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Der Schatten-Kanzler

Von Felix Schönauer, Handelsblatt
Nächste Woche stimmen die Briten über Tony Blair ab. Und über seinen Nachfolger gleich mit: Gordon Brown. Ein Porträt.
LONDON. Und dann dieses Lied. Es hämmert aus den Lautsprechern. Nur die paar Akkorde, die es braucht, bis Gordon Brown, 54, die Bühne erreicht. Einen ?beautiful day? jammert Bono vom Band, doch das fleischige Gesicht des Schatzkanzlers von New Labour passt nicht. Er trägt die immer gleiche Maske, die Wachsamkeit signalisiert. Ab und zu knipst er ein Lächeln an, das schnell wieder in sich zusammenfällt. Brown spricht in einem Kindergarten nahe der Londoner City. Wer ihm diesen Auftritt eingeredet hat, könnte auch für die Opposition arbeiten. So etwas kann keine guten Bilder bringen.Auf dem Podium versucht der zweitmächtigste Mann Großbritanniens einen Witz. Sollte jemand im Raum versuchen, ihn zu unterbrechen, werde er damit keinen Erfolg haben, sagt er und blickt auf die Kinder. ?Ich kann mich auch mal durchsetzen.?

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Der Witz bleibt der einzige eines gewaltigen Monologs. Je länger Brown redet, umso mehr wirkt der Mann wie eine Antithese dessen, was sich vor ihm abspielt. Auf dem Fußboden schreien und toben Kleinkinder. Brown liest und liest. Seine Welt besteht aus Zahlen und Statistiken. Er weiß, dass eine gute Vorschule die Chancen auf einen erfolgreichen Schulabschluss verdoppelt. Er weiß, wie viel mehr Geld eine Alleinerziehende heute bekommt als vor acht Jahren. Und wenn es eine Zahl gäbe, die zusammenfasst, wie viel besser es dem Land heute geht als bei der Machtübernahme von Labour, würde Brown auch diese kennen. Er will der beste Schatzkanzler sein, den das Land je hatte. Der mächtigste ist er schon. Aber wäre er auch ein guter Premierminister?Das ist die Frage, die die Briten bei der Wahl am 5. Mai mit beantworten müssen. Wer für Tony Blair stimmt, wählt einen Kandidaten mit begrenzter Haltbarkeit, eine Art Auslaufmodell. Im Oktober sagte er, er bleibe höchstens noch für eine Amtszeit.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Blair hat GesundheitsproblemeIn der Partei führt ihm der Schatzkanzler seit Monaten vor, wie schnell die Machtbasis schrumpft. Gesundheitlich hat Blair Probleme, das Herz. Vom Volk hat er sich entfremdet. Der Schaden durch den Krieg im Irak ist irreparabel. Sein Nachfolger muss wohl nicht einmal eine Amtszeit warten. Brown verhält sich entsprechend. Wann immer er mit Blair auftritt, lobt er ihn. Er nennt ihn den ?besten Labour-Premierminister seit 100 Jahren?. An anderen Tagen ist er ?stolz, für ihn zu arbeiten?. Es klingt wie ein Nachruf über Wochen. Und wenn wieder ein Journalist den Premier nach dem ?schwächsten Glied? im Kabinett fragt, legt der bullige Brown den runden Kopf zur Seite und schaut seinen Chef an, als wolle er sagen: ?Siehst du? Du hast keinen mehr auf deiner Seite.?Brown ist der Favorit auf die Nachfolge. Er gilt als langweilig, aber prinzipientreu, ein Gegenentwurf zu Blair. Nur wenige würden mit Brown durch die Kneipen ziehen. Seine Arbeit aber schätzen die Briten. Seine achtjährige Amtszeit prägt ein früher Coup. Wenige Tage nach der Machtübernahme entlässt er die Bank von England in die geldpolitische Unabhängigkeit. Damit bringt er dem Land eine nie gekannte Stabilität. In den ersten Jahren pumpt Brown obendrein wenig Geld in das öffentliche System. Das verschafft ihm jährlich Milliardenüberschüsse. Browns Kalkulation geht auf: Die Wirtschaft funktioniert als beinahe einzige in Europa, den Briten geht es mit jedem Jahr besser.Heute fährt der Finanzminister dafür die Ernte ein. Bei mehr als der Hälfte des Wahlvolks gilt er als ?überzeugend?. Labours Mehrheit würde sich Umfragen zufolge verdoppeln, würde Brown schon heute als Premier zur Wahl stehen.Der wohl künftige Hausherr in Downing Street wird am 20. Februar 1951 als zweiter von drei Söhnen eines presbyterianischen Predigers im schottischen Kirkcaldy geboren. Als Schüler ist Gordon fleißig und gut, er überspringt eine Klasse, gilt als Streber. Er liebt den Sport, will Fußball-Profi werden ? bis zu seinem 16. Lebensjahr. Da verletzt sich Brown beim Rugby am Auge. Zu Hause erzählt er nichts. Monate später will er einen Ball beim Fußball köpfen, danach sieht er nur noch verschwommen. Erst jetzt geht er zum Arzt, der eine abgelöste Netzhaut diagnostiziert. Brown muss ins Krankenhaus, die nächsten sechs Monate verbringt er im Bett im Dunkeln. Eine traumatische Zeit für einen Jugendlichen. Er selbst hat einmal gesagt: ?Ich habe mich so betrogen gefühlt. Ich musste als gesunder Mensch im Bett liegen, nur weil ich nichts sehen konnte.