Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der Schokobaron

Von Oliver Stock
Daniel Bloch führt die feine Schweizer Marke ?Camille Bloch? in dritter Generation. Von seiner im Gebirge versteckten Fabrik aus, exportiert Bloch Schokoladenspezialitäten in alle Welt. Jetzt will er auf dem Hauptexportmarkt Deutschland noch mehr Leckereien absetzen.
Daniel Bloch führt das Familienunternehmen "Camille Bloch" mit wachsendem Erfolg. Die Marke ist in der Schweiz bereits die Nummer drei. Foto: PR
COUTELARY. Plötzlich steht er mittendrin: ein kleiner Mann mit großen, durchdringenden Augen, wenig Haar, der Hemdkragen etwas verrutscht. Alle Blicke richten sich auf ihn, und auch seine Generalin ? oder Direktionsassistentin, wie ihr offizieller Titel heißt ?, die eben noch die Gruppe mit klaren Marschbefehlen durch die Fabrik dirigiert hat, verstummt.Wie ein Entertainer auf der Bühne, nur ohne das schützende Licht der Scheinwerfer und den bewahrenden Abstand durch die Rampe, soll Daniel Bloch jetzt die Erklärung zur Show liefern. Und wie ein Schauspieler braucht der Schokoladenbaron aus dem schweizerischen Jura ein bisschen Zeit, bis er warm wird.

Die besten Jobs von allen

Die Show ? das war eben der Gang durch seine Schokoladenfabrik, die tief im Berner Jura-Gebirge im kleinen Ort Coutelary verborgen liegt. Hier fertigt Daniel Bloch die feine Schokolade der Marke Camille Bloch, die in der Schweiz auf Platz drei hinter den Riesen Lindt & Sprüngli und Nestlé rangiert und deren Praliné-Stängel dort fast so beliebt sind wie das Kräuterbonbon Ricola. Den Großteil des Exports liefert Bloch nach Deutschland, wo Schoko-Spezialitäten im Trend liegen. Er will künftig noch mehr liefern.Wenn es überhaupt eine Region in der Schweiz gibt, die das Etikett Armenhaus verdient, dann das Jura-Gebiet. Die Kantone hier oben, nahe der französischen Grenze, leiden unter chronisch klammen Kassen. Waldbauern, ein paar Uhrenmanufakturen: Da wird eine Schokoladenfabrik, die 200 Mitarbeiter beschäftigt, zum größten Arbeitgeber weit und breit.Es ist nicht einfach, aus den Tiefen der Jura-Täler heraus wahrgenommen zu werden. Die hohen Schornsteine der Schokoladenbäcker künden noch immer davon, dass die Gebäude mal als Papierfabrik entworfen worden waren, bevor Camille Bloch, der Großvater von Daniel, vor 73 Jahren beschloss, die Fabrikation von Schokolade und Konfisserieartikeln aus Bern hierher zu verlagern.Der Großvater: Daniel Bloch taut sichtbar auf, wenn er von ihm erzählt. Er selbst ist ein Familienmensch, zusammen mit seinen beiden Geschwistern kommt die dritte Generation inzwischen auf zehn Nachfolger. Um die Zukunft der Schokolade aus dem Jura müssen sich die Schweizer also keine Sorgen machen. Der jüngere Bruder Stéphane ist Daniel Blochs Stellvertreter im Verwaltungsrat des Unternehmens.Die jüdische Familie verlegte die Schokoladenproduktion zu einer Zeit ins Jura, als in den Nachbarländern ringsherum die Zeit der Pogrome gegen ihre Glaubensbrüder begann. ?Ich habe eine glückliche Jugend in einer unglücklichen Zeit erlebt?, soll Daniel Blochs Vater Rolf später zu Protokoll geben. Als es auch in der Schweiz für den Großvater als Juden schwer wurde, an den Rohstoff Kakao heranzukommen, erfand er ?Ragusa?, einen ?Praliné-Stängel?, wie es hier heißt, bei dem eine Haselnussmasse den Kakao ersetzt. Der Stängel ist noch heute der Bestseller aus dem Jura-Tal. ?Immer wenn es schwierig wurde, sind wir am meisten gewachsen?, stellt der Enkel fest.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Verpatzte ExpansionSchwierig ist es für einen mittelständischen Schokoladenbaron in der Welt der Großen auch heute wieder. Bei einer verpatzten Expansion in die USA haben die Schweizer aus dem Jura Lehrgeld bezahlt. Und wären nicht ein paar Berge im Weg, könnte Camille Bloch mit dem Feldstecher seinen Konkurrenten Nestlé dabei beobachten, wie der am Genfer See Strategien austüftelt, um die Welt einerseits mit mehr Schokolade zu versorgen, sie aber andererseits durch neue Diätmittel wieder schlank zu machen.Dem Gesundheitstrend kann Bloch nur den unerschütterlichen Glauben der Genießer entgegensetzen: ?Schokolade teilt man nicht, man teilt höchstens die Freude daran?, hat der Großvater gesagt. Ärger droht auch durch die Preispolitik der Discounter und stark steigende Rohstoffpreise. Hier hilft nur eine starke Marke. In der Schweiz ist Camille Bloch und sein ?Ragusa? so eine.In Deutschland will Bloch zulegen. Ihr zweistelliges Wachstum verdankt die Firma vor allem einem inzwischen doch florierenden Export, der dem Chef wiederum gerade den Brief eines deutschen Investors auf den Schreibtisch flattern ließ. Natürlich hat Bloch ihm abgesagt.Der Mann kannte sich nicht aus. Die Familie ist das Herz des Unternehmens. Vater Rolf Bloch wurde ein Jahr nach der Gründung der Schokoladenmanufaktur geboren. Die Schweizer kennen ihn als bedächtigen Streiter für die jüdische Sache. In den neunziger Jahren war das Land mit einiger Verspätung gezwungen angesichts von Millionenvermögen, die auf sogenannten nachrichtenlosen Konten bei Schweizer Banken lagen und mutmaßlich von Opfern des Holocausts stammten, über die eigene Rolle im Zweiten Weltkrieg nachzudenken. Da war es Rolf Bloch, der an der Spitze eines Fonds stand, der das Geld verteilte.?Er hat bis an die Grenze seiner physischen Belastbarkeit gearbeitet?, sagt ein Freund des Vaters über diese Zeit, die zur Folge hatte, dass Daniel Bloch und sein Bruder früh an die Spitze der Firma rückten.Der Vater war aber auch ein Patron, einer, der täglich durch die Hallen strich, nicht nur, um Mitarbeitern die Hände zu schütteln, sondern auch, um zu kontrollieren, ob sie da sind. Erst unter seinem Sohn sei der Wechsel von der Ein-Mann-Führung zum Team gelungen, urteilen Wirtschaftsabsolventen der Universität Bern, die sich Camille Bloch als Paradebeispiel für ein Familienunternehmen angeschaut haben.Und seither schlägt das Herz von Coutelary wieder kräftig. Sind Familienunternehmen Auslaufmodelle? Daniel Bloch zögert und entgegnet dann mit der Beharrlichkeit seiner Vorfahren: ?Sie sind das Zukunftsmodell.? Die Kirche verliere an Bedeutung, der Staat sei überfordert. ?Die Familie als Netzwerk wird an Wichtigkeit gewinnen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 13.02.2008