am Rande Lissabons. Schon prangt dort das weiße B für Bertrand auf rotem Grund am Eingang.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zusammengehen zwischen Bertelsmann und Thalia Die Geschäfte mit den Kettenläden in den seelenlosen Malls nach US-Vorbild laufen gut. So gut, dass Walgenbach, der mit seiner fast schwarzen Brille aussieht wie Malcom X von den Black Panthers, ins Schwärmen gerät: ?Wir haben große Erwartungen an das Zusammenspiel von Buchhandel und Klub.? Das gilt neuerdings offenbar auch wieder für den deutschen Markt, wo Bertelsmann über neue Vertriebsformen nachdenkt. Mit Thalia, der Buchhandelssparte des Hagener Handelskonzerns Douglas, gibt es bereits erste Gespräche, berichten Beteiligte. Bertelsmann würde gerne die Bücher seines Buchklubs in den über 100 Läden von Thalia präsentieren. Die Interessen an einer Kooperation könnten nach Einschätzung von Branchen-Insidern auf beiden Seiten liegen. Denn Thalia ist hier zu Lande erst kürzlich auf Platz zwei der größten Buchhändler abgerutscht. Weder Bertelsmann noch Douglas wollen die Informationen kommentieren. Kommt die Rede auf Thalia, ist der Mund des ansonsten redseligen Rheinländers Walgenbach wie zugenäht.Bekannt ist: Bertelsmann und Thalia arbeiten bereits beim zweitgrößten Internetbuchhändler Buch.de zusammen. ?Buch.de entwickelt sich prächtig?, sagt ein Bertelsmann-Sprecher. Die Aktie des Münsteraner Unternehmens hat sich in den vergangenen drei Jahren vervierfacht.Ein noch engeres Zusammengehen zwischen Bertelsmann und Thalia würde den ohnehin in Bewegung geratenen deutschen Buchmarkt weiter durchrütteln. Die Münchener Buchhandelskette Hugendubel hat sich erst kürzlich mit der Augsburger Verlagsgruppe Weltbild zusammengetan. Die Gemeinschaftsfirma, die DBH Buch Handels GmbH, ist mit über 450 Filialen nun größter Buchhändler in Deutschland. Das Joint Venture setzt auf rasantes Wachstum. ?Mehr und mehr Eigentümer wollen ihre Buchhandlungen verkaufen?, berichtet Firmenchef Maximilian Hugendubel.Vor diesem Hintergrund braucht Douglas, der Mutterkonzern von Thalia, dringend einen finanzkräftigen Kooperationspartner, um Platz eins zurückzuerobern. Intern galt bislang Thalia-Anteilseigner Jürgen Könnecke als Gegner einer Kooperation. Doch offenbar hat sich dies seit dem Hugendubel-Deal geändert.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Starke Bindung zum Klubgeschäft Die Bertelsmann-Familie würde es wohl freuen, war doch der deutsche Buchklub einst Keimzelle für das globale Medienimperium von Reinhard Mohn. ?Der deutsche Klub hat noch immer eine emotionale Bedeutung für den Konzern?, weiß Walgenbach. Schließlich erwirtschaftete Reinhard Mohn mit diesem in den 50er- und 60er-Jahren hoch rentablen Geschäft das Geld für die spätere Expansion.Auch Matriarchin Liz Mohn ist mit dem Klub engstens verbunden. In der Firmenzentrale in Rheda begann sie als Telefonistin ihre Laufbahn bei Bertelsmann. Noch heute besucht die Bertelsmann-Eignerin in ihrer westfälischen Heimat Klub-Lesungen, bei denen etwa RTL-Korrespondentin Antonia Rados von ihren Erlebnissen im Irak berichtet.Die starke Bindung zum Klubgeschäft der Mohn-Familie könnte nun auch Walgenbach zum Vorteil gereichen. Denn Liz und Reinhard Mohn haben sich offenbar noch nicht entschieden, wer den Chefsessel bekommen soll, berichten Vertraute.Erst auf einer Aufsichtsratssitzung Mitte Januar soll die Entscheidung fallen. Bis dahin hat die Eignerfamilie bei ihren häufigen Ferienaufenthalten auf Mallorca noch viel Zeit zu diskutieren. Die beiden Kandidaten sind dann womöglich ganz in der Nähe. Ostrowski besitzt schon seit Jahren ein Anwesen auf der Insel. Und auch Walgenbach hat sich inzwischen im Künstlerort Deiá mit einem Zweitwohnsitz niedergelassen. Von dort sind es nur wenige Kilometer zur Villa der Mohns in der Bucht von Alcudia.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.09.2006