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Der schlaue Fuchs der Logistik-Branche

Von Axel Granzow
Günter Thiel steht mit der Pin Group vor großen Problemen. Mindestlöhne und Preissenkungen der Post machen dem Geschäftsmodell zu schaffen. Immerhin hat er frühzeitig den Großteil seiner eigenen Anteile am Briefzusteller verkauft.
Ein Zusteller des privaten Postdienstes PIN Group trägt in Essen Post aus. Foto: AP
DÜSSELDORF. Es fing alles so gut an: Die Zeitungsverlage Axel Springer, Georg von Holtzbrinck und WAZ bündeln ihre Postgeschäfte und gründen mit der Rosalia aus Luxemburg ein Unternehmen für die bundesweite Briefzustellung. Aufbau und Führung der Pin Group übernimmt Günter Thiel, ein erfahrener Logistikmanager.Der gelernte Speditionskaufmann ist Gründer und Chef der Thiel Logistik, die er an die Börse geführt und zu einem Star am damaligen Neuen Markt gemacht hat. Danach ist er Chef der Logistiksparte des niederländischen Postkonzerns TNT. Später trennen sich die Holländer von der Sparte, weil sie sich vor hohen Ausbauinvestitionen scheuen und sich lieber auf Eilsendungen und Briefe konzentrieren.

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Am 8. September des Jahres 2005 unterzeichnen die vier mit jeweils 25 Prozent an der neuen Gesellschaft beteiligten Partner die Verträge für die Pin Group. ?Der Postmarkt wird sich in den nächsten Jahren, vor dem Wegfall des Briefmonopols Ende 2007, rasant entwickeln?, sagt Thiel damals und kündigt an: ?Wir wollen die Nummer zwei hinter der Deutschen Post werden.?Heute steht Pin und damit der 55-jährige Thiel vor einem Scherbenhaufen. ?Springer treibt Posttochter in die Pleite?, titelt die ?Financial Times Deutschland?. Noch vor Weihnachten werde das Unternehmen abgewickelt, schreibt die Zeitung unter Berufung auf Gesellschafterkreise. Auch wenn eine Springer-Sprecherin noch so oft wiederholt, dass bislang keine Entscheidung gefallen sei und jede Option geprüft werde. Günter Thiel soll außerdem angeblich seinen bis Juni kommenden Jahres laufenden Vertrag nicht verlängern und die Firma verlassen wollen.Was ist passiert?Günter Thiel hat das getan, was in der Logistikbranche als das Modell Thiel gilt: Er ist auf Einkaufstour gegangen ? wie bereits bei Thiel Logistik. Er kauft einen Zustelldienst nach dem anderen und treibt so den Umsatz hoch. Für das laufende Jahr rechnet Pin mit einem Umsatz von 350 Millionen Euro. 2010 soll es bereits eine Milliarde sein. Das entspricht im Briefmarkt einem Marktanteil von zehn Prozent.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Springer-Verlags-Chef ist überzeugtSpringer-Verlags-Chef Mathias Döpfner ist vom Geschäft so überzeugt, dass er für 510 Millionen Euro zwischenzeitlich weitere knapp 50 Prozent der Anteile gekauft hat ? von seinen Partnern Holtzbrinck, WAZ und Thiel.Doch die Strategen Döpfner und Thiel haben die Rechnung ohne Post-Chef Klaus Zumwinkel und die Bundesregierung gemacht. Zumwinkel will ?bis zum letzten Blutstropfen um jeden Brief kämpfen? und tut das auch ? als Lobbyist in Berlin und als Konzernchef in Bonn. Mindestlohn und Preissenkungen machen den Plänen der Pin Group und anderer Konkurrenten der Post, die offenbar auf Niedriglöhnen beruhen, einen Strich durch die Ergebnis-Kalkulation.Doch Thiel gilt als Fuchs der Branche: Er hat den Großteil seiner Anteile an der Pin Group bereits verkauft, genauso rechtzeitig wie seinerzeit bei Thiel Logistik. Der Käufer, die Quandt-Familie, kann ein Lied davon singen. Sie musste den Gemischtwarenladen Thiel Logistik wieder auf Vordermann bringen. Bei der Pin hat Döpfner nun den Schwarzen Peter. Er sitzt auf hohen Verlusten und hat einen Sanierungsfall am Hals.Allerdings ist Günter Thiel noch mit im Boot. Er hält weiterhin zehn Prozent der Anteile. Deshalb gibt er sich kämpferisch und fordert von der Bundesregierung einen Mindestlohn in Etappen. Doch die Hilferufe kommen womöglich zu spät.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.12.2007