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Der Schattenmann aus Essen

Von Georg Weishaupt
Wer Medion-Chef Gerd Brachmann sehen will, hat nur eine Chance: die Hauptversammlung seines Unternehmens.
ESSEN. Kein Foto gibt es von ihm. Nicht einmal die üblichen Kopf-Brust-Porträts, die aus den Akten von Personalabteilungen zu stammen scheinen. Und auch keine Uralt-Ablichtungen als Jugendsünde. In Talkshows ist er auch nicht zu sehen, und von Interviews hält er ohnehin nichts.Gerd Brachmann macht aus seinem Äußeren ein großes Geheimnis. Wer das lüften will, hat nur einmal im Jahr die Gelegenheit dazu: auf der Hauptversammlung der Medion AG. Da hat der Multimillionär, Gründer, Großaktionär und Vorstandschef des Unternehmens, das Discount-Händler wie Aldi mit Unterhaltungselektronik beliefert, keine Chance: Er muss auf das Podium, diesmal im Congress Center West in Essen, Saal Europa.

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?Da, der ist es?, sagt der Sicherheitsmann an der Saaltür. Brachmann steht auf dem Podium im Gespräch mit Vorstandskollegen, kurz vor dem Beginn der Hauptversammlung: unauffällig, sehr schlank, groß gewachsen, mit schmalem Schnurrbart, dunklem, vollem Haar, das im Nacken bis zum Kragenansatz reicht. Auf dem langen Hinterkopf sträuben sich ein paar Haare gegen den sportlichen Schnitt.Das ist der fotolose Vorstandschef, der ?nur ein normales Privatleben führen möchte?, wie er dem ?Manager Magazin? vor kurzem in seinem ersten und einzigen Interview überhaupt sagte.Mit federndem Schritt geht der 45-Jährige zum Rednerpult, und das im Schweinwerferlicht. Leicht schüchtern wirkt er, jungenhaft. Große Reden vor Publikum scheinen seine Sache nicht zu sein. Ernst liest er den Vortrag vom Blatt. Erst später wird er lockerer, als er über die digitale Zukunft in der Unterhaltungselektronik spricht. Da lächelt er, verwandelt sich in den begnadeten Verkäufer Brachmann, der Menschen für sich einnehmen kann.Etwa 400 Aktionäre sind gekommen, wollen hören, wie er das Unternehmen wieder auf Wachstumskurs bringen will. Denn es steht nicht gut um Medion: Der Umsatz ist im ersten Quartal weiter eingebrochen, um 17,6 Prozent auf 631,4 Millionen Euro. Das Ergebnis stürzte von 45,5 Millionen auf 12,5 Millionen Euro. ?Der Preisverfall in der Konsumelektronik? sei schuld, sagt Brachmann, die Dollarschwäche und die ?verschlechterte Fixkostenquote?. Im Jahr 2004 war der Umsatz um zehn Prozent auf 2,62 Milliarden Euro und das Betriebsergebnis um über die Hälfte auf 86 Millionen Euro gefallen.Medion musste eine Gewinnwarnung herausgeben ? eine ungewohnte Erfahrung für den Erfolgsmenschen Brachmann. 1983 gründete er Medien zusammen mit Geschäftspartner Helmut Linnemann, der später ausstieg. Sein Geschäftsmodell: Er liefert großen Handelsketten wie Aldi oder Tchibo günstige Produkte wie Mobiltelefone oder Computer maßgeschneidert für ihr Sortiment. Fertigen lässt er sie bei Dritten, er steuert Qualitätsmanagement und Logistik, kümmert sich um Beratung und Reparaturservice mit eigenen Call-Centern.Lesen Sie weiter auf Seite 2Er selbst, den viele Mitarbeiter ?Gerd? nennen, ist bei allem Erfolg auf dem Teppich geblieben, ist zu hören. Er spiele nicht ?den großen Max?, heißt es aus Firmenkreisen. Die Zentrale hat der Multimillionär wegen der günstigen Miete in einem heruntergekommenen Geschäftshaus in der Essener City belassen, neben einem Sexshop und einer Videothek, mit der er mal angefangen hat. Außerdem nimmt sich der Vater von vier Kindern nach wie vor Zeit für seine Familie. So wird berichtet, dass er, der so knallhart mit Partnern wie Aldi verhandelt, auch mal eine Besprechung unterbricht, wenn sein Sohn ihn unbedingt per Handy etwas fragen müsse.Aber jetzt hat der gelernte Rundfunk- und Fernsehtechniker und Groß- und Außenhandelskaufmann, dem 54 Prozent der Aktien gehören, andere Sorgen. Er muss sehen, wie er wieder an die Erfolgszeiten von Medion anknüpfen kann, spricht ?von Maßnahmen zur Effizienzsteigerung und Kostenoptimierung?. Doch wie schon 2004 werden Umsatz und Ertrag in diesem Jahr wohl sinken.Die Kritik der Kleinaktionäre fiel gestern trotzdem verhalten aus. Wie die des leicht untersetzten Freiberuflers mit dem grauen, im Nacken gebundenen Haar. ?Es ist natürlich im vergangenen Jahr nicht so gut gelaufen. Aber das ist ja überall im Handel derzeit so, da muss man etwas Geduld haben.?Vielleicht sind die Aktionäre auch deshalb so milde gestimmt, weil sie im Foyer bei Croissant und Milchkaffee auf Schnäppchentour gehen. Sie packen ein, was sie kriegen können: den Handmixer für fünf Euro, den MP3-Spieler für 35 Euro, die Herzfrequenzuhr für zehn Euro. Voll bepackt verabschiedet sich da mancher früh in Richtung Tiefgarage.Dann ist die Veranstaltung zu Ende. Und Gerd Brachmann verschwindet wieder für ein Jahr aus dem Licht der Öffentlichkeit, der Schattenmann aus dem Ruhrpott. Kaum jemand wird ihn auf der Straße wieder erkennen ? erst recht nicht, wenn der Medion-Chef wieder mal in Lederzeug mit seiner Harley-Davidson auf Tour geht.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.05.2005