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Seine Intelligenz und Bildungshunger fallen aufTrotz der Behandlung verliert Brown seine Sehkraft im linken Auge. Als er aus dem Hospital kommt, wirkt er wie verwandelt: ungeduldig und drängend. Als ob er keine Zeit mehr zu verschwenden hätte.Wo er danach auch hinkommt, fallen als Erstes seine Intelligenz und sein Bildungshunger auf, als Zweites die Hilflosigkeit im Alltag. Brown vergisst Verabredungen, vernachlässigt Freunde. Der Legende nach bemerkt er eines Tages einen Einbruch in seinem Büro und wendet sich an die Polizei. Die Beamten sind schockiert. Zettel und Zeitungen liegen kreuz und quer verteilt im Raum. Als die Polizei den Vandalismus der Ganoven rügt, entgegnet Brown: ?Wieso? So sieht es doch immer aus.?An der Universität Edinburgh studiert er Geschichte. Dort legt sich der mittlerweile bei Labour eingetretene Student mit dem konservativen Rektor an. Am Ende startet er seine eigene Kampagne und wird noch als Doktorand selbst zum Rektor gewählt. Er engagiert sich stärker in der Politik und kämpft gegen den Abstieg Labours von der Macht. Trotz eines Spitzensteuersatzes von 60 Prozent befürwortet er höhere Einkommensteuern. Wann immer Weggefährten Brown in dieser Zeit treffen, trägt er einen Stapel Papiere unter dem Arm oder brütet über Zahlen und Daten.Anfang der 80er-Jahre geht er für den Wahlkreis Dunfermline East nach Westminster. Dort teilt er sich ein Büro mit Tony Blair aus dem englischen Sedgefield. Beide kommen gut miteinander aus. Bald gelten sie als ?Zwillinge? oder ?Blutsbrüder?. Anfangs heißt es ?Brown und Blair?, nicht umgekehrt. Der Schotte denkt vor, der Engländer präsentiert. Über die Jahre verändert sich die Hierarchie. ?Gordon Brown hat sich überverkauft. Er hat täglich und zu allen Themen angerufen und alles kommentiert?, erinnert sich die Journalistin Julia Langdon, die an einer Biografie über Brown arbeitet. Bald hört keiner mehr zu, wenn er etwas sagt. Er merkt das nicht. Als Langdon ihn später darauf anspricht, dass sein Stern sinkt, lacht er: ?Das wird schon wieder.?Es wurde nicht. 1994 stirbt Labour-Parteichef John Smith, und Brown ist der Einzige, der an sich als Nachfolger glaubt. Andere gehen von Blair aus. Doch der will nicht gegen seinen Freund antreten. Bei einem Abendessen im Londoner Restaurant ?Granita? überzeugt Blair Brown, dass er die besseren Chancen hat. Das Treffen wird zum meistdiskutierten Essen in Großbritannien. Bis heute ist unklar, was beide an jenem Abend noch ausgemacht haben. Die wichtigste Frage: Versprach Blair, vor dem Ende einer möglichen zweiten Amtsperiode zu Gunsten von Brown abzutreten? Blair sagte dazu vor kurzem: ?Über eine solche Position macht man keine Geschäfte.?Brown scheint es aber zu glauben. Vor der Wahl zur nun dritten Amtsperiode Blairs häuften sich die Meldungen über ein endgültiges Zerwürfnis. Dem Brown-Biografen Robert Preston zufolge sagte Brown zu Blair: ?Nichts von dem, was du sagst, werde ich dir jemals wieder glauben.? Je länger beide an der Regierung waren, umso stärker wurden die Konflikte. Brown hat sich eine nie gekannte Macht als Schatzkanzler genommen. Er spricht seine Haushaltspläne nicht mit Blair ab, er mischt sich in alle innenpolitischen Entscheidungen ein. Brown kann sich das herausnehmen, weil die Partei ein innigeres Verhältnis zu ihm hat als zu Blair. Würde der Premier ihn feuern, gäbe es einen Aufstand.Umgekehrt gilt: Wenn Brown einen Putsch gegen Blair plante, hätte er vor einem Jahr seine beste Chance gehabt. Er stand im Zenit seines Schaffens. Blair selbst dachte an Rücktritt, weil er die Folgen des Irak-Konflikts nicht mehr ertragen konnte. Doch einen offenen Eklat will Brown nicht provozieren, um keine gespaltene Partei zu übernehmen. So wartet er wie so viele Jahre. Hat er den richtigen Zeitpunkt womöglich schon wieder verpasst? Die Wirtschaft läuft nicht mehr so gut. Die öffentliche Verschuldung steigt. Und Volkswirte sprechen schon von neuen Steuererhöhungen. Das Gespenst der alten Labour-Partei taucht wieder auf: erst höhere Schulden, dann höhere Steuern.Am Ende des Auftritts im Kindergarten hat der Schatzkanzler seine Zuhörer erschöpft. Nicht einmal die Frauen auf dem Podium schauen ihn noch an. Sie starren ins Publikum. Brown aber grinst und streckt die Arme wie ein schüchterner Junge. Später sagt eine Frau, dass es eine gute Rede war. Nur auf die eine oder andere Zahl hätte er verzichten können. Sie hat den Mann nicht verstanden.
Dieser Artikel ist erschienen am 27.04.2005